Down-Syndrom

Lindas Welt - mit festem Schritt durchs Leben

Die 17-Jährige wurde mit dem Down-Syndrom geboren. Sie liebt Joggen, Radfahren und Schwimmen - und meistert ihren Alltag

Foto: Amin Akhtar

Linda presst die Salatgurke auf das Brett. Schrapp - mit dem Schäler schneidet sie eine Bahn in die Schale. Dann noch eine und noch eine. Die Gurke, nun glitschig, droht vom Brettchen zu rutschen. Die 17-Jährige schiebt sie zurück aufs Brett und neigt ihren Kopf konzentriert noch tiefer über das Gemüse, während ihr Bruder Lennart (13) lässig seine Tomatenviertel in die Salatschüssel gleiten lässt. Endlich ist es geschafft, die Gurkenschale besiegt. "Hier, das Messer", sagt Susan Gerstel zu ihrer Tochter und gibt es ihr, "jetzt kannst du die Gurke in Scheiben schneiden." Linda strahlt sie an: "Aber gern! Ich weiß, ich bin eine vorbildliche Maus! Ich weiß, ich bin toll!" Susan Gerstel und Lennart müssen lachen, Linda lacht mit.

Es ist Sommer an diesem Nachmittag in Falkensee, Ortsteil Finkenkrug. Die Einfamilienhäuser säumen in Reih und Glied die Straße, von draußen dringt der Lärm eines Rasenmähers in die Küche von Familie Gerstel. Sehr aufgeräumt ist es hier; die Zutaten für den Salat, den es zum Abendbrot geben wird, liegen säuberlich bereit. Die Mutter trägt ihre Haare hochgesteckt, der Sohn die Socken farblich passend zum T-Shirt. Nur Linda, die Tochter, fällt ein wenig aus dem Rahmen. Einige Strähnen ihrer rotblonden Haare haben sich während des Tages aus dem ordentlich geflochtenen Zopf gelöst, ihr buntes T-Shirt hängt etwas zerknittert über den Shorts. Vor allem aber die überbordende Energie und Herzlichkeit sind es, die die 17-Jährige so besonders machen. Mit ihrer Begeisterungsfähigkeit und Spontaneität erfüllt sie Haus und Garten mit Lebendigkeit.

Linda hat das Down-Syndrom. Die Diagnose kam wie ein Axthieb und haute in die heile Welt von Susan Gerstel und ihrem Mann eine tiefe Kerbe. "Linda war ein Wunschkind, die Schwangerschaft wie im Bilderbuch", erzählt Susan Gerstel. "Dass mit ihr etwas anders ist, habe ich erst nach der Geburt erfahren, als die Hebamme an mein Bett kam und mit mir sprach." Wirklich keine Ahnung habe sie gehabt, ihr Frauenarzt aber wohl, wie sie im Nachhinein erfuhr. Bei der Nachuntersuchung habe er gesagt: "Ach, hab' ich mir's doch gedacht..." und erklärt, dass die Blutwerte auf die Chromosomenanomalie hingewiesen hätten. "Bei dem war ich nie wieder", sagt Susan Gerstel, und in ihren großen blauen Augen spiegelt sich immer noch etwas von der Verletzung, die die Feigheit und der Vertrauensmissbrauch des Arztes bei ihr hinterlassen haben.

Kinder mit Down-Syndrom brauchen viele Liebe

Immerhin war das Paar im Krankenhaus in guten Händen. 13 Wochen musste Susan Gerstel mit Linda da bleiben, weil die Kleine am Herzen operiert werden musste. Es folgten Therapien und Anleitungen zu Übungen, die sie mit Linda zu Hause machen sollte. "In dieser Zeit konnte ich gar nicht denken, da wurde für mich gedacht", sagt die Mutter. Nur in den einsamen Momenten stieg Enttäuschung in ihr hoch, Trauer auch - und Angst. Die Hebamme aus dem Krankenhaus sei es gewesen, die ihr schließlich eine Richtung und Kraft für die bevorstehenden Herausforderungen gegeben habe. "Sie sagte zu mir: Kinder mit Down-Syndrom sind ganz liebenswerte Menschen", erzählt Susan Gerstel. "Sie brauchen viel Liebe und geben viel Liebe. Was Sie früh investieren, das bekommen Sie später zurück." Diese Sätze sind zu einem Leitmotto geworden, nach dem Susan Gerstel bis heute lebt.

Linda hat sich auf die Treppe vors Haus gesetzt und zieht mit Bedacht ihre Schuhe an. Sie will zum Teich, Fahrradfahren. Das zierliche Mädchen, gerade 1,47 Meter groß, ist sehr sportlich: Mit sieben Jahren konnte Linda ohne Stützräder Radfahren, mit acht Jahren begann sie regelmäßig zu schwimmen. Vor kurzem hat Linda zudem mit artistischem Training angefangen beim Circus Sonnenstich in Mitte, einem Projekt für junge Erwachsene mit geistigen Behinderungen. "Ja, wunderbar, ich bin begeistert! Das ist schön, was ich alles kann!", kommentiert Linda liebevoll die Schilderungen ihrer Mutter und nestelt am Reißverschluss der Schuhe. Die sportlichen Aktivitäten festigen und erweitern Lindas Fähigkeiten und geben ihr zudem das Gefühl, im Leben zu stehen und gebraucht zu werden. "Das ist ganz wichtig für sie", sagt Susan Gerstel und erinnert sich lächelnd daran, wie stolz Linda war, als sie bei einem Mini-Marathon eine Medaille erhielt. "Down-Kinder brauchen Bestätigung und Lob, dann blühen sie auf", sagt sie. "Sie haben so ein unwahrscheinliches Talent, sich zu freuen." An diesem Wochenende wird Linda erstmals am Deutschen Down-Sportlerfestival teilnehmen, das zum 9. Mal in Madgeburg stattfindet - und mit Sicherheit wieder einige Medaillen abräumen.

Zugleich ist der Sport etwas, das die ganze Familie verbindet. Joggen, Inliner fahren, Paddeln, Alpinski: Alles hat die Familie schon gemeinsam unternommen. Dabei kommt schließlich nicht nur Linda, sondern auch Lennart auf seine Kosten - der kleine Bruder, der sich, wie er etwas zögerlich zugibt, doch mehr als großer Bruder fühlt. "Ich mache zum Beispiel DVDs für sie an...", sagt er, und Linda fällt ein: "Genau! Mamma Mia! Das ist mein Lieblingsfilm!" Schwärmerisch dreht sie die Augen nach oben, Lennart schmunzelt. Als Lennart in die erste Klasse kam, sei das Verhältnis "gekippt" und der vier Jahre Jüngere habe seine Schwester überrundet, sagt die Mutter. Für Susan Gerstel bedeutete diese Entwicklung auch ein Stück Befreiung von dem schlechten Gewissen, das sie ab und an beschlichen hatte. "Nicht selten hatte ich mich als Rabenmutter gefühlt, gerade als beide noch ganz klein waren", sagt sie. "Da saß Lennart in seinem Ställchen, während ich mit Linda Ball spielte, mit ihr Farben und Formen trainierte und redete, redete, redete - natürlich ganz kurz und knapp in Dreiwortsätzen, damit sie es gut verstehen konnte."

Training auch für den kleinen Bruder

Das Training schlug an - allerdings nicht nur bei Linda, sondern auch bei Lennart: "Mit zweieinhalb zählte er plötzlich von eins bis zehn", erinnert sich Susan Gerstel noch heute begeistert: "Er hatte alles mitgekriegt!" Bis heute ordnet Susan Gerstel, ausgebildete Diplomingenieurin für Ledertechnologie, ihre persönlichen Ambitionen den Bedürfnissen ihrer Kinder unter und denkt sich immer neue Fördermöglichkeiten für Linda aus. Weitgehend allein organisiert sie den Alltag: Ihr Mann ist beruflich viel unterwegs. Über Jahre besuchte die Mutter eine Selbsthilfegruppe in Potsdam, um sich über Hilfsangebote auszutauschen. Sie kämpfte dafür, dass Linda in eine übliche Kita und an die Regel-Grundschule in Falkensee kam. Jüngst nahm sie an einem Rechentraining-Kurs teil und setzte das erworbene Wissen gleich in den Ferien mit Lindas Clique - vier Schulfreunden, die ebenfalls das Down-Syndrom haben -, im eigenen Garten um. "Oh ja, das Mathecamp!", ruft Linda. "Da sind wir jeden Morgen zusammen um den See gelaufen, dann haben wir zusammen gefrühstückt. Mit Brot, Butter, Käse, Marmelade, Saft...ja, und allem Obst, das uns so gut schmeckt! Das haben wir auch alles zusammen eingekauft! Und dann, dann haben wir zusammen Mathe gemacht, da hinten", erzählt sie und zeigt auf einen schattigen Platz im Garten.

Wenn Linda spricht, spricht ihr ganzer Körper mit. Sie gestikuliert mit den Armen, nickt mit dem Kopf, betont wichtige Wörter mit einem entschiedenen Fingerzeig. Irgendwann einmal ein selbstständiges Leben führen - ja, das sei eine durchaus realistische Perspektive für Linda, sagt die Mutter. Deshalb auch das Einkaufen beim Mathecamp: So lerne man sich zu orientieren und zu planen - auch wenn der Umgang mit Geld ein Problem sei, denn einen Bezug zu Geld hätten die wenigsten Menschen mit Down-Syndrom.

Schon jetzt meistert Linda in ihrem Rahmen den Alltag weitgehend allein. Seit den Sommerferien klingelt jeden Morgen um 5.30 Uhr der Wecker. Linda steht auf, frühstückt, wäscht sich, zieht sich an, packt ihre Mappe. Dann holt sie ein Fahrdienst ab und bringt sie ins eine Stunde entfernte Pankow. Dort besucht Linda für die nächsten zwei Jahre die Konrad-Zuse-Schule, eine Berufsschule "mit sonderpädagogischer Aufgabe", wie es im Schulporträt heißt. Lindas Schwerpunkt liegt im hauswirtschaftlichen Bereich - nicht nur, weil sie häuslich ist und gern kocht, sondern auch, weil Susan Gerstel für Linda eine berufliche Zukunft im Service eines Hotels oder Restaurants sieht. Ein Praktikum hinterm Tresen im Café Charlottchen hat sie schon mit Erfolg absolviert. Nach wenigen Tagen habe Linda die notwendigen Handgriffe beherrscht und mit ihrer kommunikativen Art die Herzen der Gäste erobert, zitiert Susan Gerstel aus dem Praktikumsbericht.

Man kann es sich gut vorstellen: Linda, die Liebevolle, Strahlende, Lachende, wie sie einen Gastraum glänzend unterhält und sich selbst noch dazu. Behindert? Das ist ein Wort, das einem zu Linda nicht einfällt. "Ich sage: Sie ist beeinträchtigt", sagt Susan Gerstel. Was Linda nicht davon abhält, all das zu tun, was andere Jugendliche auch machen: Eis essen gehen, tanzen, Filme gucken, sich verabreden, telefonieren. Und genau das hat Linda heute Abend auch noch vor. Später, nach der kleinen Radtour. "So, Susan, dann fahren wir doch jetzt mal", sagt sie bestimmt und ruckelt sich auf dem Sattel ihres Fahrrads zurecht. "Bahn frei!"