Schülerprojekt

Dialog der Generationen

Im Schülerprojekt "Zeitmaschinen bauen" erzählen Senioren aus ihrem Leben - und machen so für die Jugendlichen die deutsche Geschichte lebendig

Seda (15) rückt näher an den Laptop heran. "Schaut mal, da ist die Urkunde über das Bundesverdienstkreuz", sagt sie, während sie auf das Foto auf dem Bildschirm deutet. Fabian und Muhammed (beide 16) schauen ihr über die Schulter. "Schade, dass das Glas des Bilderrahmens so spiegelt", meint Fabian. "So kann man gar nicht richtig erkennen, was auf der Urkunde steht." Muhammed winkt ab und bittet Seda weiterzuklicken. Macht nichts, findet er. Ihr Clip über Cemalettin Cetin, einen türkischen Einwanderer der ersten Stunde, wird trotzdem eine große Sache werden - davon ist er überzeugt.

Seda, Fabian und Muhammed sind Teilnehmer des Projekts "Zeitmaschine bauen!", das das Kreuzberger Archiv der Jugendkulturen e.V. in Zusammenarbeit mit der schweizerischen Internetplattform www.zeitmaschine.tv veranstaltet. Ziel ist es, ein Geschichtsbuch der besonderen Art zu entwerfen, oder, besser: ein umfangreiches, öffentliches Zeitzeugen-Portal im World Wide Web. In einer Projektwoche knüpfen Jugendliche zwischen 14 und 25 Jahren dazu Kontakte mit der älteren Generation, interviewen sie, sammeln historische Fotos und stellen die Ton- und Bilddaten zu einem multimedialen Clip zusammen. Dieser ist auf www.zeitmaschine.tv jedem zugänglich. "Das Tolle an diesem Projekt ist, dass es generationsübergreifend ist", sagt Klaus Farin, Leiter des Archivs der Jugendkulturen. "Und dass die Jugendlichen Erfahrungen machen, die nicht alltäglich sind."

In Kreuzberg haben Jugendliche schon an zwei Themenblöcken gearbeitet: "Berliner Mauer" und "Jugendkulturen". Derzeit basteln sie an Clips zum "Anwerbeabkommen zwischen der Bundesrepublik und der Türkei". Vor 50 Jahren kamen auf Basis des Abkommens die ersten türkischen Gastarbeiter in Deutschland an.

"Jetzt will ich alles wissen"

Sowohl Seda als auch Muhammed haben selbst einen Migrationshintergrund. "Mein Opa ist als türkischer Gastarbeiter hierher gekommen", erzählt Seda, "aber ich habe ihn nie über diese Zeit befragt." "Bei mir ist es genauso", sagt Muhammed. "Aber ich werde das nachholen - gleich jetzt in den Ferien, wenn ich ihn besuche." Vor sechs Jahren sei sein Opa zurück in die Türkei gegangen, erklärt der 16-Jährige. Bei dem Interview mit dem Zeitzeugen Cemalettin Cetin seien ihm viele Fragen gekommen. "Jetzt will ich alles wissen."

Die Leiterinnen des Workshops, Carolin Fast und Claire Waffel, sind über solche Effekte begeistert. Denn sie zeigen, dass es mit dem Projekt gelingt, eine Verbindung zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart zu schaffen - und dass sich die Jugendlichen auf diese Weise Geschichte zu eigen machen. "Das liegt daran, dass es die Schüler mit echten Menschen und Bildern zu tun haben und dass sie aus dem Material selbst praktisch etwas entwickeln", sagt Claire Waffel. Die 33-jährige Künstlerin hat festgestellt, dass auf diese Weise auch das Verständnis für die Sachzusammenhänge steigt. "Zunächst hatten die Jugendlichen beim Stichwort Migration eher an Kriegsflüchtlinge gedacht", sagt sie. "Dass es beim Anwerbeabkommen um ein Wirtschaftsthema geht, war ihnen gar nicht bewusst."

Fabian kam das entgegen. Der Schüler ist nicht nur an Geschichte, sondern auch sehr an Wirtschaft interessiert und will später Betriebswirtschaftslehre studieren. Von dem Workshop erfuhr er wie seine Klassenkameraden im Ethik-Unterricht. Bei der Recherchearbeit im Dreierteam war Fabian für organisatorische Fragen verantwortlich. Muhammed fungierte als Chef-Interviewer, Seda managte die Technik. "Auch in diesem Bereich wird den Jugendlichen viel abverlangt", sagt Carolin Fast, die Visuelle Kommunikation studiert und die Jugendlichen im Projekt betreut. "Sie müssen Fotos machen, ein Aufnahmegerät beherrschen und schließlich am Computer mit einem komplexen Animationsprogramm arbeiten."

Bei diesen Aufgaben unterstützt neben den Teamleiterinnen auch der Erfinder der "Zeitmaschine", Christian Lüthi, die Jugendlichen. "Schau mal, die Quellenangabe bezieht sich auf das Bild davor, das müssen wir noch ändern", rät er einem Jungen und zeigt ihm auch gleich noch, wie man den Ton etwas lauter stellt.

"Es ist wichtig, dass nicht nur der Arbeitsprozess spannend ist", sagt Lüthi. "Auch das Endprodukt muss stimmen und unterhaltsam sein, denn das ist es, worauf die Jugendlichen stolz sind." Lüthi ist ehemaliger Lehrer, Historiker und Medienwissenschaftler und hat in dem Projekt "Zeitmaschine" alle seine Interessen verbunden. Mehr als 100 Clips sind in zwölf Workshops bereits entstanden. Der besondere Charme der "Zeitmaschine" liegt für ihn auch darin, dass die Jugendlichen über das gesetzte Thema einen neuen Zugang zur älteren Generation bekommen. "Man entdeckt gemeinsame Interessen, das verbindet über Gegensätze hinweg", sagt er. Und: "Wenn die Jugendlichen zu den alten Menschen gehen, spüren sie etwa auch, was Einsamkeit ist." Manchmal, erzählt Lüthi, entstehen über den Kurs auch weitergehende Freundschaften zwischen Jung und Alt. Das könnte auch bei Seda, Muhammed und Fabian passieren. Der Besuch bei Cemalettin Cetin hat sie sehr beeindruckt, und sie wollen noch einmal bei ihm vorbeischauen. 1961 kam der heute 80-Jährige als Journalist für türkische Zeitungen nach Deutschland und gründete später ein Integrationsbüro. 1986 wurde er von Richard von Weizsäcker mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. "Er hilft Leuten, die von der Türkei rüberkommen, und unterstützt sie dabei, ihre Wurzeln beizubehalten", erklärt Fabian Cetins Tätigkeit. Muhammed grinst und schlägt ihm auf die Schulter: "Gut erklärt, Alter", sagt er. Er, Muhammed, habe vor allem die Erzählungen über die Berliner Mauer spannend gefunden. "Ich wusste ja nur, dass die irgendwann mal aufgebaut wurde." Seda fand die Schilderungen über das Leben der Gastarbeiter besonders einprägsam. "Unser Zeitzeuge hat uns erklärt, dass die Arbeiter in sehr engen Räumen gewohnt und immer nur gespart haben", sagt sie. Aber gastfreundlich seien die Deutschen immer gewesen, habe Cetin erzählt. So wie er selbst auch: Er servierte dem jungen Besuch Tee und Gebäck.

"Mutig sein, bewegen, gestalten!"

"Ich fand es sehr gut, dass die drei zu mir gekommen sind", sagt Cemalettin Cetin. "Man muss der Jugend nur einen kleinen Anstoß geben, dass sie sich eine Meinung bilden." Warum sie bisher nicht mit ihren eigenen Großeltern über deren Jugendzeit gesprochen haben, erklärt sich der mehrfache Vater und Großvater mit einer gewissen Scheu. Auch in dieser Hinsicht hat er den drei Besuchern eine Botschaft mitgegeben: "Ich habe ihnen gesagt: Sie sollen mutig sein, etwas bewegen und gestalten!"

Dass das Potenzial in ihnen steckt, haben Seda, Fabian und Muhammed beim Workshop bewiesen. "Die Jugendlichen haben sehr selbstständig gearbeitet, es ging fast wie von selbst", bescheinigt ihnen Teamerin Carolin Fast. Und Archivleiter Klaus Farin ist überzeugt, dass das Projekt noch nachklingen wird - bei den Clipmachern selbst wie bei den Zuschauern, die das Zeitzeugeninterview auf Zeitmaschine.tv entdecken werden.

Seda, Fabian und Muhammed jedenfalls wollen am liebsten bald wieder auf eine Reise in die Vergangenheit gehen. "Wenn es wirklich eine Zeitmaschine gäbe, würde ich mich in die Ritterzeit beamen", sagt Fabian. Seda und Muhammed reizt es, auf den Spuren des Propheten zu wandeln und zu prüfen, ob der Koran wirklich so entstanden ist wie in Büchern geschildert. Vielleicht ist zumindest eine Annäherung an diesen Wunsch bald möglich: Weitere Workshops sind geplant.