Interview

"Man fühlt sich ohnmächtig und hilflos"

Welche Unterstützung gibt es für Familien mit psychisch kranken Kindern? Darüber sprach Daniela Noack mit Marianne Schumacher vom Verein "Angehörige psychisch Kranker" (ApK).

Berliner Morgenpost: Was bedeutet es, ein psychisch krankes Kind zu haben?

Marianne Schumacher: Zu erkennen, dass das eigene Kind erhebliche psychische Probleme hat, löst Scham- und Schuldgefühle aus. Man fühlt sich ohnmächtig und hilflos. Keiner ist wirklich darauf vorbereitet, mit einer solch lebensverändernden Situation für die ganze Familie zurechtzukommen. Am Anfang hofft man, dass durch die entsprechende Therapie schnell die Normalität wieder hergestellt wird. Dann muss man häufig akzeptieren, dass es diese Normalität nicht mehr geben wird. Oft handelt es sich um bereits volljährige Kinder. Damit gibt es ein weiteres Problem: Den Eltern sind die Hände gebunden, weil sie keinen Einfluss mehr auf die Entscheidungen der Kinder haben.

Berliner Morgenpost: Wie reagiert die Umwelt auf Familien mit psychisch kranken Kindern?

Marianne Schumacher: Leider oft mit Ablehnung aus Unwissenheit und Unsicherheit. Viele haben klischeehafte und veraltete Vorstellungen über psychische Erkrankungen.

Berliner Morgenpost: Mit welchen Problemen kämpfen die betroffenen Familien?

Marianne Schumacher: Leider machen viele von uns immer noch die Erfahrung, von Ärzten und Therapeuten nicht einbezogen oder nicht einmal angehört zu werden. Wir wissen, dass es eine Schweigepflicht gibt und die Persönlichkeitsrechte der Erkrankten geschützt werden müssen. Trotzdem halten wir es für sinnvoll, unsere oft jahrelangen Beobachtungen und Erfahrungen mit einzubringen und sind selbst angewiesen auf Unterstützung, Beratung und Information.

Berliner Morgenpost: Wie kann Selbsthilfe helfen? Welche anderen Hilfen gibt es?

Marianne Schumacher: Sich mit Gleichgesinnten auszutauschen über Erfahrungen im Umgang mit den eigenen Schuld- oder Ohnmachtsgefühlen ist enorm wichtig. Es tut gut, verstanden zu werden, ohne sich groß erklären zu müssen, und zu lernen, sich selbst bei all den Belastungen nicht zu vernachlässigen. Außerdem tauschen wir Informationen über die Erkrankung und mögliche Hilfen aus. Darüber hinaus gibt es in den meisten Kliniken Angehörigenberatung und Psychoedukationsgruppen. Die Bezirke bieten Psychoseseminare an. Auch ist es die Aufgabe der Sozialpsychiatrischen Dienste, Angehörige zu beraten.

Berliner Morgenpost: Was muss sich ändern?

Marianne Schumacher: Die Angehörigen sollten in die Behandlung mit einbezogen. Zum Abbau von Vorurteilen sollte die Bevölkerung besser über psychische Erkrankungen informiert werden. Außerdem sollten Hilfsangebote mehr den Bedürfnissen psychisch Kranker angepasst werden. Wer keine Krankheitseinsicht hat und ohne Antrieb ist, wie das oft bei psychisch Kranken der Fall ist, hat Schwierigkeiten Anträge zu stellen oder die notwendige Unterstützung einzufordern. Dass hierbei nicht mehr auf den Erkrankten zugegangen wird, ist für mich eines der Kernprobleme unseres Systems.