Berlin

iPad-Spiel statt Lego-Auto: Einschulung reloaded

Unser Autor schulte nach 14 Jahren erneut ein Kind ein. Er trifft auf die gleichen maroden Klassenzimmer - und die ewig neue Bildungsdebatte

2. August 1997: Das Wetter gibt sich so, wie man es Anfang August erwarten darf. Der Bundeskanzler heißt Helmut Kohl. In Berlin regiert Eberhard Diepgen, in Brandenburg Manfred Stolpe. Die Charts werden von Puff Daddy angeführt. Internetnutzung ist keine Massenerscheinung, nicht jeder Grundschüler hat ein Handy. Ansonsten ist die Welt in Ordnung. Unser Sohn, Jahrgang 1990, wird in Brandenburg eingeschult. Abitur wird der Junge bestimmt machen und dann was Anständiges studieren, meinen die Omas (und sollen später Recht behalten). Auf der Zuckertüte zeigt der Nager aus der "Sendung mit der Maus", wie man Rechnen und Schreiben lernt.

20. August 2011: Die kleine Schwester des inzwischen 21-Jährigen, 2005 geboren, wird in Berlin eingeschult. Alles fängt von vorn an. Auf der Zuckertüte diesmal: Dinosaurier. Grimmige Fleischfresser, gütige Pflanzenfresser. Wie gewünscht. Eine Woche Schnupperaufenthalt im Schulhort hat die Lust auf Schule bei der Sechsjährigen nicht gedämpft. Im Gegenteil.

Was soll in die Zuckertüte?

Wir können uns nicht mehr daran erinnern, was wir dem Großen in die Zuckertüte gesteckt haben. "War bestimmt ein Auto drin und irgendwas von Lego", meint meine Frau. Unsere Tochter jedenfalls bekommt heute zur Einschulung einen Herzenswunsch erfüllt: Flip-Flops aus der Merchandising-Abteilung von "Angry Birds", ihrem nach "Pet Salon" und "Bounce on 2" drittliebsten iPad-Spiel. Wie sich die Zeiten ändern.

Wenn ein Schulkind die ersten Klassen absolviert hat und es allmählich absehbar ist, wie und wohin sich das Kind entwickeln wird, erlischt für gewöhnlich das Interesse der Eltern am Schulsystem. Sie beginnen, sich für Ausbildungschancen zu interessieren, für Berufsbilder, Studienwege und -orte. Der nach Jahren erzwungene Wiedereinstieg in die Beschäftigung mit dem Thema Schulbildung kann zum Schockerlebnis werden.

Mühsam wird versucht, sich auf den aktuellen Stand der bildungspolitischen Debatte und vor allem deren Auswirkungen zu bringen. Empörte Erkenntnis: Wir haben - gefühlt - das letzte Dutzend Bildungsreformen verpasst. Intensiv wird durch die Thematik gescrollt, wird zu verstehen versucht, nach welchem Prinzip in Berlin Gymnasiumsplätze vergeben/verlost/verirgendwast werden. Wie ist das mit dem jahrgangsübergreifenden Unterricht? Und wo wird er nicht praktiziert? Wie akut ist der Lehrermangel? Abitur nach 13 Jahren? Oder nach 12? Schnappatmung kommt auf, als die Rede davon ist, die Schulen könnten nun selbst entscheiden, ob sie mit Kindern nicht mehr Druck- und Schreibschrift, sondern nur noch die sogenannte Grundschrift einüben. Wo? Nur in Hamburg. Na ein Glück.

Willkommen in der deutschen Bildungskleinstaaterei! Wir rekapitulieren den Fall eines befreundeten Ehepaares, das Ende der 90er-Jahre von Berlin nach Brandenburg zog - mit der Konsequenz, dass die Tochter in den Sommerferien den kompletten Physik-Stoff der 6. Klasse nachzuholen hatte. Denn in der Enklave Berlin wurde erst ab Klasse 7 Physik gegeben. Drumherum in Brandenburg ab Klasse 6. Aber das hatte bestimmt einen profunden bildungspolitischen Grund.

Als Eltern, die sich schon immer um die bundesweite Vermittelbarkeit ihrer Kinder gesorgt haben, hatten wir gehofft, dass eine Vereinheitlichung der Bildungsstandards Fortschritte gemacht hätte. Der Idee folgend, dass deutschlandweit einheitlicher Schulstoff und einheitliche Prüfungsaufgaben höheren Leistungsanreiz bieten, mehr Chancengleichheit, aber auch bessere Messbarkeit und damit Vergleichbarkeit der Leistung befördern würden. Als es in diesem Frühjahr zu einer Debatte über bundeseinheitliche Schulstandards kam, forderte Bildungsministerin Annette Schavan die Länder auf, "sich zu bewegen". Sie sollten sich auf eine gemeinsame Grundstruktur einigen. Klang gut. Das Problem: Die Bildungsministerin hat in dieser Frage nichts zu sagen. Aus Berlin blieb uns das Wort der FDP-Schulexpertin Mieke Senftleben im Ohr: "Am Ende lernen dann in Deutsch alle nur noch den Faust, das birgt die Gefahr von thematischen Verengungen." Alle lesen Goethes "Faust". Was für ein Drama!

Bröckelnde Schulbauten

Für meine Tochter hoffe ich, dass sie die Tragödie um Faust, Gretchen und Mephistopheles lesen wird. Unabhängig von weiteren Bildungsreformen - und unabhängig vom Zustand der Schule, wenn sie ihr bis dahin nicht über dem Kopf zusammenstürzt. Wir haben drei Schulen in unserem Prenzlauer-Berg-Kiez besichtigt. Von außen wehrhafte, Solidität verheißende Klinkerbauten, von innen... Man kann es sich kaum vorstellen. OECD-Studien, wonach Deutschland nur 4,6 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts in Bildung steckt - gegenüber sieben bis acht Prozent in Kanada oder Skandinavien - werden da konkret fassbare, aber für das reichste Land Europas unfassbare Realität.

Einige Treppenhäuser machen den Eindruck, als hätten sie zuletzt in der Ägide der Volksbildungsministerin Honecker einen Topf Farbe gesehen. Anderswo fehlt großflächig der Putz. Wir reden uns mutmachend ein, dass die ganz Kleinen dies aus ihrer 1,15-Meter-Perspektive kaum wahrnehmen, die liebevolle Zuwendung der Lehrer Negativeindrücke kompensieren würde. Und gehen so in die erste Elternversammlung. Die junge Lehrerin sagt, man würde das Schreiben zunächst in Lautschrift lernen. Ähm: Lautschrift? Also mit Schpil und Schpas? Der Gedanke, dass unsereiner das Schreiben von Anfang an "richtig" gelernt hat, wird verdrängt vom Wunschdenken: Die Lehrer werden schon wissen, was sie tun.

Laienhafte Elternintuition

Dankbar sind wir jedenfalls, dass die Schule sich gegen das jahrgangsübergreifende Lernen entschieden hat. Warum? Aus der laienhaften Elternintuition, dass ein Erstklässler wohl doch einer anderen Förderung bedarf als ein Zweitklässler. So simpel können Wahrheiten manchmal sein. Es heißt dazu vielsagend auf dem "Bildungsserver Berlin-Brandenburg": "Jahrgangsübergreifendes Lernen eröffnet Chancen zum gemeinsamen Betrachten und Reflektieren - allerdings nur, wenn entsprechende Lehr-Lern-Settings realisiert werden."

Genau. Die Lehr-Lern-Settings! Das ist es doch am Ende, was wichtig ist: Verfügt die Schule über geeignetes Personal, Inventar und Wertegerüst, um für Kinder und Eltern ein glaubwürdiger Absender von Bildung zu sein? Und: Verfügen die Kinder über Eltern, die ihnen erklären, wie wichtig Schule ist? Wenn dieses Lehr-Lern-Setting stimmt, kann auch das verpasste Dutzend Schulreformen nichts daran ändern, dass der Schulanfänger seinen Weg erfolgreich geht.

Den Bildungspolitikern sei aus Elternsicht gesagt: Weniger ist manchmal mehr. Nicht jeder Regierungswechsel in einem Bundesland muss mit einer Schulreform verbunden sein. Mehr Kontinuität - schon wäre das Grundvertrauen ins Bildungswesen größer. Und wenn es statt ideologischer Rechthaberei noch ein paar Eimer Farbe fürs Treppenhaus gäbe...