"Kids on Tour"

Die Kofferkinder - in zwei Städten zuhause

Jedes Wochenende reist Nachwuchs getrennter Eltern mit der Bahn von Mama nach Papa. Das Programm "Kids on Tour" macht es möglich

Sein Schnuffeltuch kommt schon lange nicht mehr mit. Die Bahncard, ein Fahrschein, Wäsche zum Wechseln, mehr braucht Noah nicht für das Wochenende bei seinem Papa - und die Zahnbürste, na klar.

Noah ist acht Jahre alt und beinahe schon ein Profi, wenn es ums Reisen geht. Seit anderthalb Jahren pendelt er zweimal im Monat mit der Bahn von Berlin nach Hamburg - und wieder zurück.

Der ICE verbindet die zwei Welten, in denen Noah lebt, seit der Vater die Familie verließ und an die Elbe zog. Begleitet wird er von pädagogisch geschulten Betreuern. Ein Angebot der Deutschen Bahn AG und der Bahnhofsmission macht es möglich. "Kids on tour", heißt das Programm.

Der Junge aus Berlin-Kreuzberg gehört zu der wachsenden Gruppe von Trennungskindern, die in zwei Städten zu Hause sind. Einige von ihnen trifft man immer wieder freitags in der Bahnhofsmission am Berliner Hauptbahnhof.

Hier, im ersten Obergeschoss, am Ende eines schmalen Gangs, hinter einer Filiale von Dunkin' Donuts, geht die Reise los. Ein Aufenthaltsraum, der aussieht wie die Wartezone einer Arztpraxis. Ein Tresen, Tische und Stühle, ein Ficus Benjamini. Ein zwölfjähriger Junge mit Sommersprossen hat als erster eingecheckt. Verstohlen schaut er sich um. Er reist zum ersten Mal ohne seine Eltern. Begleitet wird er von Tasso Kunte, 68, und Petra Bolaji, 57. Noch etwas unentschlossen sitzt er neben seinem gepackten Rucksack. "Wie oft guckt einer vorbei?", fragt er Tasso Kunte. Der legt ihm die Hand auf die Schulter. "Wir sind die ganze Zeit bei Euch."

Es ist ein Service, den die Deutsche Bahn AG zusammen mit der Bahnhofsmission auf acht Strecken anbietet. 32 500 Kinder haben ihn seither schon genutzt. Er ist die Antwort der Bahn auf steigende Trennungsraten und die wachsenden Anforderungen an berufliche Mobilität. Schon heute lebt jede fünfte Familie mit einem alleinerziehenden Elternteil. Oft liegen hunderte von Kilometern zwischen Vater und Mutter. Vielen fehlt neben ihrem Job die Zeit oder das Geld, um die Kinder am Wochenende selber zu begleiten.

Vor einigen Jahren schloss die Lufthansa diese Marktlücke als erste. Jährlich betreuen ihre Flugbegleiter 65 000 alleinreisende Kinder. 2003 stieg auch die Deutsche Bahn AG in das Geschäft ein. Die Nachfrage nach ihrem Service wächst. Vierzig Prozent der Kunden nutzen das Angebot regelmäßig.

Einer von ihnen ist Noah aus Berlin. Sohn einer Schwarz-Afrikanerin und eines deutschen Vaters. Passionierter Fußballspieler. Fragt man ihn nach seinem Traumberuf, sagt er: "Stürmer bei Schalke 04".

"Tach, Noah. Auch mal wieder dabei?" Tasso Kunte begrüßt den Jungen wie einen alten Bekannten. In seinem früheren Leben war er Banker. Jetzt streift er sich die kornblumenblaue Weste der Bahnhofsmission über, um sich einer Aufgabe zu widmen, von der der dreifache Großvater sagt, sie halte ihn jung.

Kunte - giftgrüne Hose, eisgrauer Vollbart, randlose Brille - geht zusammen mit Noahs Mutter die Checkliste durch. Der Vertrag mit der Bahnhofsmission? Ist ausgefüllt. Medikamente? Braucht der Junge keine. Die Fahrkarte? Ist vorhanden.

Ein prüfender Blick auf die halbleere Reisetasche. "Hast Du auch genug zu trinken dabei?"

Der Achtjährige nickt wortlos. Er kennt das schon. Den Weg zu den Ferngleisen im Tiefgeschoss würde er inzwischen sogar alleine finden.

Jetzt noch ein Abschiedskuss für seine Mutter. Dann geht es los. Die Reisetasche lose über die Schulter geworfen, so federt er in Richtung Rolltreppe.

Sie sind zu fünft heute, der älteste ist zwölf. Zurück schaut keiner von ihnen. In der Gruppe fällt der Abschied leichter. Keiner will sich die Blöße geben.

Nur Carl scheint zu fürchten, dass er in diesem riesigen Bienenstock verloren gehen könnte. Sonst fährt er die Strecke zu seinem Papa in Hamburg immer mit einem Kumpel, den er im Zug kennengelernt hat.

Doch dessen Ticket wurde storniert. Carl ist darüber ein bisschen traurig. Der Siebenjährige fasst Petra Bolaji an der Hand. So schnell und schmerzlos verläuft der Abschied nicht immer. Tasso Kunte ist seit fünf Jahren mit den "kids on tour" unterwegs.

Er sagt: "Abschied und Ankunft, das sind für einige Kinder kritische Momente." Kunte runzelt nachdenklich die Stirn. Er merkt schnell, wenn ein Kind bedrückt ist. Er hat das alles schon erlebt.

Dass Eltern gar nicht erst warteten, bis sich die Gruppe vor der Bahnhofsmission verabschiedet. Dass ihm Mütter Briefumschläge in die Hand drückten: "Geben Sie das bitte dem Vater des Kindes." Oder dass am Ziel niemand wartet, um die Kinder abzuholen.

Unter den Jungs ist heute keiner dabei, der ein Taschentuch braucht. Auf Gleis acht muss die Gruppe nicht lange auf den ICE nach Hamburg warten. Tasso Kunte sagt: "Spätestens im Zug wäre alles vergessen."

Tatsächlich: Kaum hat die Gruppe zwei Abteile in Beschlag genommen, fliegen virtuelle Legosteine durch die Luft: Carl hat sein Nintendo DS ausgepackt. Über dem Computerspiel kommen sich die Jungs näher. Tim, neun Jahre alt, einen Kopf größer als Carl, hat seine Tante in Berlin besucht. Eine aufregende Woche war das. Im Technik-Museum waren sie auch. Stolz erzählt Tim von den chemischen Experimenten, die er machen durfte.

Jetzt holt er sein Nintendo DS heraus - in der XL-Variante, darauf legt er Wert. Fünf Minuten später stecken die beiden Jungs schon die Köpfe zusammen. Tim hat Carl sein Lieblingsspiel geliehen: "Lego Indiana Jones." Er zeigt ihm, wo die Schätze versteckt sind. Es ist ein Spiel genau nach Carls Geschmack.

Der ICE rast an stoisch wiederkäuenden Kühen und Mähdreschern vorbei, die dicke Staubwolken aufwirbeln, doch bis zur Ankunft in Hamburg wird Carl nicht mehr aus dem Fenster schauen. Atemlos jagt er durch die virtuelle Welt von Indiana Jones. Leise ruft er: "Aus dem Weg, du Penner." Noah greift mechanisch in seine Chipstüte. Seine Playstation steht in Altona, bei seinem Vater. Am Wochenende soll es regnen. Da bleibt genug Zeit, um zusammen zu daddeln. Noah kann es kaum erwarten. Er ist ganz still. Er drückt sich die Nase am Fenster platt.

Für Vater und Sohn sind diese gemeinsamen Wochenenden etwas Besonderes. Kai Wunderlich, 37, verließ die Mutter seines Kindes, als Noah zwei Jahre alt war.

Der Angestellte sagt, im ersten Jahr sei er beinahe jedes Wochenende selber von Hamburg nach Berlin gependelt - erst mit der Bahn, dann mit dem günstigeren Linienbus.

Kräfte- und nervenzehrend sei das gewesen. Er seufzt. Er lebt jetzt mit einer anderen Frau zusammen. Der Kontakt zu Noahs Mutter beschränkt sich auf das Notwendigste. Er sagt, es reiche, um die Besuchstermine zu koordinieren.

Ein Würfel fliegt durchs Abteil. Petra Bolaji ist es gelungen, Noah zu einer Partie Kniffel zu überreden. Sie hat einen Koffer voller Spiele dabei, UNO, Mensch-Ärgere-Dich-nicht. Die Klassiker. Doch gegen die Computerspiele hat sie kaum eine Chance. Nebenan im Abteil hat Tasso Kunte jetzt eine DVD in einen Laptop geschoben.

Po, der Bär aus "Kung Fu Panda", flippt gerade aus. Er legt den bösen Schneeleoparden Tai-Lung aufs Kreuz. Der kocht vor Wut. Die Jungs kichern vergnügt. Sogar Malte legt jetzt seine Mathehausaufgaben zur Seite. Später wird Tasso Kunte sagen: "Meine Enkel gucken den Quatsch auch." Statt Zeichentrickfilme zu zeigen, würde er lieber mit den Kids spielen. Doch ihnen vorzuschreiben, womit sie sich die Zeit vertreiben, das stehe ihm nicht zu.

Der Zug rollt in Hamburg ein. Petra Bolaji packt ihre Spiele in den Koffer. Sie sagt, auf längeren Fahrten komme es vor, dass ihr Trennungskinder ihr Herz ausschütteten, vor allem Mädchen. Petra Bolaji hört dann aufmerksam zu. Die Bankangestellte im Vorruhestand ist selber Oma eines so genannten Kofferkindes. Sie sagt, ihre siebenjährigen Enkelin habe die Scheidung gut verkraftet. "Nicht alle Geschichten enden traurig." Sie habe jetzt eben ein Zuhause bei Mama und eines bei Papa. Vielleicht gibt es ihn also doch, den Plural von Zuhause. Beim Aussteigen fragt Carl Noah: "Berlin oder Hamburg, welche Stadt gefällt Dir besser?" Noah muss lange überlegen. Man merkt, wie sehr er mit sich ringt. Dann sagt er: "Beide."

"Nicht alle Geschichten enden traurig"

Petra Bolaji, Bahnhofsmission