Partnerschaft

Fast hätten sie die große Liebe verpasst

Ein Blick, ein Lächeln - und vorbei war der Moment in der Straßenbahn. Doch Antonia und Tommy bekamen eine zweite Chance.

Foto: Amin Akhtar

Die hübsche Frau mit den pink-roten Haaren fiel Tommy schon am Bahnsteig auf. Sie stieg in die Straßenbahn und setzte sich ihm schräg gegenüber. Ungefähr zehn Minuten lang dauerte die gemeinsame Fahrt. Die beiden tauschten Blicke aus, lächelten sich an. Doch Tommy zu schüchtern, um die junge Frau anzusprechen. Wortlos stieg er aus und verlor sich in der Millionenstadt. Das war vor knapp einem Jahr. Heute sind Antonia und Tommy ein Paar. Am Freitag feiern sie ihren ersten Jahrestag.

Es passiert täglich: Menschen lächeln sich auf der Straße an, blicken sich im Café über Tische hinweg tief in die Augen oder flirten wortlos in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Für ein Gespräch oder schlicht ein Kompliment sind viele dann aber zu scheu, und so verliert sich fast jede dieser Begegnungen in den Straßen der Stadt. Zurück bleibt die Frage: "Warum habe ich bloß nichts gesagt?"

"Warum habe ich nichts gesagt?"

Auch der 23-jährige Tommy hat vor einem Jahr nichts gesagt. Dass er und die 24-jährige Antonia nun doch zusammen sind, verdanken die beiden einer Kette von Zufällen - und der Magie des Augenblicks, die ihnen keine Ruhe ließ, bis sie einander wiedergefunden hatten. Antonia erinnert sich noch ganz genau an das Kennenlernen: "Ich kam von Freunden und war auf dem Heimweg. Gegen 22 Uhr stieg ich in die M 10. Tommy ist mir sofort aufgefallen: Er trug eine coole schwarze Jacke mit grünem Reißverschluss und hatte große Kopfhörer auf." Daraus schließt die BWL-Studentin, dass der Unbekannte wohl genauso auf Musik steht wie sie selbst. Das reicht schon für ein Lächeln in seine Richtung. Tommy war eine Station vor ihr in die Straßenbahn gestiegen, er kam von der Arbeit. Auch er kann die zehn Fahrtminuten noch rekonstruieren: "Ich hab' sie ja schon durch die Fensterscheibe beobachtet und ihr immer wieder in die Augen geguckt. Ich wollte ja, dass sie mitkriegt, dass sie mir aufgefallen ist." Das bemerkt Antonia zwar, aber: "Er hat so schüchtern geguckt, dass ich mir sicher war, er würde mich nicht ansprechen", erzählt sie. Als Tommy eine Station vor ihr aussteigt, ist es für Antonia zu spät, die Initiative zu ergreifen. Doch der Student hat bereits einen Plan: Er erinnert sich an die Aktion der BVG, die sich "Meine Augenblicke" nennt. Auf der Internetseite der Verkehrsbetriebe kann man derartige Begegnungen festhalten und darauf hoffen, dass sich die Person, die man sucht, auch auf diese Plattform verirrt.

Als sich Tommy aufs Aussteigen vorbereitet, denkt er: "Wenn ich mich umdrehe und sie jetzt noch guckt, dann schreib' ich was auf die BVG-Plattform." Im selben Moment denkt sich Antonia: "Wenn er sich noch mal nach mir umdreht, dann lächle ich." Er dreht sich um, sie sieht ihn an und lächelt, bei beiden kribbelt es, und schon ist dieser einzigartige Moment vorbei. Tommy ist ausgestiegen. Zu Hause angekommen, setzt er sich sofort an seinen Computer und schreibt eine der kürzesten Nachrichten, die je für "Meine Augenblicke" verfasst wurden: "Pinkes Haar - und ein echt schönes Lächeln."

Matthias Müller kennt sich bei den Anzeigen auf der BVG-Plattform aus. Er ist Mitbegründer von "Meine Augenblicke" und damit der Mann, der den Berlinern die Möglichkeit einer zweiten Chance bietet. "Wir bekamen in der BVG-Pressestelle regelmäßig Anrufe von verzweifelt Suchenden, die uns fragten, wo sie denn am besten einen Aufruf starten könnten, wenn ihnen das Lächeln, die freundliche Verabschiedung oder ein vielsagender Blick nicht mehr aus dem Kopf gingen", erzählt Müller. Seit dem Valentinstag 2007 können nun alle, die nicht mutig genug waren, ihre Bus-, S- oder U-Bahn-Bekanntschaften auf dieser Plattform suchen und finden. Mehr als 10 000 Anzeigen wurden seit der Gründung veröffentlicht, meist sehr detaillierte Texte: Wo stieg sie ein, wo stieg er aus, welche Haarfarbe hatte sie, welche Tasche hatte er dabei?

Dass Tommy eine so ganz andere, knappe Botschaft für sie verfasst hatte, erfuhr Antonia durch Zufall - bereits am nächsten Tag. Zu Hause angekommen, bereute sie zunächst, den interessanten Fremden nicht angesprochen zu haben. Die Studentin tröstete sich mit dem Gedanken, dass sie wohl ohnehin nicht sein Typ gewesen wäre - denn sie sah an diesem Tag ganz anders aus als sonst: "Da das Wetter zum ersten Mal im Jahr richtig schön war, hatte ich total andere Klamotten an, die waren gar nicht mein Stil. Außerdem hatte ich mich auffälliger geschminkt und mir einen Lockenkopf gezaubert", erinnert sich Antonia lachend. So unrecht hatte sie mit ihrer Einschätzung gar nicht, denn Tommy verrät: "Eigentlich steh' ich gar nicht auf so aufgetakelte Mädchen. Sie war sozusagen mein Anti-Typ."

Überwältigender Moment

Doch als Antonia am nächsten Tag ihre Mails durchforstet, ist auch der BVG-Newsletter dabei. Der erinnert sie daran, dass sie sich vor einiger Zeit bei "Meine Augenblicke" angemeldet hat. Als sie die Seite anklickt, ist sie überwältigt: Schon die erste Anzeige gilt ihr. Sofort antwortet sie, und Tommy schreibt gleich darauf zurück. "Am selben Tag haben wir noch miteinander geskyped - sieben Stunden lang", erzählt Antonia. Eine Woche später hatten die beiden ihr erstes Date. Tommy bemerkt schnell, dass es zwischen ihnen etwas Ernstes werden könnte, und verheimlicht ihr deshalb nicht, dass er nur vier Wochen später nach Passau ziehen wird, um dort Kommunikationswissenschaften zu studieren. Mittlerweile hat Tommy das zweite Semester abgeschlossen. Die beiden versuchen, sich trotz der Entfernung alle zwei Wochen zu sehen. Abwechselnd fährt Antonia entweder nach Passau oder Tommy nach Berlin. Für eine Hochzeit oder gar Kinder fühlen sich die beiden noch zu jung. Zukunftspläne haben sie aber dennoch: "Wir möchten unsere Beziehung weiterhin so gut hinkriegen, und eine Reise im Sommer planen wir auch schon", sagt Antonia. Tommy nickt und betont: "Wir genießen einen Tag nach dem anderen."

Im Sommer 2013 wollen beide mit dem Studium fertig sein. Dann kommt Tommy zurück nach Friedrichshain. Vielleicht denken sie dann über Kinder nach. Eine tolle Kennenlerngeschichte für den Nachwuchs hätten sie auf jeden Fall schon.