Familie

Wiedervereinigung in der großen Stadt

15 Jahre lang hatte Brenda Strohmeier Berlin für sich allein. Dann zog ihre Mutter nach ...

Meine Mutter und ich haben vor sechs Jahren einen Vertrag geschlossen. Irgendwo im Schrank zwischen den Steuerunterlagen und den Schulzeugnissen muss er liegen. Der Inhalt lautet ungefähr: Ich genehmige Mama, aus ihrem saarländischen Kaff in meine Heimat Berlin zu ziehen, und helfe ihr beim Einräumen ihrer neuen Wohnung. Dafür darf sie mir danach nicht auf den Wecker fallen. Sie unterschrieb, wenn auch etwas widerwillig. Das kommt davon, wenn man eine gute Freundin zur Patentante der Tochter macht, die als Psychotherapeutin arbeitet. Und die Weisheiten predigt wie: "Räumliche Nähe ist nicht das Problem, auf die innere Distanzierungsfähigkeit kommt es an." Der Vertrag war ihre Idee. Eine grandiose Strategie, wie sich herausstellte.

Seit sechs Jahren wohnen meine Mutter und ich nun statt 745 Kilometer nur noch 7,43 Kilometer voneinander entfernt. Und es ist ein Wunder geschehen. Zuvor machte ich mich jahrelang eher widerwillig und allerhöchstens zwei Mal im Jahr auf den Weg in den Westen, dorthin, wo meine Mutter in einem Reihenendhaus versauerte. Aus ihrem Wohnzimmer blickte sie auf einen Fischteich, in den haarige Männer Angeln hielten. Mein Vater war längst in die nächste Großstadt geflüchtet.

Meine Mutter sagt, sie sei viel glücklicher hier. "Champagnergefühl" nennt sie das. Und ich freue mich jetzt, wenn ich es alle paar Wochen mal schaffe, bei ihr vorbeizuschauen. Sie wohnt in Schöneberg. Wenn man sich bei ihr aus dem Fenster lehnt, sieht man einen schönen Platz, auf dem bei einer meiner letzten Visiten gerade ein Rettungshubschrauber landete.

Jetzt haben wir erstmals eine gemeinsame Leidenschaft: Berlin, die Hauptstadt der Möglichkeiten. Statt Klatsch über die Staublungen der saarländischen Nachbarn erzählt sie nun packende Geschichten. Wie die über den Wirt ihres Stammcafés, der mit einem Messer in der Brust gefunden wurde. Meine Mutter lebt das Leben einer Dauertouristin. Sie kraxelt durch Bunker, erkundet Klinikruinen und weiß natürlich genau, wo einst die Rohrpost durch Berlin sauste.

Treffen dauern nicht mehr tagelang

Ich mag ihre Berichte. Und ich mag meine Mutter mehr denn je. Das erste Mal seit der Pubertät habe ich eine ordentliche Beziehung zu ihr. Was ist passiert? Ich lasse mir von meiner Patentante, genannt Trulli, das Wunder erklären, das mit besagtem Vertrag begann, den wir unter ihrer Aufsicht unterzeichneten. "Du wolltest partout nicht, dass deine Mutter nach Berlin zieht", erinnert mich Trulli. "Und ich wollte erst mal wissen, warum du deine Mama so ätzend fandest." Gute Frage. Denn eigentlich hat meine Mama vieles, was eine vorbildliche Mutter auszeichnet: Sie ist hilfsbereit und interessiert sich für mich. Doch genau da lag das Problem: Oft war so viel Fürsorge zu viel für mich.

Meine Mutter zählte zu jenen Erziehungsberechtigten, die sich gern einmischen. Wenn im Lokal der Kellner meinen Kaffee vergaß, regelte sie das für mich. Bei einem Boutiquebesuch erzählte sie der Besitzerin schon mal intime Geschichten über einen meiner Freunde, die die Kleiderverkäuferin prompt an eine seiner Bekannten weitertratschte. Bis zu Trullis Intervention hatte ich kein Mittel, sie zu stoppen. "Weil du Angst hattest, sie zu beleidigen", sagt Trulli. "Und weil deine Mutter ja schnell beleidigt war." Ein Teufelskreis: Je beleidigter meine Mutter wurde, desto weniger wollte ich sie sehen, desto mehr wollte sie für mich tun. "Die größte Angst aller Eltern ist doch, dass die Kinder die Beziehung zu ihnen abbrechen", sagt Trulli. Ein Vertrag, so schlecht die Eltern auch dabei wegkommen, symbolisiert dagegen Beständigkeit. Noch ein Trick der Patentante: Meine Mutter und ich vereinbarten das Signalwort "Ella", das ich sagen darf, wenn sie nervt. Ella hieß meine Oma, die zu Lebzeiten wiederum meiner Mutter gehörig auf den Wecker ging. Schon lange habe ich das Zauberwort nicht mehr gebraucht.

Meine Patentante glaubt, dass die Methode Strohmaier auch bei anderen Familien funktionieren kann. "Um einen Vertrag und ein Signalwort auszuhandeln, braucht man keinen Psychologen, das schafft man auch bei einem Glas Rotwein im Restaurant", sagt sie. "Hauptsache, Eltern und Kinder sind ehrlich." Trulli rät dazu, Ängste zu thematisieren und zu überlegen, wie eine Horror- und wie die Idealversion eines Lebens aussehen könnte. Dabei kommt es vor allem auf die perfekte Dosis Familie an.

Seit meine Mutter und ich in einer Stadt leben, kann jeder nach ein paar Stunden wieder gehen. Ein Treffen ist kein tagelanger Akt mehr, der psychologischer Vor- und Nachbereitung bedarf. Wir gehen einfach ins Kino. Oder essen. Und dann kehrt jede in ihre Welt zurück. Letztens habe ich sogar mal bei meiner Mutter übernachtet. Freiwillig. Ich war auf einer Party um die Ecke und wollte danach nicht mehr ins Auto steigen. Es war lustig, im Gästezimmer meiner Mutter in der eigenen Stadt aufzuwachen. Ich liebe jetzt sogar Weihnachten. Die Stadt ist ganz still und leer, weil die anderen zugezogenen Berliner in die Provinz zur Verwandtschaft ausschwärmen müssen. Ich brauche fünfzehn Minuten zu Mama. Und zurück.