Fußballmütter

Kick it like Mutti

Immer wieder Sonntags stehen sie an Spielfeldrändern der Berliner Bolzplätze: Die Fußballmütter. Auch unsere Autorin ist dabei

"Manno Mama, wir müssen zum Fußball!", motzt mein Jüngster und lässt die Stollen knallen. Au weia, wie konnte ich das nur vergessen? Montags um fünf habe ich doch immer Fußball! Erschrocken kanzle ich den berühmten Chefredakteur ab, mit dem ich gerade über einen Artikel spreche, den er mir vielleicht zu schreiben erlaubt. Man hat schließlich wichtigeres zu tun, als irgendwelchen hergelaufenen Zeitungsmogulen Aufträge aus den Rippen zu leiern, die die nächste Miete sichern würden. Fußball zum Beispiel, neben anderen vielleicht die schönste Nebensache der Welt.

Wir sind spät dran und als ich mit Karacho in die kleine Wohnstraße einbiege, die das Spielfeld umgibt, ist schon alles zugeparkt. Vans in allen Variationen, keiner ohne Kindersitz im Fond, alle mit Aufklebern, die der Außenwelt verkünden, dass hier ein Kind (!) transportiert wird, reihen sich zu beiden Seiten der Straße. Ich halte, lasse den Jungen raus, fahre weiter und finde sogar einen Parkplatz, jogge zurück zum Fußballfeld, damit ich das Training nicht verpasse.

Ein paar achtjährige Jungs kicken sich Bälle zu. Der Trainer steckt mit roten Plastikhütchen das Spielfeld ab. Der Rest der Mannschaft ist noch nicht fertig umgezogen worden. Auf den Rängen am Spielfeldrand liegt ein buntes Durcheinander von T-Shirts, Trikots, Hosen und Fußballschuhen, Stutzen und Socken, dazwischen Trinkflaschen, Kekse, große geblümte Schultertaschen. Die gehören den Müttern, die ihren fußballerischen Nachwuchs fürsorglich umflattern und in großen Taschen alles herangetragen haben, was ein achtjähriger Großstadtjunge heute so braucht, um mal 'ne Stunde zu kicken. Nicht wenig ist das. Eher ein demonstrativer Großauftrieb in Sachen elterlichen Engagements zu früher motorischer und sozialer Förderung im Kindesalter.

Schnürsenkel knoten, anfeuern

Auf der Tribüne werden die letzten Hosen auffordernd hingehalten, damit zappelnde Beine hinein finden. Trikots werden übergestreift - von Müttern, die das Textil über die hochgereckten Arme ihrer Söhne streifen, glatt zuppeln und dann einen Schritt zurücktreten, um das Ergebnis mit schief gelegtem Kopf zu begutachten. Die Jungs hibbeln und hampeln, flitzen, kaum dass sie fertig ausstaffiert sind, auf den Platz, werden zurückbeordert, weil sie vor dem Spiel noch einen Schluck aus der Trinkflasche nehmen sollen, einen Kniestrumpf hochziehen, einen Schienbeinschoner festzurren müssen und die Schnürsenkel auch schon wieder lose um die Knöchel flattern.

Während die Kings auf dem Feld großspurig herumtoben und in eindeutigen Gesten zu verstehen geben, dass sie noch viel cooler als die sind, deren Namen auf ihren Trikots zu lesen sind, nämlich die wahrhaften Ballacks, Kloses, Figos, Riberys und Müllers, lässt sich ein blondgelockter Junge ("Zidane") auf den Sitz fallen und hält seiner Mutter kommentarlos die Beine hin. Gesenkten Kopfes kniet sie vor ihm nieder und knotet die Schnürsenkel fest, während er einem anderen auf dem Spielfeld zuschreit: "Mach endlich das Ding rein, du Spast!" Zu seiner Mutter kein Wort, und auch sie erledigt den Dienst schweigend, sogar noch, als die zuckende Fußspitze ihres Jungen ihren gesenkten Kopf streift und sie heftig am Oberarm trifft. Ein unwilliges Kopfschütteln, mehr nicht. Und der Junge springt wieder hoch, rennt johlend, in Siegerpose mit erhobenen Armen, die Finger ausgestreckt zum Victory-Zeichen aufs Feld zurück.

Das Training beginnt, die Mütter sammeln hingeworfene T-Shirts auf, entkrempeln zusammengeknäuelte Hosen und legen sie zu kleinen akkuraten Stapeln zusammen, vergewissern sich mit schnellen Blicken, dass die Tupper-Dose mit Apfelschnitzchen und Vollkornkeksen parat liegt. Eine seufzt ihrem Ballack hinterher: "Ach ja, da macht man was mit, aber man wächst auch dran!" Die Mit-Mütter nicken stumm, dann stellen sie die Trinkflaschen griffbereit. Sie ruckeln sich auf den Bänken zurecht. Und während sie ins Plaudern kommen, sind ihre Blicke fest auf das Gewusel dort auf dem Platz geheftet. Gerät ein Sprössling in die Nähe des gegnerischen Tors löst das Muttivations-Salven aus: "Super!", "Luki! Mensch, pass auf, links!", "David, decken! Du musst decken!", "O nein, hey, das war ein Foul!"

Kommentieren und vergleichen

Der Trainer verdreht genervt die Augen. Immer wieder verhallen seine zarten Bitten, dass man doch bitteschön nicht ins Geschehen eingreifen möge, weil es aus Trainingszwecken ungeheuer wichtig sei, dass die Mannschaft sich an den Gedanken gewöhne, auf ihn zu hören! Doch die Zeiten, in denen sich Mütter aus dem Fußball heraushielten, sind gründlich vorbei. Das muss er einfach nur mal verstehen! Mit gieriger Bewunderung verfolgen die Mütter das Gebolze ihrer Söhne, als ginge es um etwas sehr Wichtiges.

Es wird kommentiert, gelobt, gezetert, angefeuert und verglichen. "Na, deiner kommt ja wohl auch nicht aus den Puschen!", höhnt die Kinder-Kriegerin neben mir und boxt mich kumpelhaft in die Seite. Ich zucke zusammen, klappe das Buch zu und suche meinen Jungen mit den Augen. Er steht lässig im Tor rum und unterhält sich angeregt mit Tom-Philipp. Als der Ball vorbeifliegt, schauen sie beide verdattert hinterher. Muss ich jetzt eingreifen? "Tom-Philipp ist doch viel zu zart fürs Tor!", kreischt seine Mutter, "na, den Trainer werde ich mir mal vorknöpfen. Geht ja gar nicht!" Paul-Torbens Mutter hält die Luft an. Dann schlägt sie sich auf die Schenkel: "Also jetzt vergeigt der mir schon wieder den Pass!" Sie springt auf, wedelt mit den Armen, der Trainer zuckt. Und Paul-Torben dreht seiner Mutter einfach den Rücken zu.

Ich tu's jetzt. Ich gebe mir einen Ruck, stehe auf und gehe. Nuschel' irgendwas von einem Termin und sage, dass ich um sechs zum Abholen wieder da bin. Die Mütter schütteln missbilligend den Kopf: "Wie jetzt? Interessiert dich denn gar nicht, wie deiner spielt? Die brauchen uns doch hier zum Anfeuern! Da kannst du doch nicht einfach gehen!"

Plötzlich prickelt längst tot geglaubte postpubertäre Energie in meinen Adern, reift zur Renitenz-Blase, steigt nach oben und hopst mir aus dem Mund: "Ich kann. Und meiner wird dran wachsen." Die Fußballmütter mustern mich mit neugierigem Befremden. Nur eine fragt kühl: "Hat dein Sohn wenigstens eine Trinkflasche dabei?"