Der 18. Geburtstag

Und auf einmal sind sie groß

| Lesedauer: 12 Minuten

Sehnsuchtstermin für Teenager? Gefürchtetes Ende der Elternrolle? Wir haben eine Mutter und ihre Tochter gefragt, was der Tag für sie wirklich bedeutet

"Sorgen mache ich mir weiterhin. Das hört ja nicht plötzlich auf"

Ich habe das Gefühl, die Zeit rast mir davon. Es scheint doch erst gestern gewesen zu sein, dass ich Katharina in den Armen hielt, dass ich ihre ersten Schritte begleitet habe und dass sie mit ihrer Schultüte vor der Schule stand. Ich war 30, als Kathi geboren wurde, und seitdem war nichts mehr so, wie es vorher war. Ich konnte mir vorher gar nicht vorstellen, wie sehr ein Kind das Leben umkrempelt und wie schön das ist. Katharina ist unser einziges Kind - klar, dass sie immer im Mittelpunkt stand. Und trotzdem habe ich jetzt das Gefühl, dass die Jahre mit ihr viel zu schnell vergangen sind. Auf einmal ist sie groß. Da kommt man als Eltern gar nicht so schnell mit.

"Auf einmal" stimmt aber eigentlich gar nicht. Es gab schon Meilensteine in ihrem Leben, in der ich dieses Großwerden gespürt habe. Ich weiß noch, wie ich sie in den Kindergarten brachte. Andere Kinder krallten sich am Bein ihrer Mutter fest, Kathi aber drehte sich nicht mal um, sondern stapfte einfach los. Sie war schon immer neugierig und ist ohne Scheu in neue Situationen hineingegangen. Ach, und dann erinnere ich mich noch an ihren Auftritt im Friedrichstadtpalast, bei Michael Schanze. In seiner Show "Kinderquatsch mit Michael" stand sie auf der Bühne, gerade fünf Jahre alt war sie, und sollte ein Kinderlied vorsingen. Sie hat sich eines mit besonders vielen Strophen ausgesucht und wollte gar nicht aufhören. Sie schien dabei überhaupt nicht aufgeregt, nur meinem Mann und mir im Zuschauerraum lagen die Nerven blank. Aber damals haben wir uns schon gesagt: Die Kathi, die macht das schon, die geht ihren Weg. Ein beruhigendes Gefühl.

Zähe Verhandlungen sind vorbei

Und wir konnten uns auch immer auf sie verlassen. Sie ist eigentlich kein Ausgehmensch - ich glaube, wir sind öfter unterwegs als sie. Sie war immer gern zu Hause, und wenn sie doch mal wegging, dann konnten wir uns immer darauf verlassen, dass sie zur vereinbarten Zeit zurück war oder dass sie uns angerufen hat, wenn sie abgeholt werden wollte. Allerdings habe ich auch nicht auf eine feste Uhrzeit bestanden. Es war mir immer wichtiger, dass Kathi nicht allein unterwegs ist, damit ihr nichts passiert. Mein Mann und ich sind beide Kriminalbeamte und wir wissen doch, was alles passieren kann. Da hatten wir eigentlich immer Argumente. Die überzeugen Jugendliche außerdem viel mehr, als wenn man einfach nur Anweisungen gibt, denke ich.

Aber natürlich hatten wir auch die üblichen Auseinandersetzungen: Tage, an denen Kathi ihre Zimmertür zugeknallt hat, an denen sie ihre Ruhe haben wollte. Tage, an denen wir nur schwer an sie herankamen. Irgendwann hat sie mir das erste "Nein" entgegen geworfen. Ich glaube, es ging ums Aufräumen und sie hat sich einfach geweigert. Plötzlich konnte ich ihr nichts mehr sagen, auch wenn ich von dessen Richtigkeit überzeugt war. Es gab oft zähe Verhandlungen. Aber letztlich kamen wir immer wieder ins Gespräch und das finde ich wichtig. Der Kontakt zwischen uns war nie wirklich gestört.

Aber ich glaube, wir sind mit Kathi auch ziemlich verwöhnt, andere Eltern erleben mit ihren Kindern ganz andere Sachen, müssen sich viel mehr Sorgen machen. Wobei, ganz so stimmt es nicht: Sorgen habe ich mir natürlich trotzdem gemacht, und ich mache sie mir auch heute noch. Das hört ja nicht auf, weil das Kind 18 wird. Man will sein Kind vor negativen Erfahrungen bewahren. Natürlich sagt mir mein Kopf, dass die zum Leben dazugehören und dass Katharina diesen Freiraum braucht - das war bei mir doch nicht anders. Aber das Herz sagt etwas anderes, da wünscht man sich für das Kind, dass alles im Leben glatt läuft.

Kathi will im nächsten Jahr mit ihrer Freundin eine Weltreise machen. Die erste Station soll Johannesburg sein. Ausgerechnet! Eine der gefährlichsten Städte der Welt! Ich hoffe, die beiden überlegen sich das noch mal, aber verbieten kann ich ihr das ja heute nicht mehr. Das ist schon hart. Plötzlich ist dieses Bewusstsein da, dass man keinen Einfluss mehr nehmen kann. Aber der 18. Geburtstag kommt ja nicht plötzlich. Ich habe die letzten Jahre schon als eine Art Übungsfeld betrachtet. Man lernt ja nicht über Nacht, sich zurückzunehmen und Verantwortung an das Kind abzugeben. Das ist schon eine Herausforderung für Eltern. Und außerdem sind wir ja nicht aus der Welt. Wir können unsere Tochter trotzdem unterstützen, wenn sie Probleme hat. An unserem Verhältnis wird sich wohl nicht viel ändern.

Ich bin überhaupt froh, dass sich erst einmal nicht so viel ändert in unserem Familienleben. Alles, was zum Erwachsenwerden dazugehört, kommt Schritt für Schritt. Im nächsten Jahr macht Kathi erst einmal Abitur. Und ausziehen will sie erst, wenn sie mit ihrem Studium beginnt. Unser Haus ohne unsere Tochter? Daran möchte ich jetzt noch gar nicht denken. Es wird dann so leer hier. Aber natürlich ist Kathi dann ja nicht aus der Welt. Und genauso, wie sie mit ihrer Geburt unser Leben umgekrempelt hat, wird sie es dann wahrscheinlich noch mal tun: Nicht nur für sie, auch für uns wird dann ein neuer Lebensabschnitt beginnen.

"So viel wird sich in meinem Leben über Nacht nicht ändern"

Noch 23 Tage, dann werde ich 18. Ein komisches Gefühl. Alle denken, das ist ein ganz großes Ereignis, aber ich empfinde das gar nicht so. So viel wird sich über Nacht doch nicht ändern in meinem Leben. Nur, dass ich jetzt endlich allein Autofahren kann. Bisher durfte ich nur in Begleitung von Mama, Papa oder Opa. Ich will auch keine Riesenparty machen. Erstens trinke ich nichts - ich mag das nicht und vertrage es auch nicht. Außerdem gehe ich nicht so gern aus. Mir fallen um Mitternacht eigentlich immer die Augen zu. In meiner Klasse gehöre ich zu den jüngsten und ich habe schon bei einigen 18.Geburtstagen mitgefeiert. Ich fand das schrecklich, wenn diese Geburtstage in irgendeinem Club im Vollrausch endeten. Ich möchte mich doch an meinen 18. Geburtstag erinnern können! Darum werde ich mit meiner Familie und ein paar Freundinnen lieber schön essen gehen.

Ich weiß, das klingt ganz schön vernünftig für eine 17-Jährige. Aber ich mache eben nicht alles mit. Meine Freunde akzeptieren das, die kennen mich ja. Und ich finde, es gehört auch zum Erwachsenwerden dazu, dass man sich nicht verdreht, sondern das macht, von dem man selbst überzeugt ist, nicht die anderen.

Früher hatte der 18. Geburtstag für mich eine viel größere Bedeutung. Als ich 14 war, habe ich ihn herbeigesehnt, da habe ich mich oft ziemlich unverstanden gefühlt. Und vieles erschien mir so endlos, die Schulzeit vor allem. Ich wollte endlich selbst über mein Leben bestimmen können. Jetzt, wo das Ende der Schulzeit in greifbare Nähe gerückt ist, sehe ich das anders. Jetzt denke ich: Die letzten Monate kannst du auch noch durchhalten und kannst dich mal ein bisschen anstrengen. Und im Nachhinein bin ich auch froh, dass meine Eltern mich jeden Morgen geweckt und dafür gesorgt haben, dass ich rechtzeitig in der Schule war. Wenn ich allein wohnen würde, würde ich wohl gar nicht aufstehen.

Mit 14 habe ich mir auch eine eigene Wohnung gewünscht, wo niemand mich auffordert, mein Zimmer aufzuräumen. Ums Aufräumen gab es schon oft Streit. Das ist heute noch nicht so mein Ding. Aber heute bin ich froh, dass ich noch hier wohne. Bei der Vorstellung, einen eigenen Haushalt zu führen und selbst für alles Verantwortung zu übernehmen, wird mir schon ein bisschen mulmig. Heute sehe ich, wie viel mir meine Eltern abgenommen haben und bin froh drum. Klar, putze ich heute auch mit, aber das ist schon noch etwas anderes, als sich selbst um alles zu kümmern. Ausziehen will ich erst, wenn ich mit dem Studium anfange, am liebsten will ich dann in eine WG ziehen, das stelle ich mir lustig vor. Was ich studiere, weiß ich noch nicht genau, aber auf jeden Fall will ich Journalistin werden.

Uneins über Reisepläne

Den Berufswunsch habe ich allein gefunden, Mama und Papa reden mir ohnehin kaum in meine Entscheidungen hinein. Wenn wir uns unterhalten, stehen wir auf Augenhöhe. Nur dass ich nach dem Abi mit einer Freundin eine Weltreise machen will, davon wollen sie mir abraten - jedenfalls so, wie die Planung im Moment ist. Wir wollen "work and travel" machen, da gibt es feste Routen. Unsere erste Station wird Johannesburg sein. Natürlich weiß ich, dass es dort gefährlich ist, aber ich weiß auch, wie ich mich verhalten muss. Ist doch klar, dass ich dort nicht per Anhalter fahre. Ich bin doch nicht lebensmüde. Aber eine andere Strecke wäre viel teurer. Es ärgert mich schon ein bisschen, dass meine Eltern da so wenig Vertrauen in mich haben.

Wir sind doch schon so viel zusammen verreist. Allein war ich erst einmal, beim Schwimmtrainingslager in Uppsala. Natürlich ist das schon etwas anderes, wenn Mama und Papa dabei sind. Aber ich glaube trotzdem, dass ich es allein schaffe. Nur manchmal kommen mir doch Zweifel. Ich erinnere mich, wie ich einmal auf den Philippinen am Flughafen meine Bordkarte nicht finden konnte. So richtig in Panik bin ich da nicht geraten, weil ich mir gesagt habe: Mama und Papa werden schon eine Lösung finden. Eigentlich erst, als sich die Karte wieder angefunden hatte, wurde mir bewusst: Was mache ich eigentlich, wenn ich allein auf Reisen bin? Noch mehr fürchte ich aber das Heimweh: Ich weiß gar nicht, ob ich es schaffe, ein Jahr ohne Mama, Papa und unseren Hund zu sein.

Meine Eltern und ich haben ein sehr enges Verhältnis und das bleibt bestimmt auch so. Wir unternehmen vieles gemeinsam, gehen zusammen ins Kino und verreisen immer noch zu dritt. In den letzten Sommerferien waren wir drei Wochen in den USA, da hatten wir viel Spaß zusammen. Das haben wir sicher genauso, wenn ich volljährig bin. Und ich habe auch kein Problem damit, meine Eltern weiterhin darüber zu informieren, wo ich gerade bin und wann ich nach Hause komme. Das erwarte ich auch umgekehrt von ihnen. Das gehört einfach zu einem guten Zusammenleben dazu. Einem Zusammenleben nicht nur zwischen Kind und Eltern, sondern auch zwischen Erwachsenen.

( Aufgezeichnet von Annette Kuhn )