Trennungskinder

Blind Date mit dem verlorenen Vater

20 Jahre lang verhinderte Annelie Simons Mutter den Kontakt. Die Geschichte einer Annäherung

Foto: Birgitta Kowsky

Annelie Simon war drei Jahre alt, als ihr Zuhause zum Schauplatz eines Rosenkriegs wurde. Die Eltern hatten nach heftigen Streitereien die Scheidung eingereicht. Weil der Vater keine andere Wohnung fand, mussten sie das Trennungsjahr unter einem Dach verbringen. So verliefen die Frontlinien mitten durchs Wohnzimmer. Zu Gesicht bekamen Annelie Simon und ihre ältere Schwester den Vater nicht mehr. Die Mutter verbot den Töchtern, zu ihm zu gehen. Vor Gericht waren Zeiten vereinbart worden, in denen der Vater Bad und Küche nutzen durfte. "Manchmal habe ich durchs Schlüsselloch in sein Zimmer geguckt, um ihn zu sehen", erinnert sich Annelie Simon. Irgendwann war er ganz verschwunden. Ohne Abschied. Bald zog ein neuer Mann ein und fast ebenso schnell wieder aus.

Der Vater wurde zum Phantom in Annelie Simons Leben. Die Mutter schimpfte auf ihn. Er habe sie schlecht behandelt, zahle nicht genug Geld und wolle von seinen Kindern nichts mehr wissen. "Irgendwann habe ich angefangen, ihn zu hassen - und weil mir meine Mutter immer sagte, dass ich genauso schlecht bin wie er, habe ich auch mich gehasst", sagt Annelie Simon.

Was die heute 29-Jährige erlebt hat, wird in der Wissenschaft als PA-Syndrom bezeichnet: "Parental Alienation Syndrom", zu Deutsch: Elterliche Entfremdung. Rund 300 000 Kinder erleben jährlich die Trennung der Eltern. Etwa 40 Prozent davon, so Schätzungen von Väterinitiativen, verlieren danach dauerhaft den Kontakt zum Elternteil, das nicht mehr mit der Familie zusammenlebt. Meist handelt es sich dabei um den Vater.

Manipulierte Kinder

Manchmal sind es die Väter selbst, die sich von den Kindern zurückziehen, oft, wenn sie neue Partnerschaften eingehen. In anderen Fällen sind es die Mütter, die versuchen, die Beziehung der Kinder zum Ex-Partner zu unterbinden. Der amerikanische Kinderpsychiater Richard A. Gardner hat dieses Phänomen 1992 erstmals ausführlich beschrieben. In Deutschland hat unter anderem die Mediatorin Wera Fischer 1998 das Phänomen mit einem Aufsatz bekannt gemacht. Im Gegensatz zu normalen Trennungsprozesse verharre das betreuende Elternteil langfristig in einseitigen Schuldprojektionen, manipuliere damit das Kind und füge ihm damit psychischen Schaden zu, schreibt Fischer darin.

Bei Annelie Simon war das der Fall. Aus dem Kind von damals ist inzwischen eine hübsche Frau mit zarten Gesichtszügen und wasserblauen Augen geworden. Die spindeldünnen Arme zeugen von der Magersucht, mit der sie seit ihrem 17. Lebensjahr immer wieder zu kämpfen hat. Inzwischen esse sie wieder gut, sagt die junge Frau. Dennoch wirkt sie zerbrechlich und verloren- wie ein Vogel, der aus dem Nest gefallen ist. Ihr Studium der Sozialarbeit hat die gebürtige Thüringerin gerade abgebrochen.

"Meiner Mutter ist bis heute nicht bewusst, was sie damals getan hat", sagt sie ganz ruhig. "Ich habe meinen Vater verloren, weil sie ihn so gehasst hat und er nicht in der Lage war, damit umzugehen." Sie zieht Fotos aus ihrer großen gelben Ledertasche, die sie wie ein Schutzschild trägt. Eines zeigt einen jungen Mann in einem Ledermantel im Siebziger-Jahre-Stil. Auf dem Rücken trägt er in einer Art Baby-Rucksack ein kleines Mädchen, Annelies ältere Schwester. Auf einem anderen Bild hält er seine jüngere Tochter an der Hand. Sie ist drei, er blickt sie liebevoll an.

Einmal hat sie ihn in den Jahren nach der Trennung wiedergesehen, da war sie zehn. Er holte sie und die Schwester zu einem Ausflug ab. Aber da war er den Mädchen längst ein Fremder geworden: "Erst hatte ich regelrecht Angst, aber dann war es eigentlich ganz schön." Als die Kinder nach Hause kamen, redete die Mutter das Erlebte schlecht. Danach hörte Annelie nichts mehr vom Vater, bis auf Karten zum Geburtstag, die nie pünktlich kamen.

Mit 19 begann Annelie Simon eine Ausbildung zur Ergotherapeutin. Am Wochenende kehrte sie immer nach Hause zurück, doch die Spannungen mit der Mutter wuchsen. Schließlich brach die Tochter den Kontakt ab. Kurz danach schrieb sie dem Vater einen Brief, den ersten. Es ging um eine Unterhaltsfrage, die Adresse hatte sie von ihrem Anwalt. Am Ende fügte sie ein paar Zeilen hinzu. Sie würde sich freuen, wieder Kontakt zu haben: "Wenn du also Lust und Interesse hast, dann schreibe mir einfach mal." Es klingt wie eine Anfrage für eine Brieffreundschaft mit einem Unbekannten. Einen Monat später kam die Antwort. Er freue sich über die Kontaktaufnahme, schrieb der Vater. Zwischen den Zeilen ist ihm die Überraschung, aber auch ein gewisses Misstrauen anzumerken. Man solle das Ganze langsam angehen lassen. Weitere Briefe, ein Vortasten auf beiden Seiten. Dann bat Annelie um ein Treffen.

An einem Tag im März 2007, über zwanzig Jahre, nachdem der Vater ausgezogen war, trafen sie sich in einem Café. Zwei Fremde, die sich nur von Briefen und alten Fotos kannten. Ein Blind Date zwischen Vater und Tochter. Sie fingen an zu erzählen und hörten nicht mehr auf. "Wir haben drei Stunden nur geredet, geredet", sagt Annelie Simon. Sie erfuhr, dass der Vater Briefe geschrieben hatte, die nie ankamen. Sie erzählte, wie die Mutter regelmäßig die Fassung verlor, wenn sie vom Vater sprach, und dann oft mit einem Schuh auf die Tochter einprügelte. Und dass noch schlimmer die Vorwürfe waren, das Mädchen sei so schlecht wie der Vater und solle verschwinden. Er erzählte, dass er innerlich mit ihr und ihrer Schwester abgeschlossen hatte, als er merkte, dass er gegen die Mutter nicht ankam. Als Annelie Simon nach Hause kam, hat sie geweint: "Es war, als hätte ich einen Teil von mir wiedergefunden."

Der Berliner Filmemacher Douglas Wolfsperger hat einen Film über Väter gemacht, die ihre Kinder nicht oder nur unter großen Mühen sehen dürfen. In "Der entsorgte Vater" erzählen vier Männer von verzweifelten Kontaktversuchen, von Weihnachtsgeschenken, die ungeöffnet zurückkamen, von dem Missbrauchsvorwurf, den eine Mutter gegen den Ex-Mann erhob und der nachweislich falsch war. Die Perspektive der Mütter spart der Film aus. Aber er lässt an einigen Stellen erahnen, dass die Väter-Versionen nur die halbe Wahrheit sind. Etwa wenn einer der Männer sagt, seine Frau habe doch alles gehabt - ein Haus, eine Waschmaschine und all diesen Komfort. Wolfsperger erzählt in dem Film auch seine eigene Geschichte. Seit vier Jahren hat er zu seiner inzwischen 13-jährigen Tochter keinen Kontakt mehr. Mehrfach hat er auf Umgang mit ihr geklagt, vergeblich.

Machtkampf zwischen den Eltern

Immer wieder gehen "entsorgte" Väter an die Öffentlichkeit. Kritiker werfen ihnen vor, dass es ihnen nur um sich selbst, nicht um das Wohl des Kindes geht. Tatsächlich sind die meisten Trennungen mit komplexen Machtkämpfen verbunden, die oft auch über die Kinder ausgetragen werden. Wo das - gesetzlich festgeschriebene - Recht des Kindes auf den Umgang mit beiden Eltern dem Kindeswohl entgegensteht, ist für Gerichte eine heikle Entscheidung. Auch das PA-Syndrom ist in der Wissenschaft umstritten. Der Ulmer Kinderpsychiater Jörg Fegert verweist auf eine fehlende empirische Grundlage; seiner Ansicht nach ist das Syndrom eine Erfindung, die als juristisches Kampfmittel gegen das betreuende Elternteil genutzt werde. Der Düsseldorfer Psychologe Walter Andritzky dagegen warnt vor den Folgen der Entfremdung für das Kind: "Viele der Betroffenen sind später psychisch labil und leiden unter Beziehungsstörungen, weil sie beim Thema Partnerschaft nur Schwarz-Weiß-Bilder im Kopf haben."

Annelie Simon sieht ihren Vater inzwischen alle zwei Monate, für einen Ausflug, zum Mittagessen. Das Foto, das sie bei einem Besuch der Stadt Weimar vor vier Jahren zeigt, hütet sie wie einen Schatz. Beide lächeln, eine Mischung aus Vertrautheit und Scheu. Auch zur Mutter hat die junge Frau wieder Kontakt.

Ein Happy End hat ihre Geschichte dennoch nicht. Noch immer hadert sie damit, dass der Vater damals nicht um sie und ihre Schwester gekämpft hat. "Ich trage bis heute eine total heftige Vater-Sehnsucht in mir." Sie spürt, dass sie ihren Vater damit manchmal überfordert. Es ist eine nicht immer leichte Annäherung zwischen einer erwachsenen Frau, die den Vater ihrer Kindheit wieder haben will, und einem Mann, der zu einer fast Fremden eine Tochter-Beziehung zu entwickeln versucht. Beide wissen, dass sie die verlorenen Jahre nicht zurückbekommen. Aber die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft.

"Irgendwann habe ich angefangen, meinen Vater zu hassen"

Annelie Simon, Trennungskind