Warten auf Frauen

Von Trödelantinnen und Zeitsparern

Zeit-Ökonomie ist einer der großen Mythen dieser Tage. Notorische Zeitsparer betrachten ihr Leben als eine Art Minuten-Konto, das mit klugem Wirtschaften und allerlei Tricks zu füllen sei, an Warteschlangen von Supermarktkassen zum Beispiel.

Zeitsparer checken zunächst, wie viele Menschen vor ihnen wie viele Artikel im Wagen haben, beurteilen das Scan-Tempo der Kassiererin und die Geldbörsenhervorziehgeschwindigkeit des Kunden. Doch da plötzlich wird überraschend eine weitere Kasse geöffnet, was allerdings auch die Gegner merken. Der Zeitsparer hat es vor lauter ökonomischen Überlegungen nur zum sechsten Platz in der neuen Schlange gebracht. Und braucht am Ende doch länger als der Wartende nebenan, der entspannt die Zeitung liest. Zeitsparer hängen der Idee an, man könne sein Leben mit der Sekundenjagd verlängern. Dabei trifft das Gegenteil zu: Zeitsparen bedeutet permanente Hatz, Stress und auf Dauer den sichersten Weg zum Magengeschwür.

Nicht gesparte Lebenszeit ist doch das Kriterium für gutes Leben, sondern erfüllte Momente. Mozart arbeitete mit 23 verschiedenen Tempi, keines davon gut oder schlecht, sondern der jeweiligen Stimmung angemessen. Virtuose Dirigenten des eigenen Lebens wissen um die höchst verschiedenen Geschwindigkeiten, die eine Minute haben kann. Wer dagegen pausenlos auf die Uhr guckt, spart nicht, sondern vergeudet, nämlich die Chance, das Leben in just diesem Moment an- und wahrzunehmen. Wer sich über Warten oder Trödeln aufregt, der verbreitet zudem schlechte Stimmung. Wer sich dagegen von der Sekundenjagd emanzipiert und sein Zeitkonto unwiderruflich auflöst, der gewinnt die Autonomie über sein Leben.

Die Alternative wäre schlechte Laune

Moritz Petz, der in Wirklichkeit Udo Weigelt heißt und in der Ökonomenstadt Hamburg wohnt, hat eine ganze Reihe Kinderbücher geschrieben. Dabei hätte er ruhig bleiben sollen. Oder er hätte mal einen Blick auf die Konkurrenz werfen sollen.

In Michael Endes "Momo" wird mit den Zeitökonomen abgerechnet. Petzens eigenhändig zum Grundsatzwerk erklärtes Buch "Warten auf Frauen" walzt das auf wenige Grunzlaute zu reduzierende Weltbild Mario Barths auf quälende Buchlänge aus. Die These: Männer warten ein Jahr ihres Lebens auf Frauen. Der Beleg: eine britische Studie, wahrscheinlich aus dem Institut von Mr. Bean. Das Versprechen: "Das ewige Geheimnis Zeit vergeudender Frauen" zu lüften. Phrasenschwein, ick hör Dir grunzen.

Bei Heinz Ehrhard hat man über derlei archaische Blickwinkel geschmunzelt. Aber die Realität sieht längst anders aus. Erstens trödeln Männer genauso wie Frauen, nur bei anderen Gelegenheiten. Das weiß der junge Mann spätestens seit dem Abiturball. Zweitens kommt der Herr von Welt lieber zehn Minuten zu spät zu einer Party, dafür aber mit einer halbwegs glücklichen Frau, die nach zweieinhalb Stunden vor dem Kleiderschrank ("Ich habe nichts zum Anziehen!") tatsächlich noch etwas Passendes gefunden hat und sich wohl fühlt.

Die Alternative wäre allseits schlechte Laune, weil die Gattin sich unwohl fühlt und ihrerseits Rache übt am Partner, der den halben Abend damit zugebracht hat, zu hetzen und zu drängeln. Fakt ist: Männer, die heutzutage noch Ärger anstauen, weil sie auf Frauen warten, sind selber schuld und lassen beim Beischlaf bestimmt die Socken an - um Zeit zu sparen.

Glücksforscher aller Disziplinen sind sich einig, dass das Gefühl von Selbstbestimmung eine wesentliche Voraussetzung für innere Ruhe ist. Jeder Mensch kann selbst bestimmen, wann er sich wie lange über was ärgert. Vergleiche sind da stets eine sichere Sache: Männer- gegen Frauenfußball auszuspielen, bedeutet einen zuverlässigen Weg zum Streit, oder eben der Umgang mit Zeit.

Wenn ein Trecker neben einem Rennwagen an der Ampel wartet, käme allerdings auch keiner der beiden Piloten auf die Idee, ein Rennen zu fahren oder zu prüfen, wer möglichst viele Anhänger ziehen kann.

Dass Frauen den Männern gleichsam die Zeit stehlen, bedeutet eine dramatische Verwechslung von Täter und Opfer. Wer kann denn mit Zeit nicht umgehen? Der- oder diejenige, die ganz entspannt noch rasch die Nägel lackiert oder der, tapstapstaps, im Türrahmen steht und demonstrativ auf die Uhr schaut?

Der vermeintliche Trödler kann Prioritäten setzen. Der Gehetzte wiederum ist offenbar wieder mal zu spät aufgestanden oder hat sich zu viele Termine in den Tag gestopft anstatt Puffer einzubauen, für sich und andere.

Wem es auf fünf Minuten Lebenszeit wirklich ankommt, der soll Single bleiben. Wer sich aber auf das Abenteuer Partnerschaft, gar Familie einlässt, der bringt sich langsam aber sicher um, wenn er seinen militärischen Zeitsparwahn Frauen oder Kindern beibiegen will. Der Zeitsparer ist dem Irrglauben an die Umerziehbarkeit der Geschlechter verfallen. Genauso gut könnte er sich über Schuhkäufe, Einparkversuche oder Frisörrechnungen aufregen. Es ändert nur nichts.

Der fortgeschrittene Ehemann und Vater dagegen übt sich in der Kunst der Gelassenheit, die jeder Weltreligion als Urtugend zu Grunde liegt. Menschen, die sich wohlfühlen, sind allemal mehr wert als einige Sekunden mehr auf dem Zeitkonto, die man schließlich ohnehin nirgendwo gegen einen schönen Tag eintauschen kann.

Zugewinn an Lebensqualität

"Hier und jetzt", so lautet die ultimative Glücksformel: nicht warten, nervös trommeln, Groll aufstauen über die Haarsträhnen zurechtlegende Herzdame, sondern die Wartezeit als Geschenk betrachten. Ein erholsamer Sekundenschlaf, der Blick in den Sportteil, ein Schwatz mit den Kindern oder einfach mal die braunen Schuhe ausziehen, die unterirdisch aussehen zum schwarzen Dreireiher - ein Zugewinn an Lebensqualität, die nur dem Warten zu verdanken ist.

Zu diesem Schluss kommt auch Meister Petz nach viel zu vielen klischeebefüllten Seiten. Wahrscheinlich, um zu Hause keinen Ärger zu kriegen, hat der Autor für sein Frauen-Warte-Buch die in der Kinderliteratur beliebte Dramaturgie vom Trottel gewählt, der mühsam lernt. So entwickelt sich aus dem anfänglichen Ärger über die Trödelantinnen quälend langsam die tiefere Einsicht, dass Warten auch Chancen bieten kann, auf ein Glas Wein zum Beispiel.

Das alles ist erwartbar, jedem Partner seit Jahren bekannt und mithin grottenlangweilig. Viel spannender wäre in Zeiten anschwellender Entschleunigungssehnsüchte doch eine Abrechnung mit Menschen, egal ob Frau oder Mann, die pausenlos hetzen und drängeln.

Und wer doch mal Zeit gutmachen muss, der schenkt sich einfach die Lektüre des Buches "Warten auf Frauen".

Übrigens: Der Autor wird von seiner Gattin und sogar von seinen Kindern oft und unberechtigterweise der Trödelei bezichtigt.