Wenn Kinder die Welt entdecken

Kleine Menschen, große Fragen

Wenn Kinder die Welt entdecken, ziehen sie aus ihren Beobachtungen ganz eigenen Schlüsse - und fragen Erwachsenen Löcher in den Bauch

"Du Mama", erkundigt sich Marie freundlich, "die Oma stammt doch von den Affen ab, ne?" Vor Schreck fällt mir die Kaffeetasse aus der Hand. "Sag mal spinnst Du?", rutscht es mir einfach so raus. Kein Zweifel, es gibt bessere Zeiten als morgens um sieben, in denen man offen, zugewandt und liebevoll mit kleinen Kindern sprechen kann. Doch Maries rundes Gesichtchen ist rein und blank und ohne Arg.

Warum auch sollte sie auch aus heiterem Himmel ihre geliebte Oma beleidigen wollen?

Ich entschuldige mich also für meinen Ausrutscher, wische die Kaffeepfütze auf und forsche in ihren Augen. "Wie meinst'n du das?" Darauf scheint sie nur gewartet zu haben. "Also, das ist doch so. Jeder Mensch hat eine Oma und die hat wieder eine Oma und bis in die Steinzeit und dann kommen auch schon die Affen, und so geht es immer weiter", erklärt sie eifrig und trumpft am Ende auf: "Also stammt die Oma von den Affen ab!" Dann runzelt sie die Stirn. "Und, Mama, von wem stammen eigentlich die Affen ab?"

Doch bevor ich eine kindgerechte Kurzfassung von der Entstehung des Lebens auf unserem Planeten zusammengestoppelt kriege, stürmt Marie schon weiter. "Wo is'n eigentlich der Anfang?", fragt sie und versucht gleich darauf selbst eine Antwort zu finden. "Ist das wie Unendlichkeit, eine Unanfanglichkeit?" Oh je, das hatten wir gestern. "Was ist denn die Unendlichkeit?", fragte sie, als wir vorm Schlafengehen den Sternenhimmel betrachteten und sie wissen wollte, wie es da oben weitergeht, hinter den Sternen.

Fragen ohne Rücksicht

Zugegeben - manchmal fällt es schwer zu erkennen, wie dankbar Eltern dafür sein könnten, dass Kinder viele Fragen stellen. Aber fragten sie nicht, müsste man fortwährend darüber nachdenken, was man ihnen alles noch zeigen und erklären müsste. Wobei man sich selbst ständig fragen müsste, ob man nicht irgendetwas ganz Wichtiges vergessen hat. Hat man ihnen je erklärt, wie Wolken entstehen? Wie die Musik ins Radio rein gekommen ist, bevor sie da rauskommt? Dass man in Lateinamerika keineswegs Latein spricht?

Glücklicherweise ersparen uns die Kinder diese hochnotpeinlichen Selbstbefragungen. Sie erfragen von ganz alleine alles, was sie sehen, hören, anfassen, riechen oder schmecken. Wir müssen uns einfach bereithalten und können so ganz nebenbei sicher sein, dass sie auf diese Art das nötige Grundwissen zum Leben ansammeln.

Eine Frage kommt nie allein. Im allgemeinen ist sie der Startschuss: Bahn frei für die nächste Runde wild gewordener Fragen, die mir auch heute wieder in den Ohren klingeln, den Bauch löchern, sich an meine Fersen heften, in meine Waden verbeißen werden und dabei meinen Ruf als Bescheidwisserin für alles und jedes ramponieren: Warum regnet es? Können Bienen eigentlich rückwärts fliegen? Waren die großen Berge früher auch mal klein? Wie machen die Bäume den Wind? Was ist eigentlich ein Stern? Sie fragen ohne Rücksicht, sie staunen über alles mögliche, sie wollen wissen - die Nachbarschaft von Kinderdenken und Philosophie muss nicht erst künstlich hergestellt werden, denn sie ist von Anfang an da: Beide erfragen die Welt. "Das Philosophieren beginnt mit dem Staunen", sagte Aristoteles vor fast zweieinhalbtausend Jahren. Er muss Kinder gehabt haben! Um den vierten Geburtstag herum geht's los: das Denken löst sich vom konkret Beobachtbaren und nicht allein der Augenschein, sondern der gedankliche Nachvollzug des Gesehenen und Geschehenen markiert einen entscheidenden Entwicklungsschritt.

Wenn Kinder sprechen, schreiben sie den Dingen Eigenschaften zu, sie bilden Ober- und Unterbegriffe, bauen Wenn-Dann-Beziehungen auf, stellen Behauptungen auf, widerlegen sie und ziehen Schlüsse - streng logisch im Dreierschritt von erster Prämisse, zweiter Prämisse und Conclusio, genau ihn wie Aristoteles in seinen Syllogismen entwickelt hat: Alle Menschen stammen von den Affen ab. Oma ist ein Mensch. Also: Oma stammt von den Affen ab.

Und was ist jetzt eigentlich ein Stern? Halt - nicht gleich antworten. Warum will das Kind das wissen? Braucht es jetzt eine genaue Auskunft über Himmelskörper? Soll man beherzt zu einer Lektion in Astrophysik für Fünfjährige ausholen oder den Frager besser gleich mit einem unwilligen Achselzucken zu seinen Legosteinen entlassen?

Es hängt ja auch vom Ton ab, den das Kind anschlägt und von der Absicht, die es dabei zu haben scheint.

Größere Kinder wollen uns manchmal listig in eine Falle locken und uns vielleicht zu dem Eingeständnis drängen, dass wir selbst früher auch nicht besser waren. Kleine wollen manchmal einfach nur erreichen, dass Mama oder Papa noch eine Weile am Bett sitzen bleiben... Viel zu schnell haben wir oft Antworten parat, weil wir meinen, dem Kind alles und jedes erklären zu müssen - oder etwas ganz anderes wittern.

"Hast du meine Fische gefüttert?", fragte meine Tochter jeden Morgen. Beim vierten Mal ist mir der Kragen geplatzt. Als ob das meine Sache wäre!!! "Dafür bist du doch verantwortlich", habe ich gebrüllt. "Genau!", gab sie hochnäsig zurück. "Ich frage auch nur, damit sie nicht zweimal Frühstück kriegen. Dann werden sie nämlich zu dick!"

Oft sind Antworten auch Denkstopper. Wir erfahren viel mehr von dem Kind, wenn wir offenen Ohres zurückfragen: "Was meinst du denn, was ein Stern ist?" Oder: "Warum fragst du?" Kindern fällt oft noch auf, was wir Erwachsene längst übersehen - Dinge, die sich scheinbar von selbst verstehen, aber gar nicht selbstverständlich sind. Kinderfragen sind oft Sinnfragen. All dieses Wieso, Weshalb, Warum birgt ja auch die Ahnung, dass es zu jedem Warum ein Darum gibt, zu jedem Weshalb ein Deshalb gehören muss, eine Antwort, die den Sinn erhellt - und das muss sich doch herausfinden lassen.

Langsam gehen dem kleinen Menschen, der viel metaphysischer denkt als ein Erwachsener ahnt, Dinge auf wie der Sterncharakter der Erde, dass es im Weltraum kein Oben und Unten gibt, das Geheimnis der Unendlichkeit, das Wunder des Lebens, die merkwürdige Tatsache des Gesetzes, die Macht der Zahl oder auch moralische Fragen darüber, was fair, was gerecht und was total gemein ist, beginnen schon Vierjährige zu erkunden.

Wenn ein Kind durch seine eigenen Erklärungen einen Sinn in der Sache findet, gewinnt es Erkenntnisse. Darin können wir sie bestärken und im Gespräch begleiten. Denn, mal ehrlich, brauchen wir das nicht alle immer wieder, um uns im Leben zurechtzufinden?

Es geht nicht darum, Wissen zu erweitern im Sinne von Faktenlernen, sondern um das Bedenken des eigenen Denkens, um das Überdenken der Voraussetzung eigener Urteile, um die gedankliche Klärung und Selbstaufklärung. Kinder, die zu viele fremde Antworten geschluckt haben, trauen sich eigene nicht mehr zu. Selberdenken macht schlau! Dass die Bäume mit ihren Ästen den Wind machen, gilt einem Vierjährigen vielleicht als gesicherter Sachverhalt, weil er sich den Vorgang so erklärt hat. Dann steht er am Meer, der Wind bläst, kein Baum weit und breit. Und schon verfällt er tiefes Grübeln... Und macht dasselbe wie ein guter Wissenschaftler, der es mit einer Erscheinung zu tun bekommt, die nicht in seine Theorie passt: Er revidiert seine Erkenntnis und sucht weiter nach der Ursache.

Wie philosophische Dialoge

Gespräche bieten gute Gelegenheiten, das unbefangene Fragen der Kinder willkommen zu heißen, aber auch die Freude der Erwachsenen am Nachdenken (wieder) zu wecken. Zu den unerwarteten Freuden der Elternschaft gehört das Gespräch, auch wenn sich in die Begeisterung über die ersten Worte schon bald die Ahnung mischt, dass nun, wo das Kind angefangen hat zu reden, es wohl niemals wieder aufhören wird.

Wie philosophische Dialoge nehmen Gespräche mit Kindern ihren Ausgang immer bei konkreten Situationen und Erfahrungen. Sie ergeben sich, indem man an den Fragen der Kinder anknüpft, aber auch über Geschichten lassen sie sich in Gang setzen. Dabei wollen Kinder als gleichberechtigte Gesprächspartner anerkannt werden. Ihr Denken ist keineswegs eine Vorform des Erwachsenendenkens, sondern eigenständig und anders. Fragen bedeuten mehr als blankes Nichtverstehen, sondern signalisieren Neugier, Interesse und Wissbegier.

Zu fragen bedeutet, sich der Welt zu öffnen und sie verstehen zu wollen. Damit auf offene Ohren zu stoßen, kann ein Segen sein. Schöner lässt sich Wertschätzung kaum ausdrücken. Lassen wir unsere verfestigten Ansichten doch einmal in Frage stellen - von den Kindern!

Eine Frage kommt nie allein. Im allgemeinen ist sie der Startschuss