Konzentrationsfähigkeit

Erfolgreich von Anfang an

Wer leistungsfähig sein will, darf sich nicht ständig ablenken lassen. Kinder können ihre Konzentrationsfähigkeit trainieren

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Eltern wünschen sich ein glückliches und erfolgreiches Leben für ihre Kinder. Forscher der University of British Columbia richten ihr Augenmerk dafür auf die sogenannten Exekutiven Funktionen (EFs). Damit werden die kognitiven Kontrollmechanismen bezeichnet, die man braucht, um sich zu konzentrieren und nachzudenken. Die wichtigsten Mechanismen sind mentale Anpassungsfähigkeit, Selbstkontrolle und das Arbeitsgedächtnis. Auch die Fähigkeit, Probleme zu lösen, vorausschauend zu planen und logisches Denken gehören dazu. Sind diese Fähigkeiten nicht gut entwickelt, kann es schwer sein, Erfolg im Beruf zu haben.

Studien der vergangenen Jahre haben gezeigt, dass Menschen, die als Kinder eine niedrige Selbstkontrolle zeigen, 30 Jahre später schlechtere kognitive Fähigkeiten haben. Sie verdienen weniger, sind öfter krank und begehen mehr Verbrechen als Personen mit einer hohen Selbstkontrolle. EFs haben also einen Einfluss auf die körperliche und mentale Gesundheit - und zwar das ganze Leben lang.

Wer Gesundheit und Erfolg des Nachwuchses nicht dem Zufall überlassen möchte, sollte nach Ansicht der Wissenschaftler die exekutiven Funktionen schon früh trainieren. Das hilft auch dabei, durch soziale Herkunft bedingte Leistungsunterschiede auszugleichen. Der Buchautor und Schulberater Detlef Träbert, früher selbst als Lehrer tätig, rät: "Viel trinken, Bewegung und frische Luft sind das A und O." Auch sollten Eltern darauf achten, dass ihr Kind morgens nicht ohne Frühstück aus dem Haus geht.

Alle Techniken, die Forscher als hilfreich erkannt haben, gleichen sich darin, dass sie wiederholt angewendet werden müssen. Kinder, die zu Beginn noch relativ schlechte exekutive Funktionen zeigen, machen dann nach den Beobachtungen die größten Fortschritte.

Extremfall ADHS

Konzentrationsstörungen bei Kindern können in Extremfällen ein Symptom von Aufmerksamkeitsdefizitstörungen wie ADS und ADHS sein. Etwa 600 000 Kinder und Jugendliche in der Bundesrepublik sind von diesen Verhaltensstörungen betroffen. Gerade in diesem Fall kann das spielerische Training des Arbeitsgedächtnisses helfen und die Konzentrationsspanne verlängern. Man müsse aber aufpassen, keine Fehldiagnose zu stellen und das Kind auf Dauer mit der Diagnose ADHS zu brandmarken, sagen Forscher. Denn auch Stress, Einsamkeit und mangelnde körperliche Fitness können die Funktion der Frontallappen im Gehirn und damit die exekutiven Funktionen beeinträchtigen.

Auch erwarten immer mehr Eltern viel zu viel von ihrem Kind und vermuten schon eine Aufmerksamkeits- oder Lernstörung, obwohl die Fähigkeiten des Kindes im natürlichen Rahmen liegen. Detlef Träbert gibt ein Beispiel: "Bei einem zehnjährigen Kind ist es schon gut, wenn es sich 20 Minuten lang auf eine Aufgabe konzentrieren kann, die ihm nicht gefällt." Darum helfen Methoden, die dem Kind Spaß machen, immer mehr als solche, die nicht speziell auf Kinder ausgerichtet sind. Was vielen Eltern nicht klar ist: Konzentration ist keine reine Willenssache, sondern kann nur durch Training verbessert werden. Zu viel Druck oder zu hohe Erwartungen können mehr schaden als nutzen.

Es gilt also immer: Das Kind sollte an den Aktivitäten - egal ob Blockflötenunterricht, Yoga oder Karate - teilnehmen wollen. Außerdem reicht es nicht, die exekutiven Funktionen nur ein einziges Mal zu trainieren. Stattdessen muss man sie regelmäßig und mit immer steigender Schwierigkeit üben.

Computerprogramme, mit deren Hilfe die Kinder spielerisch lernen können, werden besonders empfohlen. Eines davon ist das Programm "CogMed" von Pearson Education, das von Adele Diamond und Kathleen Lee im Fachmagazin "Science" beschrieben wird. Mit ihm kann das Arbeitsgedächtnis sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen trainiert werden. Das Spiel hat den Vorteil, dass Kinder mit Spaß zu Hause ihre Konzentrationsfähigkeit und ihr Gedächtnis verbessern können, ohne dass zu viel Leistungsdruck aufkommt. Zum Ausprobieren findet man auch ein kostenloses Spiel online ( www.spaceminespatrol.com ). Hier muss der Spieler die Erde zum Beispiel vor Meteoriten schützen, indem er sie in der richtigen Reihenfolge zerstört. Das Spiel ist so spannend, dass man kaum darauf kommt, dass es ein Konzentrationstraining ist.

Abends Vorlesen hilft

Auch traditionelle Kampfkunsttechniken wie zum Beispiel Taekwondo fördern die Selbstdisziplin und helfen zudem bei der Charakterentwicklung. Studien haben gezeigt, dass sich dadurch auch das Arbeitsgedächtnis verbessert. Die gleichen positiven Effekte haben Achtsamkeits-Übungen, bei denen man lernt, auch im Alltag die Umwelt bewusster wahrzunehmen. Zudem können Entspannungstechniken eine positive Auswirkung auf die Konzentrationsfähigkeit haben. "Viele Kinder leiden unter dem Erwartungsdruck der Eltern und der Schule. Da hilft es, ab und zu mal richtig zur Ruhe zu kommen", sagt Schulberater Detlef Träbert. Er empfiehlt auch einfache "Hausmittel" zur Steigerung der exekutiven Funktionen: abendliches Vorlesen, Kuschelrituale oder Spieleabende.

Studien, die sich mit den Lehrplänen an Schulen befassen, zeigen, dass auch im regulären Unterricht die exekutiven Funktionen der Kinder trainiert werden können. Montessori-Schulen und einige amerikanische Schulförderungsprogramme wenden Methoden zur Förderung der exekutiven Funktionen an. In deutschen staatlichen Schulen steht das Konzentrationstraining noch nicht auf dem Stundenplan. Auch in der Lehrerausbildung sucht man vergeblich danach. "Dabei sollte Konzentrationsförderung in allen Schularten betrieben werden", fordert Detlef Träbert.

Einen Leistungstransfer zwischen den einzelnen Bestandteilen der exekutiven Funktionen gibt es den Wissenschaftlern zufolge nicht. Studienteilnehmer, die zum Beispiel ihr Arbeitsgedächtnis mit einem Computerprogramm trainiert hatten, zeigten keine Verbesserung beim logischen Denken. Daher wird empfohlen, verschiedene Aktivitäten zu kombinieren, etwa an einem Tag Selbstverteidigungstraining und am nächsten Achtsamkeits-Übungen.