Sturmfreie Bude

Teenager allein zu Haus

Wenn die Kinder groß genug sind, kann Mama allein verreisen. Wenn nur der Stress vorher nicht wäre, meint unsere Autorin

"Musst du nicht bald mal los?" Mit liebenswürdiger Ungeduld deutet der Jüngste auf die Küchenuhr an der Wand. "Nicht, dass du den Zug verpasst!" Hm. Recht hat er. Ich gebe mir einen Ruck, denn jetzt wird's ernst. Im Flur steht mein Koffer und ich werde eine Woche nicht das sein, was ich immer bin, nämlich immer da.

Nicht dass es daran grundsätzlich etwas auszusetzen gäbe - natürlich würde mir nicht mal im Traum einfallen, auf der Suche nach Abenteuern pflichtvergessen aus unserem gemütlichen Nest zu flüchten. Auch habe ich keineswegs vor, meine Kinder zu verlassen, um mit schmachtenden Blicken einen jüngeren Mann zu erobern. Mich lockt überhaupt keine Aussicht auf ein reifes Entgleisen im Wahn, kinderlose Gewohnheiten einfach nur wieder aufnehmen zu müssen, um vergangene Zeiten heraufzubeschwören und mich so von der Mutterschaft zu erholen. Ich bin überhaupt nicht unzufrieden mit meinem Familienleben. Doch ich will mal kurz der gemischten Raubtiernummer entfliehen, in der ich seit Jahren als liebende Dompteuse in Glitzerkostüm und Puschelpumps Leckerlis verteile und äußerstenfalls mal mit der Peitsche knalle, um die Show in Gang zu halten.

Insgeheim verspreche ich mir eine wundersame Läuterung von diesem Ausflug. Danach würde ich bestimmt viel netter zu meiner Familie sein und deutlich weniger Wutanfälle haben. Frisch, fröhlich und ausgeruht würde ich zurückkommen und ganz begeistert sein, die Kinder wieder zu sehen. Ich würde mich wundern, wie nett, wie klug, wie freundlich und wie selbstständig sie sind.

Eigene Batterien wieder aufladen

Das müsste helfen: Tief durchatmen und ein paar Tage lang versuchen mich zu erinnern, wer ich eigentlich war, bevor der Familienzirkus losging. Tapetenwechsel. Tschüs Wohnung, tschüs Waschmaschine, tschüs pädagogisch wertvolles Spielzeug, das sich zu pädagogisch wertlosen Haufen türmt, tschüs Harry Potter, tschüss Telefon, tschüs Büchergeld in Umschlägen, tschüs Stullenpakete, tschüs Alltag. Natürlich bin ich nicht zum ersten Mal weg. Ich war schon im Krankenhaus, um neue Babys zur Welt zu bringen. Ich war schon über Nacht weg, weil berufliche Pflichten das verlangten. Ich bin schon mal ein paar Tage weggefahren, um meine alte Mutter zu pflegen.

Aber hier geht's jetzt um Urlaub. Und es geht nicht um Sandeimerchen, Freizeitparks oder Streichelbauernhöfe, auch wenn sich diese Unternehmungen gemeinhin breiter gesellschaftlicher Billigung erfreuen. Ferien mit Kindern - immer wieder schön. Wellness-Wochentage mit Freundinnen - so selten wie wunderschön. Während wir uns well und weller fühlten, versicherten wir uns gegenseitig immer wieder, wie wichtig es doch ist, die eigenen Batterien wieder aufzuladen. Das kommt ja dann auch wieder der Familie zugute, stimmt's? Ist die Mutter gesund, freut sich das Kind.

Gut, drei Wochen Mutter-Kind-Kur am Ostseestrand hätten's vielleicht auch getan. Plötzlich kriege ich kalte Füße und komme mir wie eine Rabenmutter, fast wie ein egoistisches Luder vor. Denn ich spreche von etwas Unerhörtem: Ferien für mich - alleine. Ganz bewusst, trotz der Häme meiner alten Nachbarin, der Missbilligung befreundeter Mütter und der hochgezogenen Augenbrauen meiner eigenen Mutter, habe ich verkündet, dass ich ein paar Tage alleine wegfahren werde. Soviel Freiheit muss sein, wenn die Kinder schon so groß sind, dass man vor dem Ältesten sogar schon den Autoschlüssel verstecken muss.

Und überhaupt: Wer kann die Freuden der Mutterschaft schon genießen, wenn er jeden Tag bis zum Hals drin steckt, habe ich noch trotzig nachgeschoben, nachdem ich meinen Plan bekannt gemacht habe. Deshalb blase ich heute entschlossen den L'Orealhaften Funken in die Asche meines Alltags: Weil ich es mir wert bin. Das komische Ding im Flur ist meine Reisetasche. Tschüss, Leute. Auf Wiedersehen. Bis nächste Woche.

Ob das wohl gut geht? Dass ich gar nicht weiß, was die Kinder eigentlich machen werden, habe ich vor meiner Abreise nicht gemerkt, weil ich zu beschäftigt damit war, ihnen zu sagen, was sie machen sollen. Für jeden Tag habe ich eine Laufliste geschrieben, die morgens immer munter imperativ anfängt mit Aufstehen! Zähneputzen! Frühstücken! Tisch abräumen! und abends liebevoll investigativ aufhört mit Klavier geübt? Küche aufgeräumt? Hund ausgeführt? Alle Lichter ausgemacht? Haustür abgeschlossen? Für jeden Mittag habe ich Essen vorgekocht, etikettiert und eingefroren. Seit dem letzten power-shopping bei Aldi platzt der Vorratsschrank aus allen Fugen. Rot habe ich im Kalender markiert, wann ich wieder zurück bin. Und in Betten, an Spiegeln und sogar zwischen den Sofakissen habe ich launige Zettelchen mit Herzen, Blümchen und Smileys versteckt, mit denen ich meine Liebe versichere und nur hin und wieder zart mahne, nichts zu tun, was ich nicht auch tun würde: Auf dem Bonbonglas pappt ein post-it mit gemalter Zahnbürste, am Fernseher ein warnender Totenkopf mit genauer Dosierungsvorschrift: höchstens zwei Stunden am Abend!

Am Kühlschrank haftet eine meterlange Liste aller Berliner Notrufe. Notfallgeld ist im Geheimversteck, das alle kennen. Auf der Kondomschachtel, die ich unauffällig gut sichtbar im Bad neben dem After-Shave meines großen Sohnes deponiert habe, klebt ein schalkhaftes "Niemals ohne Minestrone!" Auf allen Spiegeln stehen alle Telefonnummern meiner einsatzbereiten Freundinnen. Und an meine höchstpersönliche halbvolle Kiste Bier auf dem Balkon habe ich einen großen Zettel geheftet: "Liebes Kind! Wenn du trinken willst, handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, das sie allgemeines Gesetz werde."

Plötzlich werde ich misstrauisch

Sie haben meinen Beschluss, für ein paar Tage verloren zu gehen, erstaunlich gelassen genommen. Mein Geschnatter über drohende und zu vermeidende Gefahren haben sie ergeben abgenickt und als ich mich zu wiederholen begann, haben sie mich nachsichtig darauf hingewiesen, dass sie erstens schon groß sind und zweitens selbst durchaus auch ein Interesse haben, am Leben zu bleiben. Sie haben mühsam versucht, ihre Vorfreude nicht allzu deutlich zu zeigen. Plötzlich werde ich misstrauisch. "Was macht ihr eigentlich den ganzen Tag, wenn ich nicht da bin?"

"Wir werden bestimmt nicht jeden Abend fernsehen!", ruft die Kleine. "Wir spielen niemals Frisbee mit Deinen CDs", grinst der Große und macht sich über meine Sorgen lustig. "Wir machen auch nicht die ganze Woche Party", wirft sich der Kleine groß in die Brust und versichert sich mit einem schnellen Blick zu seinem großen Bruder, dass er sich da wirklich etwas enorm Freches zu sagen getraut hat. "Wir würden nie den Hund baden", sagt treuherzig die Große, "das erlaubst du ja nicht!" Die Kleine legt den Kopf schief. "Vielleicht streiche ich endlich mal mein Zimmer pink!", sagt sie verträumt und die Große stößt ihr den Ellbogen in die Seite. "Aua, nee, mach ich nicht", fährt sie zusammen und beteuert pflichtbewusst, "das hast du ja verboten!" Ihr kleiner Bruder trumpft auf: "Ehrlich, wir kochen auch keine Spaghetti nach der Franki-Methode! Das kannst du ja nicht leiden!" Oh je, wie wahr. Nach der Methode eines hochgradig beliebten Erziehers aus dem Kinderladen überprüft man, ob die Nudeln schon gar sind, indem man sie an die Wand wirft. Wenn sie hängen bleiben, sind sie fertig.

"Und wir räumen auf, wenn wir Kuchen backen!", trällern die Schwestern im Duett, "Ehrenwort!" Im Chor rufen alle vier: "Wir gehen auch nicht an deinen Computer! Und lesen nicht deine E-Mails!" Der Jüngste fragt: "Hast du eigentlich noch dein altes Passwort?" Unter dem Todesblick seiner Schwestern erstarrt er, wiegelt unsicher ab: "Nee, war nur Spaß!"

Unsicher schaue ich von einem zum anderen. "Hauptsache, ihr vertragt euch!", seufze ich. "Kein Ding!", schwört der Große und legt zwei Finger auf die Brust. "Großes Ehrenwort!" Die drei anderen nicken synchron wie Wackeldackel. "Wenn du nicht da bist, vertragen wir uns immer!" Ich bin wirklich gegangen - schweren Herzens. Auf dem Treppenabsatz habe ich mich noch einmal umgedreht, weil mir noch etwas eingefallen ist. "Macht keinem Fremden die Tür auf!". Der Jüngste kichert übermütig. "Ist gut. Nur wenn's klingelt!"

Tschüs Wohnung, tschüs Waschmaschine, tschüs Stullenpakete, tschüs Alltag