Waisen

Wenn die Mama viel zu früh im Himmel ist

28000 Kinder in Berlin und Brandenburg sind Halbwaisen oder Waisen. Im Verein TrauerZeit lernen sie, mit ihrem Verlust umzugehen

Foto: Massimo Rodari

Elias (7) hat eine Erinnerungskiste gebastelt. Es ist ein alter Schuhkarton, mit blauem Papier beklebt und geschmückt mit rot glänzenden Herzstickern. Auf dem Deckel prangt ein Foto der ganzen Familie. In der Mitte seine Mutter, Mariluz, eine schöne schlanke Frau mit kurzen dunklen Haaren. Um sie herum ihre fünf Männer: Elias selbst, seine Brüder Ruben (9) und Levy (5), Halbbruder David (29) und schließlich Jakob W. (49), Vater von Ruben, Elias und Levy.

Die Kiste steht in einer Wohnung in Pankow, zwischen vielen anderen kleinen bunten, glitzernden Kartons. Sie stapeln sich am Ende des Ganges, man läuft direkt auf sie zu, wenn man durch die Tür tritt und sich in die Räume hineinwagt. Das tun nicht viele Menschen, eigentlich nur die, die selbst einen Platz suchen für ihre Erinnerungen. Und für sich selbst. Weil plötzlich nichts mehr ist, wie es eben noch war. Weil das alte Leben nicht mehr zu passen scheint und ein neues noch nicht einmal vorstellbar ist. Die Wohnung in der Ueckermünder Straße 1 ist der Sitz von TrauerZeit, einem Verein, der seit fünf Jahren trauernde Kinder und Jugendliche begleitet - und ihre Mütter und Väter, denen der Partner oder ein Kind viel zu früh verstorben ist. Kinder wie Ruben, Elias und Levy und Männer wie Jakob W.

Es war kurz vor Weihnachten 2009, als im Kopf von Mariluz, Friseurmeisterin, Lehramtsstudentin und Mittelpunkt der Familie, ein Aneurysma platzte und die junge Frau binnen Stunden im Krankenhaus verstarb. "Ich hatte noch eine Zahnbürste für sie mitgenommen und kam mir so albern vor", sagt Jakob W. Und dann, dann sei Verzweiflung in ihm aufgestiegen. Verzweiflung angesichts des Gedankens: Wie erkläre ich es bloß den Kindern?

Jakob W. sitzt auf einer Bank in der kleinen Parkanlage vor der Wohnung der Familie in Britz. Es beginnt zu nieseln, aber der Schauspieler in seinem dünnen violetten Hemd bleibt ungerührt. Oh Gott, hätten die Leute gesagt, erinnert er sich. Das und dann auch noch drei kleine Kinder. Und er habe gedacht: Was ein Glück, das mit den Kindern. "Sie sind so lebenslustig. Wenn sie mir lachend entgegenkommen ist das eine starke Stütze."

Viele Fragen bleiben

Ruben und Elias pflücken Kletten von einem Busch. Sie sind so groß wie Flummis und haften mit ihren kleinen Widerhaken überall fest. Ruben klebt Elias eine Klette ins Haar, Elias versucht sie mit den Fingern herauszuziehen - vergeblich. Es ziept, sein Gesicht verzieht sich zum Weinen. Hilfesuchend schaut er zu seinem Vater. Da schafft es der große Bruder, die Klette wieder zu entfernen. Die beiden rennen weiter.

"Elias weint gern und schluchzt manchmal auch laut nach Mama", erzählt Jakob W. "Dann wird ihm der Verlust bewusst. Aber umhauen tut er ihn nicht mehr." Ein Dreivierteljahr habe es gedauert, dann seien die Jungs wieder "relativ stabil" gewesen. Auch wenn die Gefühle immer wieder an die Oberfläche drängen. "Ruben hat oft eine große Wut, da muss ich ihn richtig festhalten", sagt Jakob W. Und er stelle Fragen, zum Beispiel: Warum musste sie so jung sterben? Auch der Jüngste, Levy, hat Fragen. "Wo sind meine Brüder?", will der Fünfjährige wissen. Nicht nur, wenn er, wie jetzt, mit dem Fahrrad vor seinem Vater eine Vollbremsung hinlegt. Sondern in jeder Situation. "Verlustängste", fasst Jakob W. Levys Gefühlslage knapp zusammen.

Schmerz, Wut, Trauer, Ratlosigkeit, Angst: Für Simone Rönick sind all diese Reaktionen ganz natürlich. Sie kennt sie aus eigener Erfahrung. Die 46-Jährige blieb vor zehn Jahren nach dem Verlust ihrer Schwester und ihres Mannes mit vier kleinen Kindern allein zurück - mit den Kindern der Schwester und zwei eigenen. 2006 gründete sie mit anderen Betroffenen den Verein TrauerZeit. Neben persönlichen beratenden und therapeutischen Gesprächen bieten die Mitarbeiter fortlaufende Trauergruppen an - nicht nur für die Erwachsenen, sondern vor allem für die Kinder und Jugendlichen. Allein in Berlin und Brandenburg gebe es mindestens 28 000 Kinder und Jugendliche, die Mutter oder Vater verloren haben oder Vollwaisen sind, sagt Simone Rönick. "Und täglich kommen in Deutschland 100 junge Witwen und Witwer hinzu."

Jakob W. und seine Söhne besuchten ein Vierteljahr nach Mariluz' Tod zum ersten Mal TrauerZeit. Mittlerweile ist der Verein zum festen Bestandteil ihres Lebens geworden. "Da darf man sich richtig austoben", ruft Ruben grinsend. "Am liebsten mache ich mit meinen Brüdern im Toberaum eine Schlacht mit den Poolnudeln." Levy fallen als erstes die Süßigkeiten ein, die es dort gibt, Elias das gemütliche Bastelzimmer. Dort entstand, zwischen Blumengirlanden und Lampions, auch die Erinnerungskiste an seine Mutter. "Alle Kinder, die sich in der Trauergruppe treffen, haben ein Familienmitglied verloren", weiß Ruben. "Wir setzen uns im Kreis auf kleine Herzteppiche, zünden Kerzen an und erzählen, wer wir sind."

Während die Kinder ihren Herzen sprechend, spielend, malend oder tobend Luft machen und auf diese Weise fast unbewusst lernen, mit der neuen Situation umzugehen, kommen die Erwachsenen im Vereinsbüro zusammen. Auch hier wird sehr direkt über den Tod gesprochen. Und über praktische Probleme, die sich nach dem Verlust auftun: wie man Haushalt und Beruf allein in den Griff bekommt, ob das Geld künftig reicht und ob man die Ämter um Hilfe bitten kann oder dann womöglich auch noch die Kinder verliert.

Jakob W. hat in den eineinhalb Jahren, in denen er Witwer ist, viel gelernt. Dass er aufgeben muss, alles ersetzen zu wollen, und es in Ordnung ist, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Dass er beruflich zurückstecken muss, auch wenn es am Ego kratzt und noch mehr Arbeit vielleicht gut wäre, um sich abzulenken. Dass das Hadern nicht weiterbringt, auch wenn es diese Tage gibt, an denen sich alles wie ein riesiger Berg auftürmt und gar nichts mehr geht. Und dass es gut ist, sich in Optimismus zu üben, auch wenn manche Situationen ihn so richtig wütend machen.

Mitleidige Blicke von anderen

"Da gibt es immer wieder diese merkwürdig mitleidigen Blicke von Müttern auf die Kinder, die sagen: Wie soll ein Mann euch bloß vernünftig großziehen?!", sagt Jakob W. und springt mit einem Ruck von der Parkbank auf. Auch die Menschen, die vor lauter Mitleiden schier zerfließen oder deren Hilfsangebote halbherzig sind, machen ihn wütend. Bei TrauerZeit kann er sicher sein, auf Verständnis zu stoßen - und erleben, wie andere Betroffene wieder auf die Beine kommen. "Die wichtigste Botschaft für unsere Familie ist: Wir sind nicht allein." Deshalb ist er nun selbst als Botschafter für den Verein tätig, will ihn bekannter machen, Sponsoren und eine Schirmherrin finden. "Am liebsten die Gattin des Bundespräsidenten, Bettina Wulff." Vereinsvorsitzende Simone Rönick ist dankbar für sein Engagement. "Wir brauchen größere Räume und mehr Personal", sagt sie. "Jede Woche nehmen bis zu zehn Trauernde neu Kontakt mit uns auf. Mindestens die Hälfte davon sind Familien mit kleinen Kindern."

Ruben und Elias kehren von ihrem Ausflug in die Büsche zurück. Sie haben Unmengen von Kletten gefunden und sie zu einem Ball geformt, der so groß ist wie ein Fußball. Stolz wiegt Ruben ihn in seinen Händen hin und her. Levy ist auf dem Sandweg mit dem Fahrrad gestürzt. Er reibt sich nur kurz das Knie und rappelt sich wieder auf. Langsam, ganz langsam läuft es wieder rund für die vier Männer. "Die Jungs sind ganz schön stark und reif geworden", sinniert Jakob W. "Sie haben erfahren, dass es etwas gibt, das größer ist als wir alle." Dass es unermesslichen Schmerz auf der Welt gibt, aber auch die Möglichkeit, sich mit ihm zu versöhnen.

Jeden Abend erzählt Jakob W. seinen Söhnen eine selbst erfundene Gute-Nacht-Geschichte, die meist von wilden Tieren handelt, die gefährliche Abenteuer bestehen. Jede Nacht schlafen die Jungs - am liebsten eingekuschelt in die Hemden ihrer Mutter - zusammengeknotet in einem Bett ein, "und wenn sich der eine umdreht, drehen sich die anderen mit ihm." Die Mutter, sagt ihnen Jakob W., schaue vom Himmel herunter und passe auf, was sie tun. Man könne es sogar spüren. Er selbst hält manchmal Zwiegespräche mit Mariluz und fragt sie, was sie wohl in der einen oder anderen Situation tun würde. Wozu die Trauer da ist? Jakob W. hat eine Antwort gefunden. Sie ist dazu da, um den Sand aus den Augen zu waschen. "Danach", sagt er, "sieht man vieles klarer."