Psychisch kranke Kinder

Der eigene Sohn - ein Fremder

Wenn Kinder psychisch krank werden, brauchen auch die Eltern dringend Unterstützung

Während der Vorbereitungen für das Abitur entwickelte Max* Wahnvorstellungen. Er fühlte sich von Mönchen verfolgt. Seine Mutter Petra Werner* dachte zuerst, er sei in eine Sekte geraten. Doch bald wurde ihr klar, dass hinter Max' Verhalten etwas anderes stecken musste. Sie versuchte, sein Problem zu verstehen, doch es wurde immer schlimmer.

Max saß teilnahmslos mit der Familie am Küchentisch und aß und trank kaum noch etwas. Morgens kam er nicht aus dem Bett und abends konnte er nicht einschlafen. Mitten in der Nacht telefonierte er stundenlang mit Verwandten und flehte sie in Todesangst an, zu ihm zu kommen, er würde sonst sterben. Obwohl er in der Schule gute Noten hatte, ging er nicht zu den Abiturprüfungen. Seiner Mutter sagte er, am Morgen der Deutschklausur habe ihm ein Mann mitgeteilt: "Geh dort nicht hin, sonst wirst du umgebracht." Aus Angst vor den Drohungen blieb Max der Schule fern.

"Die Ängste wurden immer schlimmer", erinnert sich Petra Werner. Schließlich vermutete Max, seine Eltern könnten mit den Mönchen unter einer Decke stecken. Er legte ihnen seine Hand auf den Kopf und fragte sie, ob sie den Eindruck hätten, einen Helm aufzuhaben. Das sei das Zeichen, dass auch sie dazu gehörten zu der Gruppe, die ihn bedrohte. Als der Hausarzt ihn in die Psychiatrie überweisen wollte, weigerte er sich. Er war der Auffassung, alle Ärzte seien von den Mönchen "infiltriert".

Die Pubertät brachte die Probleme

Schon mit Beginn der Pubertät hatten die Probleme begonnen. Von einem Tag auf den anderen durfte Petra Werner den zuvor sehr anhänglichen Jungen nicht mehr berühren. Max wurde verbal ausfällig und sie fühlte sich schuldig. Manchmal erkannte sie ihren eigenen Sohn nicht wieder, so fremd war er ihr geworden. Immer wieder gab es Warnzeichen, Verhaltensweisen, die sie alarmierten. Sie suchte Hilfe bei Beratungsstellen und Psychologen. Rückblickend bedauert sie es, dass Max damals, als Jugendlicher, nie auf eine schwerwiegende psychische Krankheit untersucht wurde.

Inzwischen geht sie in eine Selbsthilfegruppe und tauscht sich mit anderen Angehörigen psychisch Kranker aus. Bevor sie die Gruppe hatte, verstand sie manchmal nicht, was eigentlich ihr Problem war, warum es ihr so schlecht ging. Freunde und Verwandte gaben zwar immer wieder gute Ratschläge. Begreifen konnten sie die Situation aber nicht.

Mit dem Unverständnis und der Ablehnung der Umwelt zu kämpfen hatte auch Ines Hofmeister, deren Sohn unter einer autistoiden Entwicklungsstörung leidet. Sie unternahm mit ihm "Therapie ohne Ende", trotzdem musste sie sich Sprüche anhören wie: "Bringen Sie Ihre Beziehung in Ordnung, dann wird es auch Ihrem Sohn besser gehen." Immer wieder wurde sie in Kindergarten und Schule für sein Verhalten - wenn er teilnahmslos auf dem Boden lag oder ausrastete und andere Kinder oder die Erzieherinnen und Lehrerinnen beschimpfte - verantwortlich gemacht. Die große Schwester wurde auf der Straße angesprochen: "Was ist denn bei Euch zu Hause los?" Auch von Institutionen und Ärzten fühlte sich Ines Hofmeister mit ihrem Problem häufig allein gelassen.

"Bei einer psychischen Erkrankung sind normale Maßstäbe nicht anwendbar", weiß auch Petra Werner. Um sich zu schützen, muss sie sich immer wieder abgrenzen. Wenn Max, der eine eigene Wohnung hat, 20 Mal am Tag anruft oder einfach nicht mehr gehen will. Viele können nicht verstehen, "wie eine Mutter so hart zu ihrem Kind sein kann", erzählt sie. Hilfreicher sind da die Freunde aus der Selbsthilfegruppe. Wenn es Konflikte gibt, erinnern sie sie daran, dass sie als Mutter auch das Recht auf einen schönen Tag hat. "Man tendiert dazu, nur noch darüber nachzudenken, wie man dem anderen helfen kann."

Belastung für die Geschwister

"Abgrenzung ist notwendig. Dadurch wird der Erkrankte auf sich selbst zurückgeworfen. Das lernen Angehörige am besten zusammen mit anderen Betroffenen", sagt Marianne Schumacher. Sie ist Vorstandsmitglied des Berliner Landesverbandes des Vereines "Angehörige psychisch Kranker" (ApK). Für alle Betroffenen sei die Situation hochgradig belastend. Auch für die Geschwister. Je nach Familienkonstellation lernen sie ungewollt, die Verantwortung für die erkrankte Schwester oder den erkrankten Bruder mitzutragen, etwa um die Eltern zu entlasten.

Petra Werner sieht einen großen Missstand, was Hilfen und Informationen für Angehörige betrifft. In einer Notsituation hatte sie nachts den Sozialpsychiatrischen Dienst angerufen und bekam zu hören: "Ihr Sohn ist volljährig. Gegen seinen Willen können wir nichts tun." Vergeblich hatte sie versucht, in einem Früherkennungszentrum für psychotische Erkrankungen eine Beratung zu bekommen. Max lehnte wie immer die Untersuchung ab. Für die Mutter hatten die Mitarbeiter keine Zeit: "Für Angehörigensprechstunden haben wir keine Kapazitäten", sagten sie ihr. Auch soziale Einrichtungen halfen Petra Werner nicht weiter. "Alle wollten meinen Sohn unbedingt zum Psychiater schicken. Mir dagegen hätte ein Kommunikationstraining weitergeholfen, mit konkreten Ratschlägen, wie mit dem Kranken umzugehen ist."

"Eine gute Idee", findet der Münchener Psychiater und Psychotherapeut Josef Bäuml. Für ihn sind "gut informierte und wohlgesonnene Angehörige" der wichtigste Schutzfaktor der Erkrankten. Deshalb sei es wichtig, Angehörige ausführlich über die Hintergründe der Krankheit und die Behandlungsmöglichkeiten aufzuklären. "Das soll ihnen die Möglichkeit geben, gelassener zu reagieren." Dann verbessere sich auch ihr "Klammerverhalten", das oft nur eine hilflose Antwort auf die massiven Verhaltensauffälligkeiten des Angehörigen ist. Angehörige seien übrigens ebenfalls gefährdet, warnt Bäuml. Der Stress kann sie krank machen, besonders bei entsprechender genetischer Veranlagung.

Endlich in der Klinik

Dass Klammern nichts hilft, hat Petra Werner schon lange begriffen. Zwar hat der inzwischen 19-jährige Max mittlerweile sein Abitur bestanden, doch die Krankheit hat ihn weiter im Griff. Eines Abends waren seine Ängste so groß, dass eine Nachbarin den Notarzt rief. Schon zuvor war er drei Mal in der Notaufnahme gewesen. Dort wollte man ihn gegen seinen Willen nicht in die psychiatrische Abteilung überweisen. Dieses Mal blieb seine Mutter hart: "Wenn Sie ihn nicht aufnehmen, lass ich ihn hier stehen." Ihre unnachgiebige Haltung zeigte den erhofften Erfolg. Max kam in eine Klinik. Seit drei Monaten ist er jetzt dort. Mittlerweile vertraut er den Ärzten und nimmt sogar Medikamente. "Noch vor kurzem wäre das undenkbar gewesen", freut sich seine Mutter. Erstmals seit vielen Jahren sieht sie manchmal Licht am Ende des Tunnels.