Pferde

Ein starker Freund zum Liebhaben

Warum nur stehen alle Mädchen so auf Pferde? Weil sie groß und schön sind - und die Kinder zugleich fordern und fördern

Konzentriert zieht Marlene (7) mit dem Gummistriegel weite Kreise auf dem braunen Fell von Nori. Der Wallach hält ganz still und lässt es sich geduldig gefallen. Kaum ist der Staub entfernt, kramt Marlene in der Putzbox nach dem Hufkratzer, hebt den Hinterfuß des Vollblutarabers an und beginnt, den Huf zu säubern. "Das macht Spaß, den Schmutz da rauszupulen", sagt sie und grinst. Ihre Freundin Valentina neben ihr nickt und macht sich an Pferd Zaba zu schaffen. Selbstvergessen kämmt sie die blonde Mähne des Wallachs. Auf den Lippen der Siebenjährigen liegt ein seliges Lächeln.

Marlene und Valentina gehören zu den vielen Mädchen, die am liebsten jede freie Minute im Stall verbringen, wo es nach Heu und Pferden duftet. Für Marlene ist das ein Leichtes: Die Wallache Nori und Zaba gehören ihren Eltern und stehen auf der Reitanlage Paulinenhof in Gohlitz, nicht weit entfernt von der Wohnung der Familie in Potsdam. "Vier Mal pro Woche sind wir hier", sagt Mutter Patricia Wahrig (34). Valentina hat immerhin alle 14 Tage Reitunterricht und verbringt ihre Ferien öfter auf dem Ponyhof. Selbst ihren letzten Geburtstag hat sie auf einer Pferdekoppel gefeiert - mit vielen pferdeverrückten Freundinnen.

Woher kommt sie bloß, diese Begeisterung von Mädchen für Pferde und Ponys? Der Satz "Dort gibt es auch Ponyreiten!" ist bei Mädchen-Eltern ein bewährtes Lockmittel. Schulbedarf und T-Shirts im Pferdedesign sorgen für glänzende Augen, und selbst der ungeliebte Fahrradhelm ist der Renner, wenn er bloß mit Pferdestickern geschmückt ist. Die Statistik stützt den Eindruck: 16 000 Pferdesportler sind im Landesverband Pferdesport Berlin-Brandenburg e.V. organisiert. 40 Prozent der Mitglieder sind unter 18 Jahre - und mehr als 90 Prozent von ihnen weiblich. Vor allem die unter 14-jährigen Mädchen lieben den Sport. Fast 4000 Berliner und Brandenburger Mädchen zwischen sechs und 14 Jahren sind in dem Verein organisiert, jedoch nur 336 Jungen dieses Alters.

Verantwortung übernehmen

Silvia Hemmerling hat für die Leidenschaft eine Erklärung. Sie ist Kommunikations- und Verhaltenstrainerin, Diplom-Psychologin und Reitlehrerin im brandenburgischen Paretz. "Mädchen ist das Thema Beziehung wichtig", sagt sie. "Sie suchen einen starken Freund, dem sie vertrauen können, und da ist das Pferd ein idealer Partner." Man könne sich ohne Worte verständigen, werde so angenommen, wie man sei, und könne sich an das große Tier im wahrsten Sinne des Wortes anlehnen und sich von ihm tragen lassen. Zugleich könne man aber auch viel zurückgeben. "Das Tier zu pflegen und für es Verantwortung zu übernehmen ist sehr wichtig für die Mädchen", hat Silvia Hemmerling beobachtet. "Oft sogar wichtiger als das Reiten selbst." Sie vermute, dass die Mädchen auf diese Weise eine neue, fürsorgliche (Mutter-) Rolle ausprobieren. "Pferde helfen den Mädchen, selbstständig zu werden und sich vom Elternhaus abzunabeln", so Hemmerlings These.

Marlene löst indes lässig den Führstrick vom Anbinder und läuft mit Nori Richtung Reitplatz. Valentina folgt ihr mit Zaba. Die Pferde überragen die beiden bei Weitem, ihre massigen Körper bringen rund das 16-Fache des Gewichts der Mädchen auf die Waage. "Es macht selbstbewusst, wenn sich so ein großes Pferd dahin bewegt, wo man es hinführt", sagt Marlenes Mutter Patricia Wahrig und schaut den beiden hinterher. Mit einem halben Jahr saß ihre Tochter das erste Mal mit ihr zusammen auf einem Pferderücken, mit viereinhalb Jahren forderte sie: "Mama, ich will alleine!" Jetzt kann es ihr gar nicht frei und wild genug sein: Am liebsten, sagt Marlene, möge sie Galopp.

Patricia Wahrig lässt Marlene entscheiden, wann sie reiten will: "Ich will ihr ja nicht mein Hobby aufzwingen", sagt sie. Wohl aber legt die Mutter, die beim Tierschutzverein Potsdam arbeitet, Wert darauf, dass ihr Kind den richtigen Umgang mit Tieren lernt und sie fair behandelt. Zu ihrer Philosophie gehört auch die naturnahe Unterbringung ihrer Pferde in der Offenstallhaltung und ein weitgehend freies Reiten in der Natur - oft auch ohne Sattel. Ihre 20-jährige eigene Reiterfahrung und das enge Verhältnis zu ihren Tieren - Zaba besitzt sie seit 14 Jahren, Nori seit vier Jahren - bestärken sie in dem Vertrauen, dass Marlene und die großen Pferde gut miteinander klar kommen.

Geschichten und Freiheit erleben

Reitlehrerin Silvia Hemmerling befürwortet eine solche Herangehensweise. Auch bei ihr lernen die Kinder nur mit Decke und Gurt oder auf dem nackten Pferderücken reiten. "Das ist nicht gefährlicher als das Reiten mit Sattel", sagt sie. "Im Gegenteil: Auf diese Weise lernen die Kinder ausbalanciert zu sitzen. Und für die Pferde ist es auch schonender." Eine Reiteinheit dauert bei ihr zwei bis drei Stunden. Die Kinder soll Zeit haben anzukommen, sich auf die Tiere einzulassen, ihren Rhythmus zu finden. Gelehrt wird nicht nur das Reiten, sondern auch Pferdepflege und Pferdesprache. Immer wieder macht sie die Kinder auf Interaktionen zwischen ihren zwölf Islandpferden aufmerksam und lässt sie an ihren Erlebnissen mit der Herde teilhaben. "Die Kinder wollen Geschichten rund ums Pferd erleben", ist Silvia Hemmerling überzeugt. Und glaubt, dass Pferdekontakte dieser Art auch vermehrt Jungen ansprechen könnten. "Jungen mögen es, schnell zu reiten wie die Indianer, Abenteuer zu bestehen und sich zu messen", sagt sie. "Warum also nicht mal mit Kostümen durchs Gelände reiten oder mit Pfeil und Bogen auf Heuballen zielen?"

Bereits im Alter von vier Jahren sind erste geführte Kontakte mit Pferden gut möglich. Als Einstieg in das Reiten ist das Voltigieren beliebt, weil es den Gleichgewichtssinn schult. Ab etwa sieben Jahren beginnt üblicherweise der Reitunterricht, der in die verschiedenen sportlichen Disziplinen münden kann: vom Freizeit- und Westernreiten bis hin zum Dressur- oder Springreiten. "Das Reiten ist sehr gut für Psyche und Körper", wirbt Reitlehrerin Silvia Hemmerling für ihren Sport: "Es fördert den Bewegungsdrang, die Grob- und Feinmotorik, die Koordination und nicht zuletzt das Einfühlungsvermögen."

Marlene und Valentina haben ihre heutige Reiteinheit beendet. Spielerisch haben sie die Tiere über den Platz bewegt und trainiert, auf den nackten Pferderücken auch dann die Balance zu halten, wenn Nori und Zaba über leichte Hindernisse stiegen. Zur Belohnung bekommen die beiden Wallache Möhren und Äpfel.

Für die Mädchen war der Sommernachmittag auf dem Paulinenhof Belohnung genug. "Pferde sind groß, stark und schön", schwärmt Valentina auf der Rückfahrt nach Potsdam. "Und den Zauberknoten zum Festbinden, den kann ich jetzt auch ganz alleine." Zurück in ihrem Kinderzimmer unterstreicht sie ihren größten Wunsch auf ihrem Wunschzettel noch dreimal mit roter Farbe: "Ein eigenes Pferd."