Elternvertreter

Von der Kunst des Abtauchens

Jetzt werden an den Berliner Schulen wieder Elternvertreter gewählt. Nichts wie weg, meint unsere Autorin

Es gibt Momente im Leben eines Menschen, da wünscht man sich ganz weit weg. Irgendwohin, wo das Gras grün ist und die Sonne immer scheint und wo die Vögel zwitschern. Es ist bekannt, dass geübte Menschen unter Druck dazu neigen, sich in solchen Situationen an etwas zurückzuziehen, was britische Psychiater den "Safe place" nennen, einen sicheren Ort irgendwo im Gehirn. Wer an seinem sicheren Ort ist, den ficht nichts an, an dem perlen Vorwürfe, Zwänge und Nörgeleien nur so ab. Man taucht weg, fernab in eine fremde, beglückende Welt.

Dieser Ort kann ein imaginäres Kaminzimmer sein, in dem ein Cellistenquartett spielt, während man selbst mit einem Cognac daneben sitzt und der Musik lauscht. Oder ein auf einem beschaulichen Fluss dahinschaukelndes Boot, in dem ein reich gefüllter Picknickkorb nur darauf wartet, geöffnet und leer gegessen zu werden. Ganz sicher wäre der Vertrieb von "safe places" ein Bombengeschäft, wenn man sie irgendwie künstlich herstellen könnte. Derjenige müsste einfach nur abends vor Schulen herumhängen und sagen: "Na, ist heute wieder Elternvertreterwahl? Ich habe da genau das richtige für Sie!"

Grundsätzlich unzufrieden

Wie jedes Jahr werden auch jetzt wieder Schüler eingeschult, aber viel wichtiger sind die dazugehörigen Eltern. Denn die sind Kanonenfutter für die Wahlveranstaltungen zum Elternvertreter, traurige Narren, die es nicht geschafft haben, sich im entscheidenden Moment weg zu ducken oder, schlimmer noch, die ihre gescheiterte Karriere als Klassensprecher neu aufleben lassen und verarbeiten wollen. Schülervertreter, wirklich, das wäre okay. Dann wäre man so eine Art Mini-Gewerkschafter für die Kleinen, würde ihre Rechte durchboxen. Und zwar die aller, nicht nur jener, die einem genetisch nahe stehen. Aber Elternvertreter - selbst wenn Sie keine Erfahrung mit dem Sujet haben: Das stinkt nach Ärger.

Es gibt ein paar Knackpunkte dieser Tätigkeit, die man stets im Kopf behalten sollte. Erstens vertreten Sie die Elternschaft. Eltern sind jedoch unzufrieden, nicht nur latent, sondern mit Haut und Haar. Lassen Sie sich das von einer erfahrenen Elternvertreterin sagen. Die Therapiekosten hinterher zahlt einem natürlich keiner.

Eine Elternvertreterwahl erkennt man übrigens ganz locker an dem betretenen Schweigen, das im Raum eintritt, sobald die Lehrerin oder der Lehrer die entscheidende Frage stellt: "Na, wer von Ihnen hätte denn in diesem Jahr Lust auf diesen interessanten Posten?" Plötzlich sind auf dem Boden eine Menge interessanter Ritzen zu finden, Spalten an der Wand, die begutachtet werden müssen und mindestens eine Mutter oder ein Vater, von denen alle anderen denken: "Bitte nicht die, so hebe doch jemand den Finger, aber bitte nicht die!" Perfide ist es, wenn man aus Versehen zucken muss, zum Beispiel, weil einem eine Fliege an der Schläfe herumkraucht. Während die Lehrerin noch sagt: "Haben Sie sich gemeldet? Oh wie schön, eine Freiwillige! Prima, hat jemand was dagegen? Nein? Dann sind Sie hiermit gewählt!", denkt man nur "Mistmistmist, ich kaufe mir nachher eine riesige Packung Insektizid und räche mich." Leider gucken einen dann alle so erleichtert an, dass man es einfach nicht übers Herz bringt, abzulehnen. Und dann steckt man mittendrin.

Die Interessen von Eltern gegenüber der Schule zu vertreten, ist nichts für weiche Gemüter. Ein Beispiel? Gerne.

Ein schummriger Abend in Berlin-Prenzlauer Berg. Es ist 18 Uhr, draußen raschelt schon beinahe das Herbstlaub. Gedrückte Stimmung. Die Elternvertreterwahl liegt Wochen zurück, heute sollen endlich Dinge von entscheidender Relevanz besprochen werden. Auftritt Lehrerin. Ihr Blick: Hoffnungsvoll. Noch.

Lehrerin: "Mensch, das ist ja richtig voll heute! Toll, toll! Ich hatte gleich das Gefühl, dass Sie alle ganz besonders engagiert sind. Seien wir mal verrückt und fangen mit den Eltern an. Was gibt es denn so von ihrer Seite?"

Elternsprecherin: "Ja, also, da wären ein paar Fragen bezüglich des Essens..."

Mutter A: "Ja, das Essen ist total mies. Was ist denn das hier eigentlich, eine Krankenhauskantine? Die Mia isst überhaupt nichts und hat fast ein Kilo abgenommen!"

Elternsprecherin: "Ich finde, wir sollten da mal ganz sachlich bleiben und erst mal..."

Vater B: "Sachlich? Es geht hier um die Gesundheit unserer Kinder! Das haben wir doch alles schon per Mail besprochen! Du sollst unsere Interessen vertreten!"

Elternsprecherin: "Aber das will ich doch gerade. Ich wollte eben anmerken, dass die Biokost, die es hier gibt, eben nicht..." (Rest ist unverständlich wegen Zwischenrufen. Wortfetzen wie "Veganermist" und "Leberwurststulle" fliegen durch den Raum. Die Lehrerin duckt sich weg und wechselt geschickt das Thema.)

Lehrerin: "So, das scheint ja die Gemüter mächtig zu erhitzen. Da sammelt die Elternvertreterin am besten mal ein paar Mails, die wir dann dem Küchenchef weiterreichen. Sonst noch was?"

Elternsprecherin (kleinlaut): "Tja, also, äh, da gab es ein paar Bedenken wegen des Verhaltens einiger Jungs, ob da die Kinder gut lernen können...."

Mutter C: "EINIGER Jungs? Das geht ja wohl ganz klar gegen meinen Jonas! Aber ich sag euch was, solche Intrigen mache ich nicht mit! Nicht mit mir!"

Elternsprecherin: "Äh, eigentlich nicht. Es ging eher darum, dass... (Rest geht in tumultartigem Geschrei unter)

Aber bitte sehr, niemand soll sich mit seinem Engagement zurückhalten, nur weil an einer kleinen Schule etwas schief gelaufen ist. Im Grunde sind die Sorgen immer die gleichen und teilen sich in immer dieselben Problemfelder auf.

1. Das Essen ist zu schlecht/fettig/neumodisch ("Bulgur? Was soll das sein?"). Richtige Antwort: "Du hast ja so Recht. Ich kümmere mich sofort."

2. Mindestens ein Kind ist verhaltensauffällig und stört den natürlichen Flow der Klasse/neigt zu kriminellen Handlungen/pinkelt immer daneben und stiftet die anderen an, es ihm gleichzutun. Richtige Antwort: "Du hast ja so Recht. Ich kümmere mich sofort."

3. Ein Kind wird ungerecht behandelt/den anderen gegenüber benachteiligt (eine unverrückbare Tatsache, die einem von sämtlichen Eltern gesteckt wird). Richtige Antwort: "Du hast ja so Recht. Ich kümmere mich sofort."

4. Das Klassenfahrtziel ist doof/Früher war alles besser. Richtige Antwort: "Ich sammle gerne Vorschläge und unterbreite sie der Lehrerin." / "Du hast ja so Recht. Ich kümmere mich sofort."

Sie sehen, im Grunde ist es einfach. Natürlich gibt es auch sehr engagierte Elternvertreter. "Warum ist der Eisladen neben der Schule geschlossen? Das würde uns doch interessieren!" ist eine der Mails, die man dann bekommt. Aber bitte, Sie haben es so gewollt. Nur achten Sie bitte darauf, als Elternsprecher niemals einer Neuwahl fern zu bleiben. Ein perfides Mittel der Elternschaft ist die Wiederwahl in Abwesenheit. Am nächsten Morgen findet man dann nämlich eine Mail. "Herzlichen Glückwunsch!", steht dann da, "Du bist einstimmig wiedergewählt worden!" Und wenn man dann schreibt: "Aber ich war doch gar nicht da", dann schreiben einem die anderen: "Du hast immer so glücklich auf den Elternabenden ausgesehen, da haben wir uns gedacht, Du willst das bestimmt noch ein Jahr machen."

Äh, ja. Genau.