Familie

Mama, Papa, was wollt ihr denn hier?

Fern der Heimat lebt das Kind zufrieden in der Großstadt. Bis die Eltern ihm nach Berlin hinterherziehen. Ein Leidensbericht

Einer meiner wiederkehrenden Albträume geht so: Ich will endlich diesen angesagten neuen Italiener in einer heruntergekommenen Ecke von Neukölln ausprobieren - alle, die schon da waren, schwärmen von der Pasta mit Salsiccia und wildem Brokkoli. Ich trete ein und sehe - meine Eltern, sie prosten mir mit Rotweinhumpen zu und winken. Ich wache schweißgebadet auf. In einer verschärften Version dieses albtraumhaften Drehbuchs schlägt der Kellner meinem Vater auf die Schulter, nennt ihn kumpelhaft-respektvoll "Dottore" und gibt ihm den x-ten Grappa aus, während ich schmollend mein Gesicht in einer riesigen Portion Nudeln mit wildem Brokkoli vergrabe.

Ohne in Freuds Werken nachzuschlagen kann ich mein Problem ganz gut selbst deuten: Meine Eltern sind nach Berlin gezogen, oder anders ausgedrückt: Sie sind in mein Terrain eingedrungen. Das ist einigermaßen bestürzend. Denn die Rolle von Eltern erwachsener Kinder, finde ich zumindest, sollte ja nun wirklich nicht sein, den Kindern die Platzhirschposition in In-Lokalen streitig zu machen, sondern: als Nostalgie-Dienstleister und Heimatverwalter zur Verfügung zu stehen, wenn dem erwachsenen Kind danach ist.

Meine Eltern aber haben sich an dieses ungeschriebene Gesetz nicht gehalten. Sie haben das Haus meiner Kindheit auf dem bayerischen Land einfach verkauft, jenes Haus, in welchem ich 31 von bisher 31 Weihnachtsfesten gefeiert habe, in dessen Garten eine Birke steht, die genauso alt ist wie ich, und in dem sich ein kleiner privater Tierfriedhof befindet, auf dem die Ergebnisse meiner Meerschweinchenzuchten ihre letzte Ruhe gefunden haben.

"Oh je", murmeln die in der Regel ebenfalls zugezogenen Freunde und schauen betreten drein. "Oh toll!", rufen nur diejenigen mit kleinen Kindern. Den Wert, die eigenen Eltern in der Stadt zu haben, könne man ja überhaupt nicht hoch genug einschätzen - kostenlose und enthusiastische Kinderbetreuung!

Gut, in der Tat werde ich nichts dagegen haben, unser demnächst vorhandenes Kind statt an stündlich acht Euro verschlingende Babysitter oder die Teenager-Tochter der Nachbarn, die ab elf nervös wird, weil sie noch feiern gehen will, an euphorische Großeltern abzugeben. Allerdings war angedacht, das Kind dann und wann zwischen leise im Sommerwind schaukelnden Birken auf der elterlichen Margeritenwiese herumtollen zu lassen, weit weg von Kottbusser Tor und Hermannplatz. Dieser kostenlose Kuraufenthalt ist passé. Ich mag meine Eltern, sogar sehr, wir haben und hatten immer ein entspanntes Verhältnis. Und doch kann ich mir nicht helfen: Der Gedanke an ihre Dauerpräsenz in "meiner" Stadt löst nicht nur Glücksgefühle aus. Ich denke auch: Was fällt denen eigentlich ein?

Die Eltern fragen sich, wo wollen wir die nächsten 30 Jahre leben?

Mit meinem Problem stehe ich nicht allein da: Die sogenannten "Silver Ager", "Best Ager" oder Angehörige der "Generation Gold", um nur ein paar der ziemlich bescheuerten Begriffe zu benutzen, die von Marketingexperten für die in Rente gehende Wirtschaftswundergeneration erfunden wurden, geraten in Bewegung. "Die Zwangsläufigkeit ,mit 60 zieht man nicht mehr um', gibt es nicht mehr, das Muster ;eine Familie, ein Haus, ein Leben' hat sich aufgeweicht", sagt Ricarda Pätzold, Stadtforscherin an der Technischen Universität Berlin. "Die Älteren sind heute selbstbestimmter, fragen sich nach der Pensionierung ganz bewusst, ,wo will ich die nächsten 30 Jahre leben?'" Ein entscheidendes Motiv sind regionale Vorlieben - die einen zieht es auf die alten Tage also nach Teneriffa oder Marbella. Die anderen ziehen dahin, wo die Kinder und Enkelkinder leben.

Bestimmt lässt sich so ein Teil der Berliner Zuwanderungsstatistik erklären. Genau 14 414 Menschen über 50 sind demnach im vergangenen Jahr nach Berlin gezogen, fast 5000 davon waren älter als 65. Im Alter zwischen 20 und 25, also im klassischen Studentenalter, waren es 35 000. "Alle reden immer davon, wie attraktiv Berlin für junge Menschen ist, vor allem für Studenten. Vielen, die zum Studieren herkamen, gefällt es so gut, dass sie bleiben, selbst wenn das mit viel Mühsal verbunden ist - und damit lösen sie eine zweite Welle aus, indem Berlin auch für die Elterngeneration interessant wird", sagt Ricarda Pätzold. Der Gedanke ans Erbe kann dabei eine Rolle spielen. "Klingt unromantisch, ist aber so: Wenn die Kinder unmissverständlich klar gemacht haben, dass sie in die Heimatregion auf keinen Fall zurückkehren wollen, denken die Eltern vielleicht auch daran, den Kindern Immobilien zu hinterlassen, mit denen diese mehr anfangen können" - weil sie sich am richtigen Ort befinden.

So wie viele andere in Berlin gebliebene Kinder musste also auch ich machtlos mit ansehen, wie meine auf den Geschmack gekommenen Eltern ohne Rücksicht auf (meine) Verluste ihre Umsiedelung vorantrieben. Gerade wegen unserer äußerst intakten Eltern-Kind-Beziehung ist die Frage interessant: Warum ging mir das so auf den Keks? Vielleicht, weil Menschen um die dreißig einen immer noch rudimentär vorhandenen, postpubertären Drang haben, sich von zu Hause und den Eltern abzugrenzen? Führte früher das unautorisierte elterliche Eindringen ins Jugendzimmer zu hysterischen Anfällen, hat man heute das Gefühl, die Eltern würden in den höchsteigenen, neu geschaffenen Kosmos eindringen, eine Grenze überschreiten - und dafür ihren eigentlichen Job, die Heimatpflege, vernachlässigen. Denn: Kinder wie ich wollen auch um die 30, was sie mit 20 schon wollten: die Provinz hinter sich lassen, ein cooles Großstadtleben, aber an Weihnachten gefälligst zurück auf den Christkindlmarkt der Heimatstadt. Dass Eltern eventuell keine Lust haben, bis ans Ende den Heile-Welt-Versorger zu geben für ein paar Tage im Jahr, damit beschäftigt man sich lieber nicht.

Meine Eltern waren 1980 in unser Haus gezogen, sie gehörten zu den Ersten, die auf einer Wiese eine kleine Neubausiedlung entstehen ließen. Der winzige Tante-Emma-Laden im alten Dorfkern machte zu, als ich noch den Kindergarten ein Kaff weiter besuchte; ungefähr zweimal am Tag fuhr ein Bus, mit dem man in die umliegenden Dörfer gelangen konnte. "Ich hab keine Lust, mitten in der Pampa alt zu werden", sagt Mama. Die nächste ernst zu nehmende zivilisatorische Ansammlung war die 15 Kilometer entfernte Kleinstadt.

Die elterliche Begeisterung über Berlin nervt auch ein bisschen

Meine Eltern haben nun jedenfalls ihren Teil zur Gentrifizierung Berlins beigetragen und wohnen in einem sanierten Altbau im ansonsten für Studentenkneipen bekannten Friedrichshain. Wenn es doch wenigstens eine kleine alte Villa in Dahlem mit überwuchertem Garten wäre, quasi als Margeritenwiesenersatz! Meine Aggressionen angesichts des Heimatverlusts und der Elternnähe richten sich auch gegen das Berlin-Insidertum der zugezogenen Eltern, die schon ein bisschen stolz sind auf den waghalsigen Schritt vom Kaff in die Metropole, ein paar Werte aber natürlich importiert haben. Ich bin genervt, wenn Mutter von den "Chaoten" redet, welche die frisch sanierte dottergelbe Altbau-Hauswand mit Graffiti verunzieren. Die absolute elterliche Berlin-Begeisterung nervt auch ein bisschen, diese joviale Freude darüber, was für eine verrückte Stadt Berlin doch sei. Wenn Mutter direkt vor dem U-Bahn-Schacht einen BSR-Mitarbeiter fragt: "Geht's hier zur U-Bahn?", einfach weil sie Lust hat, mit Eingeborenen in Kontakt zu treten, und die patzige Antwort erhält: "Nee, zum Flughafen!" - dann freut sie sich. Herrlich, so frech, diese Berliner!

Schon wieder so ein postpubertäres Phänomen - sich für die Eltern fremdzuschämen. Ich gucke auch immer ein bisschen gequält, wenn Mama wieder davon schwärmt, wie günstig alles in Berlin ist! Sie macht das vor allem an den Kuchenpreisen fest. Jedes Mal, wenn ich bei meinen Besuchen im Friedrichshainer Domizil vor einem riesigen Stück Torte sitze, sagt Mama mit Nachdruck: "Und jetzt stell dir mal vor: Dafür hätte ich zu Hause mindestens zwei Euro fünfzig gezahlt!" Das mit den Kuchenpreisen ist natürlich nur ein Detail, es gab für meine Eltern stärkere Beweggründe für den Umzug als der aktuelle Kurs für ein Stück Schwarzwälder Kirsch. Mama ist ein Geschichtsfreak, Zweiter Weltkrieg, Mauerbau, Wiedervereinigung, da ist sie in Berlin bestens bedient. Jedes Wochenende ersteht sie auf Flohmärkten Antiquitäten, mit denen sie die Berliner Wohnung vollstopft. Sie kann euphorisch durch sämtliche Berliner Stadtteile radeln (auch solche, die ich bisher freiwillig noch nicht betreten habe. Zwei Töchter leben in Berlin - es wurde nie ausgesprochen, dass das ein Hauptmotiv für die Umsiedelung ist, aber man darf davon ausgehen - aus Elternsicht betrachtet ist das wirklich ein prima Motiv.

Ich frage mich manchmal, ob es meinen Eltern gar nichts ausmacht, den seit Jahrzehnten bestehenden Freundeskreis zu Hause zurückzulassen. Weil ich selbst mir gar nicht vorstellen könnte, jetzt in eine andere Stadt ziehen und mühsam die rar gesäten Leute aufspüren zu müssen, mit denen man sich eventuell vorstellen könnte, mal ein Bier zu trinken? Das sehen meine Eltern gelassener: "Och, da werden sich neue Kontakte ergeben", sagt Mama gut gelaunt. Am Ende muss ich wohl zugeben: Mein Argwohn gegen den Umzug entspringt kindlichem Trotz und dem ebenso kindlichen Bedürfnis, die Eltern in ihren alten Rollen zu behalten, da, wo sie hingehören, nämlich "nach zu Hause", auf ihr Altenteil. Wenn ich ehrlich bin, kann ich meinen Eltern in Sachen Grenzüberschreitung nämlich nicht allzu viel vorwerfen. Ich muss sogar gestehen, dass ich es bin, die ständig bei Papa anruft und sich freut, wenn er auf meinen Wunsch hin in unserer Wohnung mit handwerklicher Expertise eine Wickelkommode baut.

Wenn die erwachsenen Kinder in der Lage wären, die etwas dramatische Heimatverlust-Empörung ein bisschen ruhen zu lassen, dann müssten sie sich eigentlich freuen, dass sie es nicht mit der Sorte Eltern zu tun haben, die nur noch in beigefarbener Tarnkleidung zu sehen sind, Besuche in der Großstadt meiden, weil "wir da nicht mehr so recht mitkommen", und über zusammen verbrachten Weihnachten gemeinsam mit den Geschwistern seufzt: "Jetzt werden sie aber wirklich alt." Das würde einem erst recht nicht passen. Und Ängste schüren: davor, ein Altersheim in der alten Heimat suchen zu müssen und die Eltern dort regelmäßig zu besuchen.

Ich werde mich also mit dem Gedanken anfreunden, dass meine Eltern ihren Job als Heimatverwalter gekündigt haben und eine eigene Idee davon haben, wie sie ihr Leben gestalten wollen. Irgendwie werde ich mich mit der Aussicht arrangieren, Weihnachten dieses Jahr zum ersten Mal in Berlin feiern zu müssen. Meine Eltern finden das natürlich super. Fehlt nur noch, dass sie zu Plätzchen dann "Kekse" sagen.