Kinderzirkus

Manege der Generationen

Der Ufa-Kinderzirkus wird 25 Jahre alt. Bei der Geburtstags-Gala wirken Künstler mit, die schon bei der Gründung dabei waren

Foto: Massimo Rodari

Gummi und feuchtes Gras. Diesen Geruch hat Andreas Wessels sofort wieder in der Nase, wenn er an seinen ersten Auftritt im "Kindercircus" in der Ufa-Fabrik vor 23 Jahren denkt. 15 Jahre alt war er damals und konnte "ein bisschen jonglieren", sagt er. Dass der Berliner die Artistik später zu seinem Beruf machte, damit hat sein erster Zirkusauftritt ganz sicher etwas zu tun. "Eigentlich bin ich mit 14, 15 Jahren eher dem Fußball hinterher gehechelt", erinnert sich der heute 38-Jährige. "Aber dann hat mich der Ehrgeiz gepackt." Immer wieder ist er seither in die Trainingshalle in der Ufa-Fabrik gekommen. Zuerst, um für den Ufa-Kindercircus zu üben. Inzwischen bereitet er sich dort auf seine Auftritte in der ganzen Welt vor. In Singapur, Los Angeles und Paris hat er seine Kunst vorgeführt, sogar am Broadway stand er auf der Bühne.

Aber wenn Kindergruppen vor der Hallentür stehen, muss Andreas Wessels trotzdem Platz machen. Dienstags zum Beispiel, da trainieren die kleinen Akrobaten in der Halle für den "Kindercircus". Im Moment vielleicht sogar noch ein bisschen intensiver als sonst, denn von diesem Donnerstag an werden sie vier Tage lang vor Publikum auf der großen Bühne stehen - beim alljährlichen Kinder-Circus-Festival, das in diesem Jahr auch noch ein ganz Besonderes ist, nämlich ein Jubiläums-Fest. Seit genau 25 Jahren gibt es das Festival in der Ufa-Fabrik. "Am Donnerstag treten wir bei der Gala auf", erzählt Emilie. Dabei klingt die Zehnjährige ein bisschen beeindruckt, obwohl sie ja eigentlich ein alter Hase ist: Seit 2004 kommt sie zum Akrobatikkurs in die Ufa-Fabrik, vor sechs Jahren war sie zum ersten Mal bei einer Aufführung dabei. Was genau sie in diesem Jahr auf der Bühne vorführen wird, verrät die Sechstklässlerin nicht, nur dass es "was mit Biegen" sein wird und sie gemeinsam mit sechs anderen Mädchen auftritt, mit denen sie zweimal wöchentlich trainiert.

Beliebt: Akrobatik und Jonglage

Insgesamt nehmen derzeit etwa 100 Kinder ab vier Jahren an den Kursen teil. "Beliebt sind vor allem Akrobatik, Jonglage und Breakdance", erzählt Pressesprecherin Gabi Maria Metternich. Auch Leonie wollte unbedingt in eine Akrobatikgruppe. Aber ihr Vater tat sich schwer, eine passende Gruppe zu finden: "Bei anderen Kursen hatte ich immer wieder den Eindruck, dass mein Kind dort für Olympia vorbereitet werden soll", erzählt Felix Polla. Seit drei Wochen ist die Sechsjährige nun in der Ufa-Fabrik, und Vater und Tochter sind zufrieden: Leonie, weil sie sich beim Handstand und beim Kugellauf austoben kann, und Felix Polla, weil seine Tochter beim Lernen auch noch Spaß hat.

Bei der Gala am Donnerstag und beim Festival an den drei folgenden Tagen ist Leonie noch nicht dabei, weil sie gerade erst angefangen hat. Aber vielleicht wird sie im nächsten Jahr in der Manege stehen, wie schon mehr als 2000 Kinder vor ihr in den Jahren seit der Zirkusgründung. 1987 hieß es zum ersten Mal "Manege frei" für den "Kindercircus". Acht Jahre zuvor war der Ufa-Zirkus mit erwachsenen Artisten entstanden, gegründet von einer Berliner Gruppe aus Studenten, Aussteigern, Künstlern, die 1979 das ehemalige Gelände der Filmfirma besetzt und ein Bleiberecht erwirkt hatten. Einer der größten Erfolge der ersten Aufführungen war die "Gemischte Raubtiernummer mit zwei Polizisten und drei Hunden", dargeboten von Hans-Josef Becher, genannt Juppy, und seinen Hunden. Weil viele Zuschauer zu den Zirkusvorstellungen ihre Kinder mitbrachten, kam eine neue Idee auf: eine Zirkusschule für Kinder. Juppy erinnert sich, wie er in der Berliner Politik um Unterstützung warb: "Wir haben damals den Politikern erklärt: 'Was macht denn ein Jugendlicher in dieser Stadt, wenn er mal ein Abenteuer sucht? Er klaut im Kaufhaus, knackt ein Auto oder sprüht Graffiti. Alles verboten! Den gleichen Effekt kann er erzielen, wenn er Theater, Musik, Tanz oder eben Zirkus macht!'"

Ein Drittel bleibt dabei

1987 traten die kleinen Artisten zum ersten Mal bei ihrem eigenen Festival auf. Zirkusdirektor war Juppy. Das ist bis heute so geblieben, und auch einen Hund bringt der inzwischen 62-Jährige noch mit auf die Bühne. Die Artisten dagegen treten jährlich in neuer Besetzung auf. Ständig kommen neue Kinder dazu, andere verlassen die Zirkuskurse. "Wenn die Kinder in die Pubertät kommen oder der Schulstress einsetzt, ist es oft vorbei", sagt Gabi Maria Metternich. Ein Drittel aber bleibt und schafft es bis in die Fortgeschrittenen-Gruppen.

Andreas Wessels war einer dieser Jugendlichen, die bleiben. "Das Jonglieren wurde neben Schule und Sport immer wichtiger", sagt er. "Meine Eltern dachten schon, ich höre mit der Schule auf." Das Abitur machte er noch, "danach musste ich mich entscheiden: Medizin oder Auftreten?" Erst mal Auftreten, dann Medizin, so hatte er sich das vorgestellt. Doch dann kamen schnell die ersten Erfolge: als Solo-Künstler, mit den Shows "Vivace" und "11", mit Auftritten bei renommierten Festivals in München, Edinburgh, Seattle, mit Preisen und Auszeichnungen.

Dazwischen immer wieder: Tempelhof, Trainingshalle. "Es ist gar nicht so leicht, als Jongleur einen guten Raum zu finden", sagt Andreas Wessels. Das Licht muss stimmen, der Boden, damit sich der Artist gut bewegen kann - und hoch genug muss der Raum auch noch sein, damit er seine Bälle oder Fackeln durch die Luft fliegen lassen kann. Aber Andreas Wessels kommt auch, weil die Ufa-Fabrik so eine Art Zuhause für ihn ist. Wenn er in Berlin ist, schaut er immer bei Juppy vorbei. Und natürlich sagte Andreas Wessels sofort zu, als es um einen Auftritt bei der Jubiläumsgala ging. Noch einmal wird er zwischen den Zirkuskindern in der Ufa-Manege stehen und jonglieren. Es wird nach Gras riechen, wie vor 25 Jahren. Nur das gummierte Zelt gibt es nicht mehr. Inzwischen werden Zuschauer und Artisten von einem Zeltdach vor Regen geschützt.