Bewerbungstraining

Bloß nicht mogeln

Viele Jugendliche beginnen gerade ihre Ausbildung - Schon trainieren die nächsten für die Bewerbung

Foto: Sven Lambert

Berlin - Vor dem Gebäude "Schlossplatz 1" in Berlins Mitte lacht, schwatzt und raucht eine Schulklasse: die 10.1 der Johann-Thienemann-Schule aus Steglitz. "Schlossplatz 1" ist eine Top-Adresse. Hier steht das ehemalige Staatsratsgebäude der DDR. Das Fassadenelement des Stadtschlosses, der große Eingang, Marmor und Teppichböden signalisieren Macht. Die acht Mädchen und acht Jungen interessieren sich allerdings wenig für Fassade und Geschichte des Ex-Arbeiterpalastes. Sie sind auf dem Sprung ins Leben, in ihre ganz persönliche Zukunft.

Seit 2002 residiert am Schlossplatz 1 die European School of Management and Technology (ESMT), eine Managerschmiede fürs Big Business. Die Zehntklässer absolvieren auf Einladung der ESMT ein zweitägiges Bewerbungscoaching auf dem noblen Campus, auf dem sonst Führungskräfte den letzten Schliff bekommen. Auf dem Stundenplan stehen zunächst Lektionen zur Allgemeinbildung, etwa "Wie funktioniert ein Unternehmen?" oder "Was man über Politik wissen sollte". ESMT-Sprecherin Ulrike Schwarzberg sieht da bei den Schülern durchaus noch Wissenslücken. "Welches Amt bekleidet Angela Merkel und seit wann?" ist eine der Fragen, auf die nicht alle die richtige Antwort wissen.

"Hier reden die Profis - das wirkt"

Robert Schwill unterrichtet Arbeitslehre in der 10.1. und weiß die mittlerweile dreijährige Zusammenarbeit mit der ESMT zu schätzen: "Wenn wir Lehrer sagen, was für die Einstellung wichtig ist, glaubt uns keiner. Hier reden die Profis - die Dozenten und Entscheider aus den Betrieben. Das wirkt mehr." Seine Schützlinge jedenfalls sind bei der Sache. Gerade stecken sie die Köpfe an den PCs zusammen, um in Gruppenarbeit ein Firmenprofil zu erstellen. "Die wollen doch wissen, was ich über deren Firma weiß", erklärt ein Schüler die Übung. Dann schaut er wieder konzentriert auf den Bildschirm. In den letzten heißen fünf Minuten der Arbeitsphase will keiner gestört werden.

Die Johann-Thienemann-Schule nutzt viele Wege, um ihre Schüler ans Berufsleben heranzuführen: Praktika, Berufskundeunterricht, die Berufsberatung, die Zusammenarbeit mit freien Trägern der Berufsbildung. Im Jahr 2010 wurde sie von einer Hauptschule in eine Integrierte Sekundarschule umgewandelt. Hauptschüler hatten es schwer auf dem Berliner Ausbildungsmarkt. Doch stichhaltige Belege, ob sich ihre Chancen durch eine Schulreform steigern lassen, gibt es noch nicht. Bislang haben rund zehn Abgänger einer Klasse direkt in der Wirtschaft eine Ausbildungsstelle gefunden, schätzt Lehrer Schwill. Der Rest geht weiter zur Schule oder durchläuft bildungspolitische Warteschleifen.

Nach der Pause geht es für die Schüler in der ESMT ans Eingemachte. Die Herausforderung heißt "Bewerbungsgespräch". Aufgeräumt und konzentriert analysiert die Klasse den Kurzfilm, in dem Jana um eine Ausbildung zur Hotelfachfrau ringt. "Was hat Jana gut gemacht? Was geht gar nicht im Bewerbungsgespräch?", fragt Dozentin Renata Nabialek. "Also die Begrüßung war schon falsch", ist sich Can sicher. Seine Banknachbarin Shanice meint: "Der Kaugummi geht auch nicht." Die Liste der Gesprächsfehler wird lang: Das Handy klingelt. Lästern über Lehrer. Mogeln im Lebenslauf. Schlampige Unterlagen. Falsche Kleidung. Zu viel Schminke. Fehlende Informationen zum Betrieb oder Beruf. "Hat sie den Job bekommen?", fragt Renata Nabialek. "Nein", rufen die Schüler im Chor - und liegen richtig. Aber wie macht man es besser? Gina findet es schwer, beim Interview nicht mit den Händen zu fuchteln, sich nicht zu versprechen: "Man ist doch aufgeregt bei so was. Ich möchte Erzieherin werden. Da muss man doch drei Jahre miteinander auskommen", sagt sie.

Cool wirken die wenigsten beim Gedanken daran, sich in zehn Gesprächsminuten optimal verkaufen zu müssen. Dabei könnten Schulabgänger heute eigentlich gelassener in die Zukunft blicken als noch vor wenigen Jahren. Der Fachkräftemangel ist in den Betrieben angekommen. Während nach OECD-Angaben in Spanien 43,6 Prozent der unter 25-Jährigen keinen Job haben, liegt die Jugendarbeitslosigkeit hierzulande bei 8,6 Prozent. Schwierig wird es, wenn die Berufswünsche der Schulabgänger und die Forderungen der Wirtschaft auseinander driften. Mehr als 350 Ausbildungen stehen zur Auswahl. Aber die Hälfte aller Jugendlichen drängt in nur 25 Berufe. Zu den Klassikern gehören KFZ-Mechatroniker, Kaufmann im Einzelhandel, Friseur und Bürokaufmann. Bäckereien und Textilreiniger suchen dagegen lange vergeblich nach Nachwuchs. Außerdem moniert so mancher Betrieb mangelnde Motivation oder fehlende Reife.

"Die Betriebe sollten ihre Anforderungen nicht zu hoch schrauben", wirbt Robert Schwill für mehr Entgegenkommen von Seiten der Wirtschaft. Zugleich mahnt der Lehrer, der auch die Schulband "Crystal Creek" betreut, bei seinen Schützlingen Engagement an. Und er versucht, ihnen Mut zu machen: "Tu, was du kannst, und vertrau auf dein Glück. Die Lage ist günstig", so sein Leitspruch. Das heißt konkret: Schwill rät, jene Betriebe hartnäckig aufzusuchen, in denen der Schüler wirklich arbeiten möchte, sowie Jobbörsen und Messen zu besuchen. Zudem gilt es, sich rechtzeitig vorzubereiten. So findet das Coaching bei der ESMT ein Jahr im Voraus statt. Denn so lange dauere es, um eine Stelle im Wunschberuf zu ergattern.

Eifrig feilen die Schüler an ihrem Bewerbungsauftritt. Um die Laufbahn eines "Chief Executive Officer" oder "Chairman of the Board" geht es - anders als sonst - heute beim Coaching in der ESMT nicht. Die Bemühungen sind auf bodenständige Jobs als Koch oder Einzelhandelskaufmann ausgerichtet. Auch das Personalkonzept von Fastfood-Ketten ist Thema, hat die Systemgastronomie ihre Ansprüche doch auf Hauptschüler ausgerichtet.

Immer ehrlich bleiben

"Wie verpacke ich eine Vier in Englisch?", will Trainerin Katja Leppler von den Schülern wissen - und erhält einige gute Antworten. "Ich weiß, dass ich mich da noch verbessern muss, und nehme Nachhilfe", so ein Vorschlag. "Schriftlich habe ich Probleme, mündlich läuft es besser, und das ist doch das Wichtige beim Kundengespräch", lautet ein anderer. Katja Leppler nickt bestätigend. "Aber bleiben Sie ehrlich bei dem, was Sie sagen", ergänzt sie. Das ist eine wichtige Botschaft des ESMT-Trainings: Ehrlich, gerecht und loyal gegenüber dem Unternehmen sollen sich die Bewerber präsentieren - und natürlich angemessen im Auftritt.

Und so referiert zu guter Letzt Jutta Belke im eleganten Business-Outfit den Freiherrn Knigge. Überlegungen zum Benimm scheinen durchaus angebracht: Gegen Mittag stapeln sich auf den Tischen Obstreste, fleckige Servietten und leere Kakaogläser. Die Körper sacken in eine bequeme Haltung, Köpfe drehen sich unaufmerksam zur Seite. Jutta Belke doziert über Kleidung. Die Punk-Lady in ihrer Bildpräsentation kommt nicht so gut weg. Die zwei Mädchen im Punk-Look, die in der hinteren Ecke des Raums lümmeln, schauen nur kurz auf. "Das Meiste weiß ich schon seit der Neunten", sagt das eine Mädchen, das ihr Schulpraktikum bei einer Tierfutterkette absolviert hat, und streicht ihre grüngelben Haare zur Seite.

Während Jutta Belke weiter über Anlass und passende Kleidung spricht, spielt das Mädchen mit seinem Lippenpiercing und zeichnet ein Manga. Mit sicherer Hand zaubert es druckreif "Tabea" aufs Papier, eine lebendige Figur mit Idealproportionen im romantischen Kleid. Vielleicht müssen 16-Jährige noch lernen, dass es für den ersten Eindruck keine zweite Chance gibt. Personaler sollten jedoch bedenken, dass der Bewerber, der vielleicht nicht sonderlich adrett aussieht, möglicherweise der talentierteste ist.