Familie

Eine Mutter zieht nach

Christl Strohmaier wagte mit 62 Jahren einen Neuanfang, 745 Kilometer fern der Heimat

Es ist schon fast eine feste Einrichtung, dass meine Tochter Brenda am Wochenende anruft. Das hat sie schon immer getan, seit sie in Berlin lebt, und das sind nun schon mehr als zwanzig Jahre. Aber seit ich selbst hier lebe, hat sich doch einiges geändert. Der Anruf kommt schon mal spät am Abend: "Bei dir kann ich jetzt noch anrufen, du gehst ja spät ins Bett." Es kann aber auch ein kurzes Gespräch zwischen Yogastunde und Essenkochen sein. Brenda weiß, dass ich nicht zu Hause sitze und auf einen Anruf warte. Ich habe einen gut gefüllten Terminkalender.

Unser Verhältnis hat sich in den vergangenen Jahren merklich entspannt. Das liegt wohl auch an meinem neuen Leben. Mit 62 erlaubte ich mir das erste Mal, genau das zu tun, was ich will. Ich wurde als Kriegskind geboren, bei Bombenalarm. Von da an musste ich funktionieren. Mein Vater, ein Offizier, war vermisst, meine Mutter musste uns alleine großziehen, ich fühlte mich für sie verantwortlich. Wenn wir zu laut oder ungezogen waren, täuschte sie einen Herzanfall vor. Später fühlte ich mich für meine Familie verantwortlich. Achtmal zog ich meinem Mann und Beruf zuliebe um. Ein Gefühl für Heimat verlor ich dabei. Zuletzt zogen wir ins Saarland, in eine 10 000-Einwohner-Gemeinde. 20 Jahre hielt ich es dort aus, die letzten Jahre dort verbrachte ich als Single. Wenn ich samstags Brötchen holte und in der Reihe neben den Rentnern stand, stellte mir vor, meinen Lebensabend in einer aufregenden Stadt zu verbringen. Ich wollte ins Theater, ins Museum, Konzerte hören, Philosophie studieren. Mein Chef war Berliner, geborener Charlottenburger. Der Ton zwischen uns war liebenswert bissig. Ich konnte mir gut vorstellen, zu den ruppigen Berlinern zu ziehen.

Wenn ich meine Tochter besuchte, liebte ich die Atmosphäre, die Stadt wurde immer vertrauter. Nur der Ton meiner Tochter machte mir Probleme. Sie reagierte sehr empfindlich auf meine Hilfsangebote. Ich vergesse nicht ihre aufgerissenen Augen und die abwehrenden Hände, als ich ihr anbot, die Wäsche zu machen. Sie hatte sich doch immer eine Bügelfrau gewünscht! Und nun sagte sie: "Du bist übergriffig!" Gekränkt war ich. Aber sie hatte Recht. Ihre Flucht nach Berlin war ja auch eine Flucht vor dem ständigen Bemuttern, vor dem Sicheinmischen. Ich fand ja meine Mutter auch zu aufdringlich. Sie, die ihren Mann nur aus dem Fronturlaub kannte, gab mir Ehetipps. "Ich mein's ja nur gut", sagte sie. Ich verstehe, wenn man eine Mutter an ihren Platz verweist.

Jetzt bin ich seit sechs Jahren in Berlin. Und ich merke immer mehr, wie froh ich über die Selbstständigkeit meiner Tochter bin. Ich bin zum ersten Mal nur für mich verantwortlich, frei von allen Bindungen aus der Vergangenheit. Sogar mein Auto wurde mir lästig, und ich schenkte es Brenda. Ich fahre lieber mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Ich kann es immer noch nicht fassen, dass Berlin mich so glücklich macht. Noch nicht einen Tag habe ich mich zurück in die Provinz gewünscht. Ich mache jetzt fast alles, was ich mir erträumt habe. Okay, ich studiere nicht, dafür bin ich noch zu unruhig, und es gibt so viel zu erleben in Berlin. Ich besuche einen Konversationskurs in Französisch, die Mitschüler sind zu Vertrauten geworden. Und ich bin im Club 50plus. Das ist herrlich unverbindlich: Man meldet sich zu einem Termin an, sei es eine Wanderung oder ein Theaterbesuch, geht hin und ist unter netten Leuten, geht wieder nach Hause und hat keine Verpflichtung. Mit der Zeit gewann ich auch Freunde, mit ihnen feiere ich Geburtstag und Feiertage.

Näher zusammengerückt

Ich sehe Brenda nicht allzu oft. Wir sind beide sehr beschäftigt. Aber unsere Treffen sind etwas Besonderes. Auf unseren Spaziergängen im Tiergarten oder entlang der Spree lerne ich sie mehr denn je als meine sehr erwachsene, kluge Tochter schätzen. Auch wenn sie nur mal für einen Kaffee vorbeikommt, entsteht bei mir ein Gefühl der Nähe, die Saarländer haben dafür einen sehr bildhaften Ausdruck: "Sie ist wie eine warme Hand am Laib." Als ihr Partner nach einer schweren Operation im Krankenhaus lag, bat sich mich: "Mama, hast du etwas zu essen für mich?" Natürlich zauberte ich eine Mahlzeit und nach dem Essen konnte sie wieder ins Krankenhaus eilen.

Ich bin ihre Mutter und nicht ihre Freundin. Mami dürfen nur sie und ihre große Schwester zu mir sagen. Ich bin nicht nur in ihre Nähe gekommen, sondern auch näher zu ihrer Schwester, die in Norwegen wohnt. Für sie ist es leichter nach Berlin zu fliegen als ins Saarland. Weihnachten hat einen anderen Glanz bekommen. Brenda kommt Heiligabend schon früh, um mit mir zu kochen. Sie will unsere Familiengerichte lernen, und so schaben wir Spätzle und brutzeln Braten. Später wird Canasta gespielt bis zum letzten Rotweintropfen.

Ich wünsche mir, dass ich noch einige Jahre so glücklich sein darf. Sollte ich nicht mehr zu Fuß in meine Wohnung im dritten Obergeschoss kommen, bleibt das Altersheim, sagt meine Tochter. Das ist ja einer der Gründe, warum ich hier bin. Sie kann mir dann besser die Schnabeltasse reichen als im Saarland.