Interview

"Man sollte sich darauf besinnen, was einen als Person ausmacht"

Der Übergang vom Erwerbsleben in den Ruhestand birgt eine Chance, das Leben noch einmal mit neuen Inhalten zu füllen. Die Umstellung bereitet vielen Menschen aber auch Angst. Angst, loszulassen, Angst, nicht mehr gebraucht zu werden. Darüber, was Menschen heute vor und im Ruhestand bewegt, sprach Annette Kuhn mit Dr. Dörte Naumann. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Deutschen Zentrum für Altersfragen in Berlin.

Berliner Morgenpost: Was zeichnet die heutige Generation von Rentnern aus?

Dörte Naumann: Sie sind im Vergleich zu früheren Generationen gesünder, aktiver und haben oft Vermögen. Entscheidend ist auch, dass heute die große Mehrheit gebildet ist. Dadurch haben Rentner heute einen viel größeren Handlungsspielraum, um ihre Zeit zu gestalten.

Dörte Naumann: Heute heißt es ja auch: Rentner haben nie Zeit. Ich denke, es ist ein positives Zeichen, dass viele Rentner heute ganz viel mit ihrer Zeit anfangen können. Sie haben viele Hobbys und sind sozial aktiv, zum Beispiel mit einem Ehrenamt. Auch Reisen sind ein großes Thema. Zum einen gehört das Reisen zu den Träumen, die sich viele Ruheständler verwirklichen wollen, zum anderen ist auch mit Blick darauf, dass die Familien heute häufig geografisch voneinander entfernt leben, eine größere Mobilität notwendig.

Berliner Morgenpost: Gibt es heute mehr Angebote für Senioren?

Dörte Naumann: Auf jeden Fall gibt es weniger Barriereprobleme. Wir haben mehr barrierefreie öffentliche Verkehrsmittel, es gibt mehr Aufzüge. Und je mobiler man außer Haus sein kann, desto mehr Möglichkeiten hat man, Angebote wahrzunehmen und seine Zeit zu gestalten. Außerdem bieten Kommunikationswege wie das Internet heute viel mehr Freiräume. Man kann sich besser informieren, austauschen und planen.

Berliner Morgenpost: Viele Ruheständler nehmen sich viel vor, aber manch einer scheitert an der Umsetzung der Pläne. Woran liegt das?

Dörte Naumann: Ich würde das gern positiv ausdrücken: Wir haben zum einen Menschen, die schon immer viele verschiedene Interessen neben der Arbeit hatten. Die haben beim Übergang in den Ruhestand weniger Probleme, ihre Zeit zu füllen. Andere, die sich vielleicht ganz auf den Beruf beschränkt haben, müssen für sich erst einmal neue Möglichkeiten erschließen und ausprobieren. Und zum Ausprobieren gehört eben auch, dass man manches wieder fallen lässt. Wichtig dabei ist allerdings, dass man sich nicht zu viel auf einmal vornimmt und sich überfordert.

Berliner Morgenpost: Aber diesen Mut hat nicht jeder.

Dörte Naumann: Klar ist: Man kann sich im Ruhestand nicht plötzlich neu erfinden. Menschen bewahren gern Kontinuität im Leben.

Dörte Naumann: Wer in jüngeren Jahren ein aktives Sozialleben, viele Interessen und Hobbys neben der Erwerbstätigkeit verfolgt hat, der setzt dieses aktive Leben auch eher im Ruhestand fort als derjenige, der schon vorher weniger gemacht hat. Auf jeden Fall sollte man sich nicht unter Druck setzen. Es gibt kein Standardmaß an Aktivität, das man im Alter erfüllen muss.

Berliner Morgenpost: Manche glauben aber, es lohne sich nicht mehr, im Alter etwas Neues anzufangen.

Dörte Naumann: Es fehlt noch an Vorbildern, an positiver Orientierung. Aus der gerontologischen Forschung wissen wir, dass Menschen bis zum Lebensende reifen und sich weiterentwickeln können. Aber das ist in unserer Gesellschaft noch nicht verankert. Historisch gesehen ist das eine relativ neue Situation, dass Menschen nach dem Erwerbsleben noch 20 Jahre oder mehr zu leben haben und der Ruhestand als eigenständige Lebensphase zu sehen ist.

Berliner Morgenpost: Wie kann oder sollte man sich denn auf den Ruhestand vorbereiten?

Dörte Naumann: Es ist gut, sich schon einige Jahre vor Ende des Erwerbslebens Gedanken darüber zu machen, welche Rollen man im Ruhestand besetzen möchte. Das sollte eine ganz spielerische Auseinandersetzung sein. Es ist leichter, organisch in diese neue Lebensphase hineinzuwachsen, als auf einmal alles zu verändern.

Berliner Morgenpost: Wie kann man diese Vorbereitung konkret angehen?

Dörte Naumann: Man sollte sich darauf besinnen, was einen als Person ausmacht: Gibt es Hobbys, an die ich anknüpfen kann? Gibt es Dinge, die ich durch die Arbeit oder die Kindererziehung aus den Augen verloren habe? Man sollte sich auf eine Art biografische Spurensuche begeben. Und man sollte seine Aktivitäten dann schon während des Erwerbslebens nach und nach verändern. Es ist hilfreich, wenn man mit dem Ausscheiden aus dem Beruf vieles mitnimmt und nicht so viel auf einmal verliert.

Berliner Morgenpost: Ist der Ruhestand auch eine Herausforderung für die Partnerschaft?

Dörte Naumann: Aus den Forschungsergebnissen des Deutschen Alterssurvey wissen wir, dass die Paarzufriedenheit im Ruhestand nicht deutlich abfällt. Der Auszug der Kinder stellt für viele Paare eine viel größere Belastungsprobe dar. Dennoch müssen die Aufgaben, die Rollen, vielleicht auch die Plätze in der gemeinsamen Wohnung neu ausgehandelt werden. Aber der Ruhestand bietet auch die Chance, sich als Paar wieder neu zu entdecken.

Berliner Morgenpost: Wer hat dann das Sagen - der Mann oder die Frau?

Dörte Naumann: Aktuell orientieren sich Frauen noch stärker an den Männern, weil die meist früher in den Ruhestand gehen und dann tonangebend sind. Oder die Frauen waren gar nicht berufstätig. Aber das verändert sich, weil Frauen stärker am Erwerbsleben teilnehmen. Da müssen die Paare zunehmend auf Augenhöhe verhandeln und abstimmen, wie sie diese neue Lebensphase gestalten wollen.

Berliner Morgenpost: Wie wichtig ist es für Paare, ihre Zeit im Ruhestand gemeinsam zu verbringen?

Dörte Naumann: Der Anspruch, mit dem Übergang in den Ruhestand von nun an alles gemeinsam mit dem Partner zu machen, ist hoch. Und es ist fraglich, ob das wirklich nützlich ist. Wenn man ständig Kompromisse finden muss oder der eine immer mitläuft, ist das keine Garantie für hohe Paarzufriedenheit. Es ist wichtig, dass man zumindest manche Dinge allein macht. Schließlich tut es auch gut, wenn man sich gegenseitig etwas Neues zu berichten hat.

Berliner Morgenpost: Welche Rolle spielt die Familie, spielen Enkelkinder für Menschen im Ruhestand?

Dörte Naumann: Die Großelternschaft ist für die meisten Menschen sehr wichtig. Das Gefühl gebraucht zu werden auch. Doch viele wollen sich nicht nur auf diese Rolle reduzieren und sich nicht komplett für die Betreuung der Enkelkinder verplanen lassen. Das ist meist nur eine Rolle im vielschichtigen Leben eines Ruheständlers.

Mehr zur Altersforschung unter www.dza.de