Ruhestand

Endlich das eigene Buch schreiben

Foto: Massimo Rodari

Schon als 15-Jährige schrieb Irmgard Westphal ihren ersten Roman, eine Liebesgeschichte, die während des Algerienkriegs spielt. Genau kann sie sich nicht mehr erinnern, das Manuskript ist verschollen. Ein Verlag habe sich sogar damals für das Werk interessiert, erzählt sie, zu einer Veröffentlichung kam es dann doch nicht. "Ich wollte zu viel: die Schule beenden, studieren, berufliche Karriere machen, heiraten eine Familie gründen", sagt die 73-Jährige heute. tatsächlich hat sie all das auch gemacht: Sie hat Jura studiert, zuletzt war sie Bundesjustizministerium angestellt, hat Mann und zwei Kinder und inzwischen zwei Enkelkinder. Fürs Schreiben war da lange kein Raum. Aber der Traum vom eigenen Buch blieb. Und darum fiel Irmgard Westphal auch in kein Loch, als sie 2002 in den Ruhestand ging. Sie setzte sich an ihren Laptop und schrieb.

Der Beruf habe ihr anfangs trotzdem gefehlt, das Schreiben lenkte etwas ab. "Mehrere Geschichten hatte ich fix und fertig im Kopf." In der einen ging es um eine Liebe zwischen zwei ungleichen Partnern, in der anderen um ein deutsch-deutsches Familienschicksal. Beide Geschichten spielen in Berlin. Im Ruhestand fand sie endlich Zeit, sie zu Papier zu bringen. Sie schickte die fertigen Geschichten an Verlage, bekam aber nur Absagen. Irmgard Westphal machte das traurig, aber aufgeben wollte sie nicht. "Wenn man das Gefühl hat, man hat etwas zu sagen, dann will man auch, dass das Buch gelesen wird - ein Manuskript auf dem Computer nützt da nichts." Also brachte Irmgard Westphal ihre beiden Bücher im Eigenverlag heraus. Unter dem Pseudonym Ann Marie Berthold, dem Mädchennamen ihrer Mutter, "die immer an mich geglaubt hat", auch an ihre schriftstellerischen Fähigkeiten.

Etwa 100 Exemplare hat Irmgard Westphal jeweils von ihren Büchern verkauft. Geld verdient sie damit nicht, aber ein gutes Gefühl sei es schon, das eigene Buch in den Händen zu halten. Sie habe schon viel Feedback bekommen. Mindestens zwei, drei Stunden am Tag schreibt sie und recherchiert in Bibliotheken historische Hintergründe. Mittlerweile hat sie ihr drittes Werk fast fertig, einen Psychothriller, der sich um die Berliner Bankenkrise dreht.

Auch ihre Kinder und Enkelkinder lesen ihre Bücher mit Begeisterung. "Meinem Mann aber ist diese Seite an mir suspekt", sagt sie. Dennoch lasse er sie gewähren. Abhalten lassen von ihrem Drang zum Schreiben würde sich Irmgard Westphal wahrscheinlich ohnehin nicht. "Ich brauche niemanden, der mich motiviert", einen Durchhänger oder einen Mangel an Ideen habe sie nie gehabt: Nach zwei eigenen Büchern und einem dritten fertigen Manuskript hat sie immer noch viele Geschichten im Kopf, die sie noch zu Papier bringen möchte.