Ein halbes Jahr ins Ausland

Als Kind in die große weite Welt

Eine Organisation vermittelt Grundschüler für ein halbes Jahr ins Ausland. Ein Erfahrungsbericht

Die Eltern, die große Schwester Paula und die kleine Schwester Lotta blieben in Berlin, als die neunjährige Rosa Teves im letzten Herbst für sechs Monate in das renovierte Bauernhaus der Architektenfamilie Vittoz nach Brianny zog, ein winziges Dorf zwischen Dijon und Paris.

Nur Frank Frosch kam mit, eine Handpuppe aus leuchtend rotem Plüsch mit kugelrunden Glubschaugen und einem riesigen Maul. "Aber der spricht jetzt immer Französisch", warnt Rosa. Inzwischen ist sie zurück in Friedrichshain und Frank Frosch muss meistens die Klappe halten: Ihre gleichaltrige Gastschwester Lucie ist nun für ein halbes Jahr bei Familie Teves und soll möglichst ausschließlich Deutsch hören und sprechen.

Seit 1978 vermittelt die ehrenamtliche Organisation "Allef e.V." ( www.allef.eu ) den frühen Schüleraustausch zwischen Acht- bis Zehnjährigen aus Deutschland und Frankreich. Das bewährte Prinzip: Zwei gleichaltrige Dritt- bis Fünftklässler werden als Gastgeschwister sorgfältig ausgewählt, leben gemeinsam für ein Halbjahr erst in der einen, dann in der anderen Familie und gehen zusammen zur Schule. Dabei lernen sie eine neue Sprache und Kultur kennen.

Karrierebesessene Eltern?

Sowohl in Deutschland als auch in Frankreich reagierten viele Mütter und Väter zunächst ablehnend auf die Idee, erzählt Annette Handke-Vesely, die seit zehn Jahren deutsche Ansprechpartnerin von "Allef e.V." ist und dessen Auswahlwochenenden mitorganisiert. Ein so junges Kind gehöre in die eigene Familie, finden viele. Sie sehen Heimweh oder Probleme mit der fremden Sprache voraus und fürchten, man könne auf diese Distanz nie sicher sein, ob es dem Nachwuchs wirklich gut geht. Manche Eltern sagen außerdem, dass sie selbst kein halbes Jahr im Leben ihres Kindes verpassen wollen. Rekrutiert sich der Teilnehmerkreis von "Allef e.V." also aus karrierebesessenen Rabeneltern, für die der Bildungsvorsprung nicht früh genug ausgebaut werden kann und aus egoistischen Jetsettern, die Familienanschluss im Nachbarland gerade ganz schick finden?

"Nein, solche Motive sind bei uns absolut nicht erwünscht und wir würden uns sehr freuen, mehr Familien ohne akademischen Hintergrund gewinnen zu können", entgegnet Annette Handke. Sie kennt die Einwände zum Frühaustausch schon seit der Zeit, als ihre drei inzwischen erwachsenen Kinder begeistert dabei waren. "Unsere Umgebung hielt uns allerdings für verrückt", erinnert sich die 56-jährige Ärztin. Sie hat das Konzept schnell überzeugt: "Es geht um die Annäherung zwischen den Kulturen durch Familien, also bei weitem nicht nur um das Erlernen einer Sprache und schon gar nicht darum, früh Karriereweichen zu stellen." Beim Auswahlwochenende gibt jedoch letztlich nicht die positive Einstellung der Eltern den Ausschlag, sondern "ob das Kind gefestigt genug und neugierig auf eine neue Familienkonstellation und den Alltag in einem anderen Land ist."

Rosas Eltern engagieren sich seit der eigenen Studienzeit bei der Organisation "Youth for Understanding" und hatten für einige Wochen immer wieder Jugendliche zu Gast. Einer von ihnen erzählte der damals fünfjährigen Paula, dass sie mit acht Jahren schon selbst nach Frankreich gehen könne. Im Gegensatz zu seiner Tochter war Wolfgang Teves damals alles andere als begeistert. Er fand es "wirklich zu früh". Mutter Simone aber versprach, man würde nach Paulas achtem Geburtstag darüber reden. Prompt erinnerte Paula sie und überzeugte auch ihren Vater. Nach mehrstufigem Auswahlverfahren und Kennenlernwochenende zog das Mädchen für sechs Monate in die Bretagne. Rückblickend meint die heute Zwölfjährige, die inzwischen in die siebte Klasse des Französischen Gymnasiums geht: "Ich hab' mir natürlich nicht vorstellen können, wie lang ein halbes Jahr ist", aber das habe nichts gemacht.

"Kinder leben in diesem Alter von Tag und zu Tag", hat Simone Teves beobachtet und sieht darin einen großen Pluspunkt für den Austausch. Ihr Mann ergänzt: "Bei Teenagern ist es ja schon ein Drama, wenn jemand eine andere Frisur, einen anderen Musikstil oder ein anderes Deo hat. Die Jüngeren spielen zusammen, streiten sich und vertragen sich wieder." Interessant ist, dass die überwiegende Mehrheit der Austauschfamilien mehrere Kinder hat. Da sei man vielleicht entspannter, vermutet das voll berufstätige Juristenpaar.

Kein Problem mit Heimweh

Lucie, die kleine Französin, kommt vom Spielen im Hof herauf in Teves' helle Wohnküche, drückt ihren Gastpapa und setzt sich an den großen Esstisch neben Austauschpartnerin Rosa. Lucie trägt Pagenkopf zum Deutschlandtrikot, hat bei der Frauen-WM aber auch Brasilien und Frankreich die Daumen gedrückt. Auf die Frage, warum sie, die zwei ältere Brüder hat, gern einen Austausch mit Deutschland machen wollte, grinst sie: "Ich wollte nicht nur immer mit Jungs sein. Hier sind ganz viele Mädchen. Und ich wollte Deutsch lernen, wie meine Brüder." Als Sportskanone spielt sie nun mit den Nachbarjungs Fußball, macht Judo und nennt als schönstes Erlebnis in Berlin den Ausflug in den Kletterpark. Rosa mit den langen blonden Haaren klettert auch gern, ist ruhiger als ihre lebhafte Gastschwester, super in Mathe und fand in Frankreich den Besuch auf dem Eiffelturm am allertollsten. Nein, ihr habe es nichts ausgemacht, für sechs Monate aufs Land zu ziehen: "Da gibt es Hühner und einen Hund!"

Lucie behauptet fröhlich, jetzt gar kein Französisch mehr zu können: Selbst während der halben Stunde, die sie jede Woche mit ihren Eltern telefoniert, spreche sie Deutsch. "Das kommt wieder", sagt ihre Gastmutter. "Und das Schöne ist: Wenn Du später deutsch reden willst, geht's nach kurzer Zeit auch wieder wie von selbst." Rosa und Paula nicken - das kennen sie von ihrem Französisch.

Mit Heimweh hat keine von ihnen Probleme gehabt, aber Paula erzählt, dass der Austausch einer ihrer älteren Gastschwestern zuerst nicht gut verlief. Die sei nach zwei Monaten aus Heimweh zurückgekehrt. Nach dem halbjährigen Besuch der deutschen Partnerin ist das französische Mädchen aber noch einmal für vier Monate nach Deutschland mitgegangen: "Da fand sie's dann super." Eine Geschichte mit Happy End, doch selbstverständlich gibt es dafür keine Garantie. "Kinder brauchen unterschiedlich lange, um sich einzugewöhnen", weiß Organisatorin Annette Handke. Familie Teves lässt das Thema Austausch bei jeder Tochter neu auf sich zu kommen. "Rosa war immer ziemlich kuschelig mit unseren Eltern und wollte früher gar nicht", erzählt Paula. Ihre Meinung geändert hat die kleine Schwester beim Campingurlaub der Teves mit Paulas französischer Familie. Jetzt reist Rosa bald wieder nach Brianny - bei den Vittoz steht ein großes Familienfest an und Lucie hat als erstes gefragt, ob sie auch kommt.