Selbsthilfeorganisation Al-Anon

Alkoholismus ist eine Familienkrankheit

Hannah ist schwanger, doch ihre Freude ist getrübt. Der Grund: Ihr Mann hat wieder angefangen zu trinken. Michael ist verzweifelt, denn sein Sohn hat eine lange Alkohol- und Drogenkarriere hinter sich, ein Ende ist nicht absehbar.

Marie kämpft mit vielen Problemen - sie ist mit einer süchtigen Mutter aufgewachsen. Drei Menschen, die eines gemeinsam haben: Sie sind Angehörige von Alkoholikern und finden Hilfe in den Selbsthilfegruppen von Al-Anon. In diesem Jahr feiert der Verein seinen 60. Geburtstag. 1951 hatten sich in New York 87 Angehörigengruppen zusammen geschlossen, heute gibt es weltweit mehr als 25 500 Al-Anon-Gruppen in 130 Ländern.

Alles fing damit an, dass Lois ihrem Mann Bill, einem Mitbegründer der Anonymen Alkoholiker (AA), wütend einen Schuh an den Kopf warf. Sie merkte, dass auch sie Hilfe brauchte. Sie gründete in den Dreißiger Jahren die erste Angehörigengruppe. War ihr Mann beim AA-Treffen, tauschte sie sich mit anderen Betroffenen aus. Anfangs sprachen die meist weiblichen Mitglieder darüber, wie sie ihren Männern helfen konnten, trocken zu werden oder zu bleiben. Doch bald wendeten sie das Programm der Anonymen Alkoholiker leicht abgewandelt für sich selbst an.

Heute wissen Experten: Alkoholismus ist eine Familienkrankheit und lässt auch die Umgebung des Kranken mitleiden. In ihrem Wunsch, dem Suchtkranken zu helfen, überfordern sich die Angehörigen. "Die falsch verstandene 'Hilfe' geht meistens in die verkehrte Richtung", sagt der Geschäftsführer von Al-Anon Deutschland, Hartmut Große. "Ehepartner, die das Problem vertuschen, oder Arbeitgeber, die aus Mitleid ein Auge zudrücken, ermöglichen es mitunter dem Süchtigen, weiter an der Flasche zu hängen, ohne es zu wollen. Schließlich gibt es ja jemanden, der ihn vor den Konsequenzen seiner Sucht bewahrt."

Sucht ein verzweifeltes Familienmitglied schließlich selbst Hilfe, dreht sich zumindest in der Anfangsphase oft weiter alles um den Alkoholiker. Al-Anon ist eine Selbsthilfegruppe, in der die Angehörigen im Mittelpunkt stehen.

"Wir haben uns entschieden, aus dem alten Karussell der Selbstverleugnung auszusteigen und uns wieder um unser eigenes Leben zu kümmern", erzählt Marie. Die Fremdsprachensekretärin, deren Mutter suchtkrank ist, ist zum zweiten Mal mit einem Alkoholiker verheiratet. Bei Al-Anon entdeckte die junge Frau, dass sie mit ihren Versuchen, ihren alkholkranken Mann zu ändern, eigene, meist aus der Kindheit stammende Ohnmachtsgefühle zu überwinden versuchte.

"Erst in den Gruppen erinnern sich viele hilflose Helfer daran, dass sie selbst aus einer alkoholkranken Familie stammen oder Eltern hatten, die sie in irgendeiner Formvernachlässigt, gedemütigt oder misshandelt haben", ist die Erfahrung des ehemaligen Chefarztes und Leiters der Suchtabteilung des Jüdischen Krankenhauses, Rüdiger-Rolf Salloch-Vogel. Jahrzehntelang sind ihm Menschen begegnet, die sich verzweifelt gefragt haben, warum immer wieder Suchtkranke ihren Weg kreuzten. Sie wollten helfen, aber viele wurden dabei selbst krank.

Mit jedem Rückfall des Partners wurde deutlich, dass die ständige Beschäftigung mit dem Süchtigen für sie ebenfalls Suchtcharakter hatte und ähnlich zerstörerisch wie die Droge wirkte. Schritt für Schritt lernen die Angehörigen, den Alkoholiker "loszulassen" und stattdessen sich selbst zu ändern. Es geht nicht darum, ihn "zu bestrafen", sondern wieder Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Wer das tut, kann manchmal Wunder erleben: Hannahs Mann macht in einer Klinik eine Entgiftung. Auch Maries Mann lebt seit einer Weile abstinent.

Doch es gibt nicht nur Erfolgsgeschichten. Michaels Sohn trinkt weiter, obwohl der Vater sein Verhalten geändert hat und dem Sohn etwa kein Geld mehr gibt. Stattdessen hat Michael neue Freundschaften geknüpft und kann trotz allem Schmerz auch wieder lachen. Er hat vorerst den Kampf gegen den Alkohol verloren - aber sein eigenes Leben wieder gewonnen.

"Wir wollen uns wieder um unser eigenes Leben kümmern"

Marie über sich und andere Co-Abhängige