Hausgeburt

Wenn das Leben im Wohnzimmer beginnt

Immer mehr Berlinerinnen entscheiden sich dafür, ihr Baby nicht im Krankenhaus zu bekommen

Foto: Christian Hahn

Entspannt liegt Nami auf dem Bett ihrer Eltern und schläft. Nami kennt dieses Bett seit der ersten Stunde ihrer Geburt vor acht Wochen. Das kleine Mädchen ist bei einer Hausgeburt zur Welt gekommen, nicht auf diesem Bett, sondern im Wohnzimmer, bei einer Wassergeburt im "Birth Pool", der sich nur durch die Stabilität und die Haltegriffe von einem Planschbecken unterscheidet.Nami ist das dritte Kind von Nora Schultz und Andreas Peters aus Pankow. Schon ihr erstes Kind wollten sie 2005 zu Hause zur Welt bringen. Aber der Junge lag mit dem Po voran im Becken. Daher war das Paar schnell überzeugt, dass ein geplanter Kaiserschnitt sinnvoller sei. Die Entbindung von Jago verlief reibungslos, "es war auch keine schlechte Erfahrung, ich habe keine Krankenhausphobie zurückbehalten", versichert Nora Schultz. Aber als sie bald erneut schwanger wurde, wollte sie wieder eine Hausgeburt.

Die Ärzte in England, wo Nora Schultz damals wohnte, rieten erst ab, nur anderthalb Jahre nach einem Kaiserschnitt hielten sie eine natürliche Geburt, und dann auch noch zu Hause, für zu gefährlich. Nora Schultz aber blieb bei ihrem Entschluss. "Jeder will natürlich eine sichere Geburt, aber die Voraussetzungen, unter denen sich eine Frau sicher fühlt, sind verschieden", sagt Hebamme Judith Meyer, die sich mit zwei Kolleginnen in ihrer Hebammenpraxis "Mittendrin" in Prenzlauer Berg auf Hausgeburten spezialisiert hat. 2006 kam Mika dann per Hausgeburt und ohne Komplikationen zur Welt.

Waren Hausgeburten noch bis Mitte des letzten Jahrhunderts in Deutschland verbreitet, gingen die Frauen danach zur Entbindung meist ins Krankenhaus. Inzwischen können sich aber wieder mehr Frauen eine Entbindung zu Hause vorstellen. In den Niederlanden, wo Schwangere fast ausschließlich durch Hebammen betreut werden, entscheiden sich 30 Prozent der Frauen für eine Hausgeburt. In Deutschland sind es nur ein bis zwei Prozent, in Berlin immerhin vier Prozent.

"Was soll ich im Krankenhaus?"

Nora Schultz sah keinen Grund, für eine natürliche Geburt ins Krankenhaus zu gehen: "Ich fühlte mich ja nicht krank - was sollte ich da in der Klinik?" - zumal es in den Schwangerschaften keine Komplikationen gab. "Mir erscheint es komfortabler, bei der Geburt in meinen eigenen vier Wänden zu sein", sagt die 35-Jährige. "Schon die Fahrt im Auto zum Krankenhaus mit Wehen hätte für mich Stress bedeutet", erklärt sie. Sie ist auch überzeugt, dass sie dadurch besser mit den Geburtsschmerzen umgehen kann. Den Eindruck bestätigen Zahlen der Gesellschaft für Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe (quag). 84 Prozent der Erstgebärenden brauchen demnach bei einer Haus- oder Geburtshausgeburt keine Schmerzmittel, bei Mehrgebärenden es sogar 96 Prozent. Demgegenüber bekommt jede zweite Gebärende in der Klinik eine Anästhesie, ergab eine Studie von quag.

Aber natürlich gibt es bei einer Hausgeburt immer einen Plan B, erklärt Hebamme Judith Meyer. Daher ist es ihr wichtig, dass ein entsprechendes Krankenhaus in der Nähe ist. Und auch Nora Schultz hätte nicht gezögert, bei Problemen in die Klinik zu wechseln. Tatsächlich kommt es nur selten zu Notsituationen. Dennoch bleibt immer ein Restrisiko. Daher rät der Vorsitzende des Berliner Landesverbandes der Frauenärzte, Gynäkologe Stefan Skonietzki, von einer Hausgeburt ab: "Man kann nie vorhersehen, wie eine Geburt verläuft. Auch bei einer völlig unauffälligen Schwangerschaft gibt es Situationen, die eine drastische Verschlechterung des Zustandes von Kind oder Mutter auslösen und die sofortiges Handeln erforderlich machen." Eine Verlegung in die Klinik könnte dann zu viel Zeit kosten, "selbst wenn eine Frau nur 15 Minuten braucht, bis sie in der Klinik ist, kann das zum Beispiel bei einer schlechter Sauerstoffversorgung zu erheblichen Schäden beim Kind, bis hin zum Kindstod, führen." In den zwei Jahren, in denen Judith Meyer Hausgeburten betreut, habe sie allerdings noch keinen Notfall gehabt. Die Verlegungsrate liegt bei etwa zwölf Prozent, davon sind ein bis zwei Prozent Notfälle. Zu den Gründen, die eine Hausgeburt ausschließen, zählen zum Beispiel die Beckenendlage wie bei Nora Schultz' erstem Kind oder eine Mehrlingsgeburt.

Andreas Peters, Namis Vater, war offen für die Hausgeburt. "Mehr als das", sagt Nora Schultz lachend, "er war enthusiastisch". Bei Namis Geburt saß er sogar mit seiner Frau zusammen im Pool. "Es ist wichtig, dass der Mann hinter der Hausgeburt steht", betont Hebamme Judith Meyer, "wenn sich das Paar nicht einig ist, kommt es zu Spannungen, die unter der Geburt störend sind".

"Alle Zeit, um anzukommen"

Schon in der Schwangerschaft hat sich Nora Schultz von Hebamme Judith Meyer betreuen lassen. Dieses persönliche Verhältnis zwischen Hebamme und werdenden Eltern ist für viele Frauen ein wichtiges Motiv für die Hausgeburt. Und auch für die Hebamme macht es die Geburtshilfe einfacher: "Man kennt die Frau und kann in einer Extremsituation, wie sie eine Geburt darstellt, viel besser auf ihre Bedürfnisse eingehen." Auch nach der Geburt sei die Atmosphäre intimer als in der Klinik. "Bei einer Hausgeburt können die Hebammen Eltern und Kind alle Zeit geben, um anzukommen."

So schön das klingt, ist die Hausgeburt dennoch nicht für jeden geeignet. Viele Frauen fühlen sich mit dem medizinischen Apparat im Hintergrund auch sicherer. Andere scheuen den Aufwand, die Geburt zu organisieren. Dabei ist es vor allem die Hebamme, die sich um die Logistik kümmert: Sie bringt wasserfeste Unterlagen, Tücher und bei Bedarf einen Geburtspool mit und entfernt hinterher die Spuren. Die Kosten für die Hausgeburt werden von den Krankenkassen übernommen, sie sind deutlich niedriger als bei einer Klinikgeburt. Lediglich die Rufbereitschaft müssen die werdenden Eltern selber zahlen. 350 Euro verlangt Judith Meyer dafür. Nicht viel, wenn man bedenkt, dass sie sich zwei Wochen vor und zwei Wochen nach dem Termin 24 Stunden täglich bereit halten muss. Das heißt auch, dass sie höchstens zwei, drei Hausgeburten im Monat betreuen kann. Davon können die drei Hebammen der Praxis "Mittendrin" nicht leben. Ihr Geld verdienen sie vor allem mit der Vor- und Nachsorge von Schwangeren sowie mit Geburtsvorbereitungs- und Babykursen. Ihr Angebot, Hausgeburten zu betreuen, ist etwas Besonderes: Die meisten freiberuflichen Hebammen sind inzwischen aus der Geburtshilfe ausgestiegen, weil sie sich die Prämien für die Haftpflichtversicherung bei ihren ohnehin niedrigen Honoraren nicht mehr leisten können. Judith Meyer ist trotzdem dabei geblieben, aus Überzeugung. Und Nora Schultz ist froh darum. Denn sie ist sich sicher: Wenn sie noch einmal schwanger würde, bekäme sie ihr Kind wieder bei einer Hausgeburt.

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