Kinderbuch

Der kleine Wassermann ist wieder da

Nach dem ersten Buch von 1956 hat Otfried Preußler nun zusammen mit seiner Tochter Regine Stigloher eine Fortsetzung geschrieben

Foto: Illustration Daniel Napp, "Der kleine Wassermann - Frühling im Mühlenweiher", Thienemann Verlag

Vielleicht ist Otfried Preußler der beste Geschichtenerzähler Deutschlands. Seine Kinderbuchhelden der kleine Wassermann, Räuber Hotzenplotz, Krabat, das kleine Gespenst oder die kleine Hexe haben jedenfalls Generationen geprägt. Seine insgesamt 32 Bücher haben bis heute weltweit eine Gesamtauflage von 50 Millionen Exemplaren. "Der kleine Wassermann" war 1956 die erste Buchveröffentlichung von Otfried Preußler - ein großer Erfolg, die Geschichte des Jungen mit grünem Haar und Schwimmhäuten zwischen Fingern und Zehen wurde in 32 Sprachen übersetzt. Nun erschien im Thienemann Verlag die Fortsetzung: "Der kleine Wassermann - Frühling im Mühlenweiher." Seine Tochter Regine Stigloher hat es zusammen mit Otfried Preußler geschrieben, der Grafikdesigner Daniel Napp hat das neue Abenteuer (in Anlehnung an die alten Zeichnungen von Winnie Gebhardt) illustriert. Mit Regine Stigloher sprach Anne Klesse.

Berliner Morgenpost: Im ersten Buch über den kleinen Wassermann bringt ihn der Vater ins Bett mit den Worten "Und wenn es dann Frühling wird, weckt uns die Sonne schon rechtzeitig wieder auf". Letztendlich hat es nun 55 Jahre bis zum nächsten Frühling gedauert. Wie war es, den kleinen Wassermann jetzt aus dem Winterschlaf zu holen?

Regine Stigloher: Das war lustig und aufregend und sehr amüsant.

Berliner Morgenpost: Wie kam es dazu, die Geschichte von 1956 jetzt fortzuschreiben?

Regine Stigloher: Sich hinzusetzen und zu sagen 'Jetzt schreiben wir eine Fortsetzung' - so funktioniert das ja leider nicht. Man kann das nicht einfach so beschließen. Der reine Text füllt vielleicht drei Schreibmaschinenseiten. Aber die Arbeit an dem Buch dauert viel, viel länger. Die Gedanken im Hintergrund brauchen einfach Zeit. Das Buch ist ja zwei kleinen Mädchen aus dem Lebensumfeld meines Vaters gewidmet. Die beiden waren seinerzeit noch zu klein, um ihnen den kleinen Wassermann von damals vorzulesen. Wir fanden es schade, dass sie den kleinen Kerl nicht jetzt schon kennenlernen sollten. So ist die Idee entstanden, ein Bilderbuch auch für kleinere Kinder herauszubringen.

Regine Stigloher: Mein Vater und ich haben immer wieder den Faden der Geschichte weitergesponnen und irgendwann habe ich alles aufgeschrieben. Zusammen haben wir den Text dann überarbeitet. Bei meinem Vater heißt das vor allem: kürzen. Der Text muss so kurz wie möglich sein, gerade so lang, wie es für die Geschichte unbedingt notwendig ist, findet er. Es ist ihm wichtig, dem Leser und Betrachter die Möglichkeit zu geben, die eigene Fantasie mit einzubringen. Ich glaube, dadurch erklärt sich auch der Erfolg der Bücher meines Vaters: Die Geschichten regen die Fantasie an. Jeder hat seinen eigenen kleinen Wassermann. In den Geschichten ist er zwar detailreich beschrieben mit der roten Zipfelmütze und den gelben, vom Vater geschusterten Stiefeln, der schilfgrünen Jacke und der Hose aus Fischhaut, aber die Beschreibungen lassen genug Platz für Vorstellungen vom jeweils eigenen kleinen Wassermann.

Berliner Morgenpost: Hat es Überredungskunst gebraucht, um Ihren Vater, Otfried Preußler, von dem Projekt zu überzeugen? Er war ja sonst nicht so für Fortsetzungen zu haben...

Regine Stigloher: Das stimmt, er hat nicht gern Fortsetzungen geschrieben, weil er, wie er immer sagte, die Bücher nicht "zu Tode nudeln" wollte. Niemand sollte sich bei der x-ten Folge langweilen. Trotzdem war beim Wassermann jetzt kein Überreden nötig. Er war gleich begeistert von der Idee.

Berliner Morgenpost: Ihr Vater ist mittlerweile 87 Jahre alt. Er gibt keine Interviews mehr. Wie geht es ihm?

Regine Stigloher: Wenn man ihn fragt, bekommt man in aller Regel zur Antwort: "Es geht mir gut." Dass das bei jemandem seines Alters vom gesundheitlichen Aspekt nicht immer so stimmt, ist eine andere Geschichte.

Berliner Morgenpost: Sie sind Jahrgang 1953 geboren und selbst mit dem kleinen Wassermann aufgewachsen. Während sie nun erwachsen sind, ist der kleine Wassermann noch immer ein Kind... leben Wassermänner ewig?

Regine Stigloher: Ich denke, in der Fantasie der Menschen können Wassermänner ewig leben. Gerade wenn man die Möglichkeit sieht, das sich jeder sein kleines Exemplar schafft.

Regine Stigloher: Für mich ist der kleine Wassermann ohne Zweifel eine literarische Begleitperson meiner Kindertage, und er ist bis heute in meinem Leben durchaus präsent.

Berliner Morgenpost: Haben Sie für das Buch aus den Geschichten geschöpft, die Ihr Vater Ihnen früher zum Einschlafen erzählt hat?

Regine Stigloher: Ja. Und theoretisch ist da noch ein unerschöpfliches Reservoir an weiteren Geschichten.

Regine Stigloher: Mein Vater hat selber geschöpft aus dem, was ihm seine Großmutter einst erzählt hat, die eine sehr gute Erzählerin war. Sie war eine sehr bescheidene Frau und hat stets gesagt, die Geschichten seien alle aus einem Buch. Aber dieses Buch gibt es nicht und gab es nie. Ihre Erzählungen basieren auf den vielen Sagen über Wassergeister, sie alle waren vermutlich Paten für Vaters kleinen Wassermann.

Berliner Morgenpost: Der kleine Wassermann war die erste Buchveröffentlichung Ihres Vaters, später folgten Bücher über die kleine Hexe, Räuber Hotzenplotz, das kleine Gespenst usw. Hat Ihr Vater in den Geschichten auch Orte Ihrer Kindheit oder Erlebnisse aus dem Familienleben verarbeitet?

Regine Stigloher: Na klar. Den Mühlenweiher gibt's. Das ist allerdings ein kleiner Weiher, der in meiner Kinderzeit anders ausgeschaut hat, als er es heute tut. Aber in meinen Gedanken ist es immer noch der Mühlenweiher von früher. Die acht Enkelkinder meines Vaters, die genauso mit seinen Geschichten aufgewachsen sind wie ich, haben wiederum ihre eigenen Mühlenweiher.

Berliner Morgenpost: Ihr Vater wurde direkt nach dem Abitur in den Kriegsdienst eingezogen und kam 1944 in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Hat dieses Erlebnis seine Geschichten beeinflusst?

Regine Stigloher: Als wir klein waren, hat er nie vom Krieg gesprochen. Aber es gab eine Situation auf dem Rosenheimer Volksfest, eine Art Oktoberfest in klein, an die ich mich erinnere: Meine Schwestern und ich wollten so gerne eine dieser hässlichen Plastikrosen haben, die man in den Schießbuden als Preis für einen guten Schuss gewinnen konnte. Aber unser Vater hat sich geweigert, einen Versuch für uns zu wagen und sagte, dass er sich nach dem Krieg geschworen habe, nie wieder ein Gewehr in die Hand zu nehmen.

Regine Stigloher: Vor zwei Jahren haben meine Schwester und ich das Buch 'Ich bin ein Geschichtenerzähler' mit Texten von unserem Vater herausgegeben, ein Buch mit biografischem Kontext für erwachsene Leser. Während der Arbeit daran ist mir klar geworden, dass er wohl während der Gefangenschaft auch anerzählt hat gegen die fürchterlichen Lebensumstände, mit denen die Kriegsgefangenen im Lager konfrontiert waren. Ich denke, mein Vater hat für sich und seine Kameraden mit Hilfe der Fantasie Fluchtpunkte geschaffen, virtuelle Plätze, an denen es einem vorübergehend gut gehen kann, egal wie schrecklich das wirkliche Leben ist.

Berliner Morgenpost: Die Geschichten haben ihm geholfen, zu überleben?

Regine Stigloher: Ich glaube, das stimmt tatsächlich. Und es ist doch selbst in Friedenszeiten so: Eine gut erzählte Geschichte kann über schwierige Momente hinweg helfen. Wenn man den kleinen Wassermann durchblättert und für einen kurzen Moment vergnügt ist, lachen muss, das sind doch kleine Glücksmomente.

Berliner Morgenpost: Welche ist denn Ihre Lieblingsfigur, die Ihnen in dunklen Zeiten hilft?

Regine Stigloher: Für mich ist das eindeutig die kleine Hexe. Weil sie einfach unkonventionell ist. Sie tritt dafür ein, was sie für richtig hält und nimmt die Konsequenzen für ihr Handeln in Kauf.

Berliner Morgenpost: Wird es von ihr, von Räuber Hotzenplotz oder den anderen ebenfalls weitere Geschichten geben?

Regine Stigloher: Ausschließen würde ich nichts. Manches haben wir schon angedacht, sollte es so weit kommen, werden Sie davon hören...