Von Boetticher

"Ein 40-Jähriger? Das geht gar nicht!"

Ein CDU-Politiker musste seine Karriere aufgeben. Wegen der Beziehung zu einem 16-jährigen Mädchen. Wie denken andere Teenager darüber?

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Drei 16-Jährige zu treffen ist nicht so einfach. Bis 16.30 Uhr haben Josefine, Emma und Linda Schule, danach hat die eine Klavierstunden an dem einen Tag, die andere einen Termin beim Kieferorthopäden am anderen, und die dritte ist, als es nach vielem Hin und Her doch noch klappt, erst mal nicht aus ihrem Zimmer zu bewegen. "Ein einziges Extremerlebnis", beschreibt der Vater das Leben mit der Tochter, als er im Garten Getränke serviert. Die Mädchen leben in Berlin und gehen auf verschiedene Gymnasien.

Berliner Morgenpost: Findet ihr die Aufregung über den Fall von Boetticher nachvollziehbar?

Josefine: Nun ja, ich finde diese Beziehung auch nicht ganz normal.

Linda: Ich verstehe nicht, was das Mädchen an dem 40-Jährigen findet. Aber wenn es nun wirklich die große Liebe ist, dann sollen die beiden auch zusammen sein dürfen. Dann finde ich es eher seltsam, dass es sein Berufsleben so zerstört. Schließlich ist es ja legal.

Berliner Morgenpost: Und warum kannst du dir das so gar nicht vorstellen?

Linda: Weil ich nicht auf alte Männer stehe. Ein 40-Jähriger - das geht gar nicht. Keine Ahnung wie man solche Typen attraktiv finden kann.

Josefine: Die Interessen sind bei diesem Altersunterschied doch total verschieden. Er will CDU-Spitzenkandidat werden, sie ist Schülerin.

Berliner Morgenpost: Nun ja, ein 40-jähriger Mann kann einem ja einiges bieten, Einladungen, Geschenke. So eine "Pretty Woman"-Story eben. Das ist kein bisschen attraktiv?

Josefine: Nein, das ist absurd. Er könnte ihr Vater sein. Da ist eine Grenze überschritten.

Berliner Morgenpost: Und wo ist die Grenze?

Josefine: Wenn man ein ähnliches Leben hat. Eine Schülerin hat einen ganz anderen Alltag, verdient kein eigenes Geld, weiß überhaupt nicht, wie ihre Zukunft aussieht. Wenn beide aber einen Job haben, ein ähnliches Leben führen, dann wissen sie viel eher, woran sie beim anderen sind.

Emma: Ein Lehrer aus unserer Schule hatte ein Verhältnis mit einer Schülerin. Sie war 18 und er, keine Ahnung, so um die fünfzig. Das war extrem seltsam. Die beiden haben geheiratet, und sie ist dann auf die Schulfeste mit dem Baby gekommen.

Linda: Und wenn man sich vorstellt, wie uralt der ist, wenn seine Kinder dann mal Teenager sind wie wir! Wer weiß, wie lange der dann noch lebt.

Berliner Morgenpost: Christian von Boetticher hat gesagt, er habe lange mit seiner Freundin vor allem über das soziale Netzwerk Facebook Kontakt gehabt. Seid ihr auch mal von einem älteren Mann angeschrieben worden?

Josefine: Das ist mir noch nie passiert.

Emma: Wenn ich von jemandem angeschrieben werde, den ich nicht kenne, antworte ich auch nicht.

Linda: Also mich hat noch keiner angeschrieben, aber ich kriege das von den Freundinnen meiner Schwester mit. Die sind 14 und anders drauf. Da gab es letztens eine Geschichte von einem so in dem Alter von Boetticher, der hat dem Mädchen versprochen, er wolle für sie nach Berlin ziehen und ihr ein Haus bauen und so was.

Berliner Morgenpost: Nutzt ihr Facebook zum Daten oder um Leute kennenzulernen?

Josefine: Ich nutze es eher um mit Leuten Kontakt zu halten, die ich nicht häufig sehen kann. Ich schaue mir ihre Bilder an, was sie so machen (lacht) : Über Facebook kann man auch gut stalken. Ich nutze es ab und zu, um kleine unverbindliche Nachrichten zu schreiben, aber nicht, um neue Leute kennenzulernen.

Emma: Letztes Jahr hat sich meine Klasse per Facebook über die Hausaufgaben ausgetauscht, das war extrem hilfreich.

Berliner Morgenpost: Und wenn ihr mal auf einer Party jemanden seht, den ihr toll findet, würdet ihr den anschreiben?

Emma: Nee. Ich warte eher, bis mir jemand eine Anfrage schickt.

Berliner Morgenpost: Habt ihr den Skandal von iShareGossip mitbekommen, wo Jugendliche über andere lästern?

Josefine: Ich habe da mal raufgeschaut, um zu wissen, was so geschrieben wird und ob ich wen kenne. Aber da geht es eigentlich nur um Jüngere. Fast nie um die Oberstufe.

Berliner Morgenpost: Heißt das, Jüngere gehen unbedarfter, naiver mit sozialen Netzwerken um?

Josefine: Ja, die nutzen sie anders. Die stellen auch viel mehr Fotos rein und machen sich keine Gedanken darüber.

Berliner Morgenpost: Spricht mit euch jemand darüber, wie ihr mit sozialen Netzwerken umgeht?

Alle drei: Ja. Alle.

Josefine: Noch bevor das in den Zeitungen stand, gab es an unserer Schule wegen iShareGossip eine Projektwoche darüber. Jede Klasse musste sich mit verschiedenen Aktionen beteiligen. Wir mussten Argumente sammeln, die gegen iShareGossip sprechen. Sobald dann alle drüber sprachen, wurde die ganze Geschichte uninteressant.

Emma: Oh, Gott, ja, in jeder Klasse musste es diskutiert werden.

Berliner Morgenpost: Nervt die Bevormundung?

Josefine: Na ja, beides. Manche alten Leute glauben, dass wir sonst was da treiben, und wenn da auch nur ein Bild von mir drinstehe, dann ruiniere das jede Bewerbung. Aber jüngere Klassen sollte man tatsächlich ein bisschen bremsen.

Berliner Morgenpost: Seid ihr jetzt erst so vernünftig oder wart ihr das immer schon?

Josefine: Wir wurden darüber vielleicht einfach überinformiert und übergewarnt.

Berliner Morgenpost: Wann müsst ihr eigentlich abends zu Hause sein?

Josefine: Das kommt total drauf an, wo wir sind. Wenn wir bei jemandem zu Hause sind und dann auch noch zu zweit heimfahren, dann kann ich bleiben, so lange ich möchte.

Berliner Morgenpost: Wie lange möchte man denn?

Linda: Das will ich am liebsten selbst entscheiden.

Emma: Es kommt drauf an, ob es heißt, dann und dann bist du zu Hause oder dann und dann fährst du los.

Josefine: Emma ist die große Expertin im Verhandeln mit den Eltern.

Emma: Also in den Ferien musste ich so in der Regel um ein Uhr losfahren, mit dem Fahrrad.

Josefine: Ich muss immer schreiben, wenn ich losgehe ...

Emma: Und wenn ich in der Bahn sitze.

Berliner Morgenpost: Was würden eure Eltern zu einem 30-jährigen oder älteren Freund sagen?

Josefine: Sie würden ihn vermutlich erst mal kennenlernen wollen.

Linda: Die wären wohl erst ein bisschen schockiert. Auf jeden Fall würden sie vorsichtig reagieren. Aber das hängt auch davon ab, wie der sonst so drauf ist.

Berliner Morgenpost: Ab wann ist man denn alt aus eurer Sicht?

Linda: Ab dreißig so ungefähr.

Josefine: Na ja, wenn man so voll im Beruf drinsteckt.

Berliner Morgenpost: Wie sollte er denn sein, der Richtige? Ist Aussehen wichtig?

Josefine: Großes Gelächter

Josefine: Na ja, wenn man denkt, "Mann, ist der hässlich", entwickelt sich auch nix.

Linda: Man sollte sich mit ihm wohlfühlen, unterhalten können und so.

Berliner Morgenpost: Sprechen Jungs Mädchen an, oder sprecht ihr auch jemanden an?

Linda: Viele Jungs machen gar nichts, wenn ein Mädchen Interesse hat, dann muss sie schon selbst aktiv werden.

Josefine: Aber das ist ja auch nicht so ein Problem, jemanden anzuquatschen.

Berliner Morgenpost: Und wer ruft zuerst an?

Linda: Ich glaube, ich würde eher warten. Aber andere Mädchen nicht.

Josefine: Wenn ich wirklich krasses Interesse hätte, würde ich schon selbst etwas tun. Aber Signale müsste es schon gegeben haben. Ich würde nicht denken: Hey, ich bin das Mädchen, ich mache das nicht.

Berliner Morgenpost: Glaubt ihr an die wahre Liebe?

Josefine: Irgendwann schon.

Linda: Also ich kann es mir jetzt nicht vorstellen, dass man irgendjemanden findet, von dem man sagt, mit dem will ich immer zusammen sein. Stelle ich mir eher anstrengend vor. Aber eine Freundin von uns hat eine Fernbeziehung, und die denken jetzt schon eher in die Zukunft.

Emma: Wenn zwei zusammenkommen, dann denke ich mir oft: Na, wie lange das wohl hält.

Josefine: Wir verändern uns ja noch. Ich weiß ja nicht einmal, was ich studieren will. Wie soll ich da wissen, mit wem ich den Rest meines Lebens verbringen möchte? Und man möchte ja auch ein bisschen ausprobieren und so ...

Emma: Und selbst wenn man mit einem immer zusammenbleibt, ob das am Ende des Lebens dann wirklich immer nur der eine war, ist ja auch die Frage.

Linda: (lacht) Ja eben. Und kann das dann die wahre Liebe gewesen sein?

Berliner Morgenpost: Ist ein fester Freund wichtig?

Emma: Manchen schon.

Josefine: Ja, und da heißt es dann auch: "Wie, die hat keinen Freund?" Das ist ja auch so etwas wie eine Bestätigung.

Linda: Meine kleine Schwester hatte mir neulich von einem Bekannten erzählt, der so komisch sei, und der habe ja auch noch nie 'ne Freundin gehabt. Da hab' ich gesagt: "Hey, ich hatte auch noch keinen festen Freund." Sie sagte dann nur, "Ach ja, stimmt. 'tschuldigung, aber bei dir ist das ja was anderes."

Berliner Morgenpost: Malt ihr euch manchmal eure Zukunft aus? Wie sie in 20 Jahren sein mag?

Emma: O je. Ich wüsste erst mal gern, was ich studieren soll.

Linda: Na ja, später will ich schon eine Familie, Kinder und auch ein Haus. Von mir aus auch ein Reihenhaus mit Garten. Aber das muss nicht schon in zehn Jahren sein.

Josefine: Ich hoffe, dann vor allem zufrieden zu sein mit dem, was ich habe.

Das Gespräch führten Judith Luig und Heike Vowinkel