Familienfreundlichkeit

Spielzimmer und Elternprämie

Berliner Firmen präsentieren Wirtschaftssenator Wolf ihre Ideen für mehr Familienfreundlichkeit

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In der Werkstatt summt und stampft es. Maschinen rotieren, Arbeiter laufen geschäftig zwischen ihnen hin und her. Schützend legt Thomas Müller seinen Arm um Tobias (7) und Annika (5) und führt sie zu der Drehmaschine. Neugierig schauen die Kinder durch das Glas, hinter dem Wasser spült wie in einer Waschmaschine. Es ploppt.

Thomas Müller öffnet die Schiebetür und nimmt das Ergebnis des Dreh- und Spülvorgangs in die Hand: eine kleine, glänzende Schraube. Sorgsam legt er sie auf die Werkbank und drückt Tobias eine Lupe in die Hand. "Schau mal, diese Schraube gibt es nur hier in meiner Firma", sagt er stolz. Annika stößt ihren Bruder beiseite: "Ich will auch gucken!"

Thomas Müller ist Abteilungsleiter Mechanische Fertigung bei der Knauer GmbH in Zehlendorf, die wissenschaftliche Geräte herstellt - und Vater von Tobias und Annika. In seiner Firma ist Nachwuchs willkommen. 2010 wurde der Familienbetrieb mit 110 Mitarbeitern im Rahmen des IHK-Landeswettbewerbs "Unternehmen für Familie" zum familienfreundlichsten mittelständischen Unternehmen in Berlin gewählt. Es gibt finanzielle Zuschüsse und einen zusätzlichen freien Tag pro Jahr für Eltern, eine kostenfreie Notfall-Kinderbetreuung in der Firma, einen Experimentierraum für Schüler und einen Garten, den die Familien von Knauer-Mitarbeitern nutzen können. Thomas Müller nimmt mit seiner Familie die Angebote gern in Anspruch. "Gerade in den Ferien kommen die Kinder sehr gern mal mit mir mit", sagt er. "Unser erster Weg führt immer in die Werkstatt, und dann sagen die beiden: 'Hier ist es viel spannender als im Hort und in der Kita!'"

Rückhalt im Alltag

Heute besuchen nicht nur Tobias, Annika und Mitarbeiterkind Max die Knauer GmbH, sondern auch Harald Wolf (Linke), Senator für Wirtschaft, Technologie und Frauen. "Das Thema Familienfreundlichkeit wird immer entscheidender, denn das Fachkräftepotenzial, das wir haben, muss auch genutzt werden können", sagt er. "Wir brauchen Arbeitszeitmodelle und Kinderbetreuungsstrukturen, mit denen sich Beruf und Familie vereinbaren lassen." Interessiert hört er zu, als Firmenchefin Alexandra Knauer schildert, dass es einen ganzen Pool an Mitarbeitern gibt, die bereit sind, kurzfristig im firmeneigenen Kinderspielzimmer auch auf den Nachwuchs der Kollegen aufzupassen. "Diese Praxis hat im Betrieb auch noch einmal ein ganz anderes Klima des Vertrauens geschaffen", sagt sie. Matthias Lübbert, zweifacher Vater und bei Knauer für die Produktionssysteme verantwortlich, berichtet, dass allein das Wissen um die Möglichkeit, dass er jederzeit die Kinder mitbringen könnte, ihn den Alltag entspannter angehen lässt. "Außerdem kann ich meine Arbeitszeiten flexibel gestalten und auch von zu Hause arbeiten."

Allerdings brauche es zusätzlich die Unterstützung der Politik, damit sich Familie und Beruf vereinbaren lassen, findet Geschäftsführerin Alexandra Knauer, selbst Mutter eines elfjährigen Sohnes und einer achtjährigen Tochter. "Es fehlt zum Beispiel eine Hortbetreuung für die fünften und sechsten Klassen", stellt sie fest und schildert, wie sich ihr Sohn mit dem "jungen Gemüse" im Hort langweile. Wirtschaftssenator Wolf nickt bestätigend: "Ja, diese Lücke müssen wir schließen", sagt er und wird plötzlich auch zum Privatmann: Das Problem kenne er auch von seiner Ziehtochter. Zumindest bis 16 Uhr müsse eine Betreuung gewährleistet sein, sagt er bestimmt.

Auch in der zweiten Firma, die der Wirtschaftssenator besucht, hat man längst auf eigene Initiativen gesetzt, um Betreuungslücken zu schließen. Der Flachglasverarbeiter Bartelt und Sohn in Marienfelde hat mit Firmen aus der Nachbarschaft das "Unternehmensnetzwerk Motzener Straße e.V." gegründet. Eine der ersten Initiativen war die Einrichtung einer Kita für Mitarbeiterkinder, deren Öffnungszeiten genau auf den Bedarf zugeschnitten sind: Betreut wird von sechs bis 21 Uhr - entsprechend den Schichtdiensten der Eltern. 2008 eingeweiht, besuchen heute 60 Kinder der insgesamt 5000 Mitarbeiter im Netzwerk die Kita. Für einige Eltern erwies sich die Kita sogar als letzte Rettung, um überhaupt wieder die Arbeit aufnehmen zu können, sagt Bartelt-Gesellschafterin Christiane Horn: "Sie hatten in ihrem Wohnbezirk keinen Platz für ihr Kind bekommen."

Wie die Knauer GmbH ist auch Bartelt und Sohn ein Familienunternehmen. Vater Kurt Horn ist geschäftsführender Gesellschafter, Sohn Robert Betriebsleiter, Tochter Julia managt die Finanzen und das Personal. So wie man füreinander sorge, kümmere man sich auch um die 120 Mitarbeiter, betont Kurt Horn. "Wir sind mit vielen befreundet und fühlen uns ihnen verpflichtet...", sagt er, "...und sie können jederzeit zu uns kommen und mit uns reden", fällt ihm Tochter Julia ins Wort. Da man die Familien und ihre Nöte kenne, gewähre man in Einzelfällen auch mal Kleinkredite, ergänzt Christiane Horn.

Beide Seiten gewinnen

Dass das Engagement für Familien nicht nur Eltern und Kindern, sondern auch den Firmeninteressen zugute kommt, bestätigen beide Unternehmen. "Es gibt so gut wie keine Fluktuation", sagt Kurt Horn zufrieden. Knauer-Geschäftsführerin Alexandra Knauer berichtet ebenfalls von einem "sehr positiven" Betriebsklima. "Wir machen es unseren Mitarbeitern aber auch schwer, uns wieder zu verlassen", scherzt sie und wird dann wieder ernst: "Bei uns in der Firma wird ein sehr spezielles Know-how vorausgesetzt. Wenn die Spezialisten weggehen, ist das sehr schmerzhaft für das Unternehmen."

Ginge es nach Tobias und Annika, könnte ihr Vater noch ewig bei Knauer arbeiten. Wo sonst gibt es massenweise Spiele und Bücher und sogar einen richtigen Boxsack zum Trainieren, wenn nicht in Papas Firma? Thomas Müller selbst freut sich schon darauf, seinem Sohn und seiner Tochter einmal das Kinderlabor des Unternehmens vorzustellen. Hier kann der Nachwuchs die Knauer-Analysetechnik eigenhändig praktisch erproben. "Im Moment", bedauert der Vater, "sind die beiden dafür leider noch zu jung."