Leben im Alter

Sehnsucht nach der Vergangenheit

Nach 50 Jahren in Hessen ist Ingrid Beck zurück nach Berlin gezogen und hat sich hier ein neues Leben aufgebaut

Mit Schwung reißt Ingrid Beck ein Stück der Lärmschutzverkleidung von den Wänden der dicken Röhre, die einmal das Herzstück einer Iljuschin war. Zusammen mit anderen Rentnern und Ehemaligen aus der Luftfahrtbranche restauriert die 58-Jährige auf dem Flughafengelände in Tempelhof das frühere Militärflugzeug für das Berliner Technikmuseum. Noch immer hält sie den Stofflappen in den Händen, als sie erzählt: "Überall habe ich den Stoff abgezogen - von den Rudern, den Landeklappen, jetzt im Innenraum." So etwas wie das Mädchen für alles ist sie hier, die einzige Frau in der Gruppe. Jeden Dienstag treffen sich die Ehrenamtlichen hier. 22 gehören dazu, etwa 15 kommen regelmäßig, um die ausrangierte Iljuschin wieder flott machen. In die Luft wird sie danach nicht mehr gehen, aber doch zumindest rollfertig soll sie in zwei, drei Jahren sein und dann für das Technikmuseum ausgestellt werden. Viel Arbeit liegt vor der Truppe, wie zum Beweis deutet Ingrid Beck auf ein riesiges Knäuel von Kabeln, das aus dem Rumpf der Iljuschin hängt.

Die Arbeit an der Iljuschin war ein Grund, wieso Ingrid Beck vor drei Jahren von einem Dorf im hessischen Ried nach Berlin gezogen ist. Zurück in die Stadt, in der sie vor 58 Jahren geboren wurde.

Mit 55 Jahren hat Ingrid Beck in Hessen ihre Arbeit in der Qualitätssicherung von Verkehrsflugzeugen an den Nagel gehängt. Ihr Mann, 15 Jahre älter als sie und früher Pilot, war bereits in Rente, die beiden Söhne waren aus dem Haus und inzwischen unabhängig. Das Haus ihrer Eltern in Darmstadt konnte Ingrid Beck gut verkaufen, so dass sie finanziell einen gewissen Freiraum hatte. Ein guter Zeitpunkt für einen Neustart. Arbeiten wollte sie, aber selbst bestimmen, was. Auf jeden Fall sollte es mit Flugzeugen zu tun haben. Ein Ehrenamt kam auch in Frage. So erfuhr sie von dem Iljuschin-Projekt und nahm von Hessen aus Kontakt zum Museum für Technik auf.

"Ich will wieder nach Berlin"

Aber noch mehr als die Iljuschin war es ihr Vater, der Ingrid Beck wieder nach Berlin brachte. Als junger Mann hatte er 1952 unfreiwillig seine Heimat Berlin verlassen, weil er als Postbeamter nach Darmstadt versetzt worden war. Bis zu seinem Tod hatte er dort gewohnt, aber die Sehnsucht nach Berlin war geblieben. Wenn der Vater durch Darmstadt radelte, flatterte eine Berlin-Flagge am Fahrrad. In der Wohnung hing ein großer BVG-Plan, es gab Berliner Weiße, im Schrank standen Schultheiß-Gläser. Einfache Gläser mit abgeblättertem Schriftzug, aber für die Familie unersetzlich. Als genug Geld für ein eigenes Haus da war, verputzten die Eltern es gelb, versahen es mit rotbraunen Streifen um die Fenster und pflanzten eine Kiefer davor. Es sah aus wie das Haus, in dem die Mutter in Berlin-Wilmersdorf aufgewachsen war.

Auf dem Sterbebett drückte der Vater fest die Hand seiner Tochter und sagte: "Ich will wieder nach Berlin." Für ihn war es zu spät, aber nicht für Ingrid Beck. "So wie meinem Vater soll es mir nicht eines Tages gehen", sagte sie sich, denn auch sie trug die Sehnsucht nach Berlin in sich. Vielleicht hat sie deshalb immer noch das kleine Etui mit Kamm und Spiegel aus ihrer Kindheit. Der Spiegel ist längst zerkratzt, dem Kamm fehlt manche Zinke, aber wegschmeißen kann sie es nicht - schließlich ist das Berliner Wappen drauf.

Wie Ingrid Beck und ihrem Vater geht es auch anderen: Die Suche nach den eigenen Wurzeln beginnt oft erst im Alter, wenn Beruf und Kindererziehung hinter einem liegen. "Wenn die Fremdbestimmung über das Erwerbsleben vorbei ist, haben Menschen die Chance, ihr Leben neu zu gestalten und sich darauf zu besinnen, was sie eigentlich ausmacht", hat Dörte Naumann vom Deutschen Zentrum für Altersfragen beobachtet, "diese biographische Spurensuche kann auch mal mit einer ganz neuen inneren und äußeren Verortung einhergehen. Manche Senioren sind sogar bereit, noch einmal umzuziehen". Nicht, weil es in der alten Umgebung nicht mehr geht, sondern weil sie sich Wohnwünsche erfüllen wollen. Für Ingrid Beck hieß das: zurück nach Berlin.

Ihr Mann zögerte erst, doch Peter Beck stammte selbst aus Berlin und vermisste das Wasser. "Da brauchte ich nicht viel Überzeugungskraft", erinnert sie sich. Ihr Umfeld aber reagierte erst einmal mit Unverständnis. "'Wie könnt ihr nur?', bekamen wir oft zu hören", erzählt sie. Aber das Paar hat sich nicht beirren lassen.

Am liebsten wollte Ingrid Beck nach Köpenick. Dort hatten die Großeltern gelebt, bei ihnen lebte Ingrid Beck, die damals noch Andriessen hieß, als die Eltern kurz nach der Geburt ihrer Tochter nach Darmstadt zogen. Ingrid konnten sie erst später nachholen, denn eine eigene Wohnung hatten sie die ersten Jahre noch nicht. Die erste Begegnung mit Köpenick nach der Wende war für Ingrid Beck überraschend. "Nichts hatte sich verändert", erinnert sie sich, "die Bäume am Uferweg, die Häuser, alles war noch da, wenn auch ein bisschen verrotteter." Es war eine Reise in die Kindheit, märchenhaft und ein bisschen gespenstisch, "denn im Märchen werden die Menschen im Dornröschenschlaf konserviert und die Umwelt verändert sich." In Köpenick hat sie es umgekehrt erlebt. Die Menschen aus ihrer Kindheit waren nicht mehr da, aber das Straßenbild. Und auch das Wesen der Berliner war geblieben. Ingrid Beck mag deren Direktheit, auch wenn die manchmal ein bisschen schnoddrig ausfällt. Hier sage man gleich, wenn einem etwas nicht passt. "Es war alles so vertraut und ich habe mich willkommen gefühlt", sagt sie.

Begeistert war sie auch, dass es noch all die Dinge gab, die sie als kleines Mädchen so mochte: Der Makronenzwieback, die Waldmeisterbrause, die Bockwurst - "ist zwar heute nicht mehr vom HO, aber der Geschmack ist geblieben". Wenn Ingrid Beck jetzt diese alten Dinge und Orte neu entdeckt, kommen viele Erinnerungen hoch: Wie sie als Kind an den S-Bahnhöfen immer Fassbrause bekommen hat - "die gab es nur auf den S-Bahnhöfen, nicht im HO" und wie sie später mit der S-Bahn Pelzmäntel einer Freundin der Mutter von Ost nach West geschmuggelt hat.

Das S-Bahn-Fahren gehört heute noch zu ihren Lieblingsbeschäftigungen. Vor allem auf der Ringbahn. "Einmal um Berlin herum, das ist das Schönste. Da ist man unter Menschen und sieht viel." Schließlich ist Ingrid Beck auch deshalb nach Berlin gekommen, um etwas zu erleben. Ihre Tage als Frührentnerin sind gut gefüllt: Montags engagiert sie sich in einer Spandauer Grundschule als Lesepatin, abends singt sie im Chor. Dienstags fährt sie zur Iljuschin, manchmal auch mittwochs. Am Donnerstag ist sie oft im Technikmuseum und arbeitet dort ehrenamtlich in der Öffentlichkeitsarbeit. Und manchmal halten ihr Mann und sie dort auch Vorträge zu Themen rund um die Luftfahrt.

Abschied von den Kindern

Ingrid Beck hat ihren Wechsel nach Berlin nicht bereut. Noch mal ein neues Leben anzufangen, zu einem Zeitpunkt, wo sie noch fit und unabhängig ist, sei für sie genau richtig gewesen, betont sie. Empfehlen würde sie es nicht jedem: "Ein Familienmensch, der gern in der Nähe seiner Kinder ist, sollte sich das vielleicht nicht antun." Während viele Senioren die Nähe zu Kindern und Enkeln suchen, hat Ingrid Beck ihre Umzugspläne unabhängig von ihren Söhnen getroffen. "Aber wer weiß, wohin es sie verschlägt?", fragt sie sich.

Die Becks wohnen jetzt in Spandau - Köpenick sei zu teuer geworden. Außerdem wollten sie nicht so weit ab vom Zentrum wohnen, und nicht ohne Anschluss an den ICE, falls doch einmal Sehnsucht nach Hessen aufkommen sollte. Aber in ihren drei Neu-Berliner Jahren blieb das bisher aus. Eher zieht es Freunde aus Hessen oder ihre Söhne nach Berlin.

Dass sich Ingrid Beck in Berlin gleich wieder heimisch gefühlt hat, liegt vielleicht auch daran, wie sie wohnt. Sie hat mit ihrem Mann ein kleines Haus in Wassernähe gekauft. Gelb ist es, und eine Kiefer steht davor. Nur rotbraune Streifen um die Fenster hat es nicht. Dennoch: Ingrid Beck ist zu Hause angekommen.