Ernährung

Süße Kinderfänger

Sie locken mit bunten Bildchen und vermeintlich gesunden Zusätzen: Doch Experten raten Eltern, lieber die Finger von Kinderlebensmitteln zu lassen. In den meisten Fällen seien sie zu süß, zu fett, zu salzig und mit viel zu vielen überflüssigen Nährstoffen angereichert

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Unsere Kinder essen gern Grießbrei. Er ist nahrhaft, billig und schmeckt. Bei uns gibt es ihn oft als schnelles Abendessen, mit einem Klecks Marmelade oben drauf. Das nennen wir "Verzierung". Quinn schleckt sie immer genüsslich ab und isst den Brei dann pur. Leo vermischt alles unter wildem Rühren und verzehrt dann seinen Brei mit roten Schlieren drin.

Wenn die Kinder bei Oma zu Gast sind, gibt es auch oft Grießbrei. Bloß nimmt sie nicht den einfachen, sondern einen speziellen "Kindergrießbrei" der Firma Pomps, ein "Klassiker in der Kinderernährung", wie es auf der Website vollmundig heißt. Das ist Oma erst mal nicht zu verdenken. Der Pomps Kindergrieß kommt in schön altbackener Aufmachung daher, ein pausbäckiges Kindergesicht strahlt von der Verpackung. Dann steht auch noch viel Gutes drauf, jedenfalls scheint es auf den ersten Blick so: Der Brei ist mit 8 Vitaminen, Eisen und Jod angereichert, Zimt ist auch mit drin. Aromenfrei, ohne Farb- und Konservierungsstoffe. Stark! Da muss ja alles stimmen. Oder? Was man erst in der Nährwerttabelle in klein nachlesen kann, ist: Satte 14,7 Gramm Zucker enthält eine zubereitete Portion. Zehn Prozent der Mischung sind schlicht Zucker. Autsch! Zucker, der erstens nicht nötig wäre und zweitens dem Kind schadet.

"Gesunde Vitamine naschen", "die Extraportion Milch": alle Eltern kennen die Slogans für Nimm 2-Bonbons und Kinderschokolade noch aus ihrer eigenen Kindheit. Oder die Fruchtzwerge, die angeblich "so wertvoll wie ein kleines Steak" sein sollten. In den vergangenen Jahren sind es dann plötzlich immer mehr Produkte geworden, die auf sich aufmerksam machen mit einer besonderen Zutat. Vor rund zehn Jahren hat die Lebensmittelbranche etwas Neues entdeckt, mit dem Geld zu verdienen schien: "Functional Food" nannten ihre Strategen es. Im Wesentlichen ist das nichts anderes als das Essen mit Zusatzstoffen, im einfachsten Fall sind das Vitamine, manchmal auch seltsames wie die seltene Aminosäure "Taurin", die angeblich den Drink "Red Bull" zu etwas Besonderem macht. Inzwischen scheint es, als gäbe es kaum ein industrielles Lebensmittel, auf dessen Packung nicht ein gelber Stern oder ein schmissiger Streifen ankündigt: Mit besonderen Inhaltsstoffen.

Dieser Marketing-Trend hat nun auch die Kindernahrungsmittel ergriffen. Allein schon das Wort "Kindernahrungsmittel" hätte übrigens in den 70ern noch jeden verblüfft, der es hört. Inzwischen gibt es fast 400 Lebensmittel, die sich nur an Kinder richten. Im Supermarkt müssen die Kleinen ständig den Eindruck bekommen, sie seien in ihrer Spielecke. Da leckt sich ein süßer Drache das Maul auf dem Quark "Monsterbacke" von Ehrmann. Sieht er nicht genauso aus wie der Drache Kokosnuss, den die Kinder aus Büchern und Hörspielen kennen und so lieben? Mickey Maus lacht auf Gummibärchentüten. Trinkjoghurt, Knabberkram, Frühstücksmüsli und anderes gibt es mit comic-haften niedlichen Tieren auf der Packung. Oder mit Bob dem Baumeister. Oder Wicki Wikinger. Es fällt leichter, aufzuzählen, wer noch nicht Werbung für etwas Essbares macht. Das Sams zum Beispiel. Aber das futtert ja auch Hosen oder Lederbälle.

Die Kinderlebensmittel - man erkennt sie vor allem an bunten Zeichnungen oder am Aufdruck "Kinder" oder "Kids"- gibt es nur in bestimmten Gruppen des Sortiments. Die meisten Kinderlebensmittel sind Süßigkeiten oder Kekse. Eine weitere große Gruppe umfasst Fertiggerichte wie Fischstäbchen und Suppen mit "lustigen Nudeln". Dann gibt es noch Frühstücksgetreide, von "Choco Smacks" bis zum Müsli, und alle Arten von Getränken (etwa "Fruchtzwerge Drink").

Inzwischen sind die unter kritischen Eltern altbekannten Themen Zucker und Fett aber nicht einmal mehr alles, worauf man achten muss. Kürzlich geriet das Miniwürstchen "Ferdi Fuchs" in die Kritik. Ein lustiges kurzes Würstchen in roter Umhüllung, auf der Packung ein grinsender Fuchs mit einer Sprechblase, die "und Action" sagt. Eine ganze Batterie von Inhalts-Besonderheiten wird dort beworben: Mit Vitamin B, Vitamin E, Calcium. Ohne Zusatz künstlicher Aromastoffe und Geschmacksverstärker. Auf der Website des Herstellers Stockmeyer können Eltern noch viele detaillierte Informationen zum Produkt finden - nur nicht zum Salzgehalt. Und der ist das Problem. Foodwatch hat das Produkt auf seinen Index gesetzt und kritisiert, dass eben davon viel zu viel enthalten sei - zwei Gramm pro 100 Gramm. Das könne auf lange Sicht zu Herz-Kreislaufproblemen führen. "Wir setzen uns mit der Kritik ernsthaft auseinander, halten die Vorwürfe aber nicht für gerechtfertigt", sagte ein Sprecher des Herstellers auf Anfrage. "Die Ferdi Fuchs Würstchen leisten ihren Beitrag zur gesunden Ernährung allein schon durch den Zusatz von Vitaminen und Calcium." Außerdem liege der Salzgehalt im unteren Bereich - "von Erwachsenen werden die Artikel als zu mild empfunden." So sieht es der Hersteller.

Die Strategie von "Ferdi Fuchs", mit zahlreichen angeblich gesundheitsfördernden Zusätzen zu werben, ist inzwischen gang und gäbe. Damit Eltern nicht lange darüber nachdenken, warum sie ihrem Kind nicht einfach ganz normalen Apfelsaft eingießen sollen oder den Joghurt hinstellen, den sie auch selbst essen, wird meist mit Zusatzstoffen geworben. Die Stiftung Warentest untersuchte vor einigen Jahren 40 Kinderprodukte und sprach offen das Fazit aus: Nur fünf davon sind überhaupt akzeptabel. Sie bemängelte vor allem den hohen Zuckergehalt. Ein Grundschulkind etwa solle täglich maximal 25 Gramm zugesetzten Zucker essen. Das wäre mit zwei "Fruchtzwerg"-Getränken schon überschritten. Zum Vergleich übrigens: Eine Cola enthält 10,6 Gramm Zucker pro 100 Milliliter - weniger als fast alle Kindergetränke.

Von "Zuckerbomben und Fettfallen" schrieb der Stern kürzlich, und entdeckte zudem noch die umstrittenen Azofarbstoffe in vielen Kinderlebensmitteln. Sie stehen im Verdacht, verschiedene Hirnfunktionen zu beeinflussen und etwa die Konzentration zu senken. Diese immerhin nehmen die Hersteller nach und nach aus den Produkten heraus, vor allem, weil die Packungen sonst mit einem Warnhinweis versehen werden müssen. Die Forscher, die sich zu diesem Thema äußern, sind sich ohnehin meist einig: Kinderlebensmittel sind überflüssig.

Das Besondere an fast allen Kindernahrungsmitteln ist offiziell, dass ihnen Vitamine und Mineralstoffe zugesetzt sind. Das gilt zum Beispiel für 95 Prozent der Frühstücks- und sonstigen Getreideprodukte. Wenn ein Kind nur fünf verschiedene Kinderlebensmittel am Tag zu sich nimmt, hätte es zwischen 500 und 700 Prozent der empfohlenen Tagesdosis der zugesetzten Stoffe - vor allem Vitamin B - zu sich genommen. Eine Studie urteilt hart: "Die ernährungsphysiologische Qualität hat nicht zugenommen. Kinderlebensmittel sind im Wesentlichen gesüßte Produkte." Das sieht man nicht auf den ersten Blick, manchmal sogar gar nicht. Nach vorn gestellt wird immer der Zusatz der angeblich gesunden Mineralien und Vitamine.

"Das ist schlicht Verbrauchertäuschung", sagt die Ernährungswissenschaftlerin Anke Weißenborn vom Bundesinstitut für Risikobewertung in Berlin. "Oft wird etwas mit Vitaminen oder Mineralstoffen als gesund beworben, was dann viel Fett oder viel Zucker enthält." Der zusätzliche Gesundheitsnutzen der Nahrungsergänzung konnte bisher nicht nachgewiesen werden. Folsäure und Vitamin D sind die einzigen Stoffe, bei denen die Zweckhaftigkeit einer Zufuhr von Wissenschaftlern überhaupt auch nur ernsthaft diskutiert wird. Für fast alles andere ist keine Zufuhr nötig - auch nicht für Vitamin C. Ausgewogene Ernährung reicht. Derzeit wird sogar untersucht, ob die Einnahme von Vitaminen und Mineralstoffen unter bestimmten Umständen nicht sogar gefährlich sein kann. Die EU legt augenblicklich Höchstgrenzen fest für Anreicherungen.

Der "Biene Maja-Drink" zum Beispiel warb damit, fettreduziert zu sein. Was der Konzern, die Molkerei Bauer, aber nicht hervorhob, anfangs sogar noch nicht einmal kennzeichnete, war die Tatsache, dass umgerechnet 44 Stück Würfelzucker pro Liter drin steckten. Auf massiven Druck der Verbraucher hin hat der Hersteller das Produkt zurückgezogen und umgestaltet. In der ersten Variante hieß es auch noch: Mit "Vitamin B1, B2, B6". "Die sind alle völlig ausreichend im menschlichen Körper vorhanden", sagt die Forscherin Weißenborn über diese Vitaminmischung. Zudem ist genau diese Zusammenstellung eher fragwürdig: "Bestimmte Kombinationen sind sinnvoll, etwa Folsäure und Vitamin B12 oder Vitamin D und Calcium, weil diese Paare im Körper zusammenwirken. Oft aber werden Lebensmitteln irgendwelche Mixturen zugesetzt, die dann neu oder nur besonders umfangreich klingen und für die es keinen physiologischen Grund gibt." Ihr Urteil: "Zu glauben, man täte dem Kind damit etwas Gutes, ist völlig absurd. Karies und Übergewicht verursacht man allenfalls."

Derzeit sind 15 Prozent aller Kinder in Deutschland übergewichtig. 300 000 fettleibige Kinder zwischen drei und sechs Jahren gibt es. Auf sie kommen ernsthafte gesundheitliche Probleme zu. Doch auf Anfrage antworten die Hersteller meist ausweichend. So verleugnet ein Sprecher der Firma Storck gar nicht, dass es sich bei Nimm 2-Bonbons um eine Süßigkeit handelt. "Wir bieten eine Süßigkeit, die aber im Unterschied zu den meisten Süßigkeiten neben Genuss und Energie auch einen Beitrag zur Bedarfsdeckung bei essenziellen Nährstoffen bietet." Ein Bonbon enthält 0,08 Gramm Fruchtsaft. Daneben enthält ein Bonbon aber auch 70 Prozent Zucker, ist also überaus schlecht für die Zähne. Gern wird damit argumentiert, dass die Kinder maßvoll konsumieren sollten. Aber wenn wir uns einmal an unsere eigene Kindheit erinnern, dann wissen wir, dass man sich bei stark gesüßten Produkten ehrlicherweise in einen regelrechten Rausch essen kann, wenn die Eltern mal nicht hingucken. Aus zwei Bonbons werden schnell mal acht. Ebenso verhält es sich mit Nahrungsmitteln, denen viel Salz zugesetzt ist.

Gerade erst hat die Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner gegen den Widerstand der Lebensmittelindustrie unter www.lebensmittelklarheit.de ein Internetportal vorgestellt, auf dem Bürger irreführende Lebensmittelverpackungen melden können. Die Seite war bald nach der Freischaltung total überlastet. Bücher wie "Tiere essen" vom US-Autor Jonathan Safran Foer, eine kluge Kritik an der Massentierhaltung, haben es ins Bestsellerregal geschafft. Die Deutsche Karen Duve legte mit "Anständig essen", in dem sie verschiedene Ernährungformen ausprobiert, nach. Die neue Sensibilität beim Thema Essen überträgt sich aber nur langsam auch auf Eltern und Kinder. Bisher gibt es jedes Jahr ein paar Kinderlebensmittel mehr, ihre Zahl steigt seit Ende der Neunziger, und aus dem Nichts ist so ein großer Markt für die Lebensmittelkonzerne entstanden.

Das alles, obwohl man zusammengefasst sagen kann: Im besten Fall ist in Kinderprodukten das gleiche drin wie bei den Erwachsenen, nur, dass es viel teurer ist. Im schlimmsten Falle ist es ungesund, weil zu süß oder zu salzig. Wer normales Essen kauft, puren Joghurt etwa, und selbst süßt oder würzt, bekommt ein besseres Resultat.

Wie die Industrie Eltern und Kleinkinder ins Visier nimmt, untersuchen die Autoren auch in ihrem Buch "Babybeschiss - wie Eltern über den Wickeltisch gezogen werden", das am 14. September bei Hoffmann und Campe erscheint.