Jugend

Pubertät macht Urlaub

| Lesedauer: 9 Minuten
Gerlinde Unverzagt

Zelten an der Ostsee ohne Mama - Wenn Teenager mit Freunden vereisen wollen, müssen Eltern erst mal schlucken und lernen loszulassen

"Ach übrigens, Mama", flötet mein Mädchen leichthin und tänzelt um mich herum, wohlweislich während ich die Tagesschau gucke, "nächste Woche fahre ich an die Ostsee. Mit meinen Freundinnen!" Ich tue erst mal so, als hätte ich nichts gehört. Angestrengt versuche ich mitzukriegen, wie die Bundesregierung jetzt in Sachen Atomkraft entscheiden will, setze eine wichtige Miene auf und täusche volle Konzentration vor. Sie baut sich mit verschränkten Armen zwischen mir und der Glotze auf, dabei funkelt sie angriffslustig mit den Augen, reckt das Kinn. "Was dagegen?"

Ach, Kind, warum sollte ich? Ich weiß doch ganz genau, dass es nicht reicht, vier lebenstüchtigen Teenagern immer nur vom Leben da draußen zu erzählen. Irgendwann wollen sie selbst herausfinden, was es damit auf sich hat und dann muss man sie ziehen lassen. Es hilft ja nichts! Schon in zwei Jahren werde ich sie in eine Welt voller Autos, Drogendealer, Taschendiebe, Vergewaltiger, falscher Freunde und irreführender Verkehrsschilder entlassen müssen. Bald schon wird sie auf eigenen Füßen stehen und wahrscheinlich nicht immer genug Geld für ein Taxi haben.

Wie locker soll die Leine sein?

So weh das auch tun mag - meine Aufgabe sie zu beschützen, wird von der genauso wichtigen Aufgabe durchkreuzt, sie auf das Leben da draußen vorzubereiten. Und ist es etwa nicht die vornehmste Pflicht der Mutterschaft, sich selbst Schritt für Schritt überflüssig zu machen anstatt so unentbehrlich wie in den Babyjahren zu bleiben? Courage, Mutter, rede ich mir gut zu - wie lang und wie locker soll die Leine sein?

"Schöne Idee!", versuche ich Zeit zu schinden. "Ihr vier alleine?" - "Jap!", sagt sie entschlossen. "Ohne Erwachsene! Erwachsen sind wir nämlich selber!" Nun trifft es sich selten, dass in dem Augenblick, wo ein Kind verkündet, dass es keines mehr sei, auch den Müttern wie Schuppen von den Augen fällt, dass sie ihre Erziehungsarbeit in seliger Erleichterung niederlegen dürfen. Doch ich verkneife mir den harten ironischen Lacher, ich deute nicht stumm mit dem pädagogischen Zeigefinger auf ihr Zimmer, in dem es aussieht wie in einem bewohnten Bombentrichter. Ich verweise auch nicht auf mumifizierte Apfelkitsche, versteinerte Käsebrote, verschwiemelte Kaffeetassen und unter das Bett gerollte Joghurtbecher. Und ich zische auch nicht süffisant, dass ich mir eine erwachsene Frau immer genau so vorgestellt habe. Ich ringe momentan einfach um eine möglichst einfühlsame, intelligente, respektvolle und beziehungsschonende Formulierung meines Widerstandes.

Denn mir ist überhaupt nicht wohl bei dem Gedanken daran, was vier zauberhaften, blutjungen, auf Abenteuer versessenen und diesbezüglich komplett unerfahrenen, weil bislang rund um die Uhr behüteten Mädchen allein auf einem schrappeligen Zeltplatz an der Ostsee alles passieren kann. Welche zwielichtigen Gestalten sich von diesem reizend unbedarften girls camp eingeladen fühlen könnten, ihre dunklen, verabscheuungswürdigen Absichten in die Tat umzusetzen - nicht auszudenken!

"Was wollt ihr denn überhaupt an der Ostsee?", frage ich dumm. Rechtschaffen empört rutscht ihr eine alarmierende Zusatzbemerkung raus. "Na, zelten! Und nach süßen Jungs gucken!"

Oh je. Genau das habe ich befürchtet. "Hier gibt's nämlich keine!", versucht mein Frühblüher vorauseilend mein nächstes Argument zu entkräften. "Habt ihr denn auch wirklich schon überall genau gesucht?", versuche ich es mit schwachem Nachdruck. Sie wischt meinen mütterlich routinierten Einwand einfach weg. "In der Schule sind nur Vollpfosten. Den süßen Fahrer aus der Mensa sehe ich jetzt auch nicht mehr, weil Ferien sind. Der süße Junge von gegenüber hat seit gestern 'ne Freundin. Und der süße Typ an der Kasse bei Kaisers hat gekündigt!", fasst sie die defizitäre Situation zusammen. "Aber ihr habt doch noch nie gezeltet!", rolle ich die Front von der anderen Seite auf. Großspurig fegt sie auch diesen Einwand beiseite. "Das kann ja wohl so schwer nicht sein. Wir haben uns ein Zelt geborgt und fragen einfach auf dem Zeltplatz jemanden, wie man das aufbaut."

Zum Glück gibt's ein Problem. Eine von den Vieren ist noch nicht sechzehn, und deshalb darf sie nicht mit auf den Zeltplatz. Und auch nicht in die Jugendherberge. Herrjehmineehh, wie schade aber auch! Tut mir das leid! Na ja, vielleicht nächstes Jahr! Ich will schon aufatmen, doch mein Mädchen bietet alle erdenkliche Überredungskunst auf, um diese Katastrophe noch abzuwenden. Dann wirft sie sich schluchzend auf ihr Bett. Stundenlang. Steht wieder auf, um ausführlich zu telefonieren, intrigieren und einen Ausweg zu installieren.

Das Angebot, ersatzweise in der Laube der befreundeten Familie vier Tage lang zu viert zu zelten, hat der Vater der 15-jährigen Freundin präzise in der Schnittmenge ihrer Verzweiflung und meiner Verstocktheit platziert. Sie nehmen an! Ich auch! Generalstabsmäßig wird die Sache durchgeplant und am Abend werden vier Abenteurerinnen am Gartentörchen von vier besorgten Elternteilen abgeliefert - mit Proviant für vierzig Wochen, vierzehn Überseekoffern voller Klamotten und vier frisch aufgeladenen Handys. Das Zelt hat der Vater vorsorglich schon mal aufgebaut.

Zwei Stunden später der erste Anruf: Wir haben Spaghetti gekocht und es ist kein Sieb zum Abgießen da. Was sollen wir jetzt machen? Kurz darauf der zweite Anruf: Es regnet durchs Zelt. Was sollen wir jetzt machen? Dann der dritte Anruf: Hier sind so komische Geräusche. Was sollen wir jetzt machen? Unmittelbar danach der vierte Anruf: Schlafen Wespen nachts? Wir haben ein Wespennest unter der Dachrinne entdeckt! Was sollen wir machen?

"Nichts sollt ihr machen! Schlaft endlich!", belle ich durchs Telefon. "Wespen? Damit wird man doch fertig! Erwachsen sein heißt, selbstständig einen Staubsauger zu benutzen!", rufe ich und kann mir den Hinweis nicht verkneifen, "auch wenn's das erste Mal ist!"

Pikiertes Schweigen am anderen Ende. "Gute Nacht, Mama." Tutututut. So bleibt es drei Tage ruhig - drei Tage, in denen ich mir etwa dreißig Mal den Impuls verkneife, anzurufen und mich zu erkundigen, ob auch alles gut geht. Schließlich sind sie schon groß! Und was ist peinlicher, als eine besorgte Mama, die sich abends übers Handy erkundigt, ob sie auch das Zähneputzen nicht vergessen haben? Nach drei Tagen kann ich sie endlich abholen - geschafft!

Als mein Mädchen abends sehr lässig, mit der todesverachtenden Überlegenheit eines wochenlang in der Wüste verschollenen und rein zufällig geretteten, sehr erfahrenen Buschpiloten ins Auto steigt, ihren Rucksack schwungvoll chauvinesk auf den Rücksitz wirft und mich mitleidig anlächelt, frage ich nur: "Und, wie war's?" - "Alles supi!", gibt sie zurück und dehnt jede Silbe genüsslich, "nur der Grill ist kaputt gegangen." - "Oh, warum das denn?" Sie hebt die Hände in leisem Bedauern. "Weil ich Torf drauf werfen musste!" - "Hä? Wieso das denn?" - "Ach, ich dachte, das wäre Erde!" Ich versteh' nur - Bahnhof.

Grill in Flammen

"Warum wolltest du Erde auf den Grill werfen?" Sie schaut mich ob meiner Begriffsstutzigkeit mitleidig an. "Na, um den Brand zu löschen!" Mir sackt das Blut in die Füße. "Waaaas? Der Grill hat gebrannt??? Warum das denn?" Sie umschlingt ihre Knie mit den Händen, klappt den Spiegel herunter, korrigiert den Lidstrich und seufzt dabei tief. "Keine Ahnung, da war irgendwas am Gasschlauch vom Grill undicht." Sie verdreht die Augen und flötet mit wegwerfender Gebärde. "Bleib mal cool, kein Ding, wir haben das schon ganz gut alleine in den Griff gekriegt. Schließlich sind wir keine Babys mehr!" Ich bin da nicht so sicher, aber sie schaut stolz geradeaus und schweigt vielsagend. Dann lächelt sie mich sehr überlegen an und zuckt mit den Schultern. "Schade, dass wir nicht mit den Feuerwehrleuten weitergrillen konnten. Aber die mussten noch zu einem anderen Feuer. Und der Grill war ja auch schon abgebrannt." Sie strahlt: "Aber zwei von den Feuerwehrmännern waren echt total süß!"