Ferien

Mama am Rande des Nervenzusammenbruchs

In den Ferien wollen Kinder Abwechslung und Abenteuer. Eltern wollen ihre Ruhe

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"Fünf Tage noch!", stöhnen die beiden Kleinen und lassen den Ranzen synchron fallen. "Was gibt's zu essen?" Stumm deute ich auf den Topf, in dem Spaghetti brodeln. "Nur noch fünf Tage", ruft der Große aus dem Flur und lässt den Rucksack krachen. Nur einen Moment später knallt die Große die Haustür zu, wirft ihre Tussi-Tasche quer durch die Küche und juchzt: "Fünf Tage noch, dann haben die Sackgesichter Pause!" Es klang vielleicht ein bisschen lahm, mein Echo. "Fünf Tage noch, toll. Geht jetzt mal alle Hände waschen."

Mir bleiben zwei Minuten, mich zu sammeln. Wo ich mich doch gern darüber aufrege, dass Burn-Out etwas ist, das heute jeder hat, wenn er mal ein bisschen geschafft von der Arbeit ist. Ich habe jetzt auch einen und er schwächt mich schon, bevor er wirklich da ist. Noch dazu chronisch! Wenn ich recht überlege, habe ich so was jedes Jahr, wenn die Sommerferien zu Ende gehen, die Freibäder schließen, bei Aldi die Zimtsterne in die Regale geräumt werden und ich dem ersten Schultag entgegensehe wie einst die Jungfer dem Hochzeitstag... Bangend, sicherlich, aber auch mit großen Erwartungen. Zum Beispiel der, dann endlich wieder in Ruhe arbeiten und Geld verdienen zu können, ohne mit Ausflugswünschen ins Schwimmbad, in den Klettergarten, auf eine Fahrradtour malträtiert zu werden. Ohne arbeiten zu müssen, als wenn ich nicht arbeiten müsste. "Wir alle zusammen, Mama!", kräht mein Jüngster mit vollem Mund. "Ey, wie früher!", fällt seine Schwester ein und grapscht nach dem Ketchup. "Das hat dir doch immer so viel Spaß gemacht!", streut der Große einen Anflug von Hohn ins Gespräch, während er betont langsam den Parmesan über die Nudeln raspelt. "Oder willst du uns vielleicht lieber loswerden, damit du deinen Spaß mit deiner Arbeit haben kannst?", ätzt die Große ihre feinziselierten Bosheiten in meine bekennende Liebenswürdigkeit. "Wir könnten ja auch Papa noch mal fragen, ob er uns haben will!" Genüsslich forscht sie in meinem Gesicht nach Spuren des vermeintlichen Einschlagslochs der Granate, die sie da abgeschossen hat. Doch ich bleibe cool. "Und wie gerne er mit euch wegfahren würde! Leider kriegt er keinen Urlaub!", nehme ich den Ärmsten in Schutz.

Meine große Tochter kaut sehr gründlich, schaut mich dabei unverwandt an, schwingt sich zur Sprecherin der Kinderfraktion auf und knurrt: "PC-Schnupperkurs? Indianercamp in der Lüneburger Heide? Gruppen-Kajak mit Team-Coaching im Spreewald? Englisch-Workcamp am Wannsee? Benimm-bei-Tisch-Training im Nobelhotel? Hä?" Sie hebt theatralisch die Hände. "Vergiss' es. Wollen wir alles nicht. Wir wollen einfach chillen und mal wieder was mit dir zusammen machen." Sie bläst eine Haarsträhne aus der Stirn und schaut mich herausfordernd an. Die drei anderen nicken zur Bekräftigung wie Wackeldackel.

Sechs Wochen Zeit satt

Puhh. Nicht dass ich jemals solcherlei teure Ferienbespaßungsmaßnahmen vorgeschlagen hätte oder gar grundsätzlich wundervollen Auslandsreisen mit vielen Kindern abgeneigt wäre. Im Gegenteil: Wenn es finanziell nur für ein Zelt in Brandenburg reichte, würde ich mir nichts beziehungsweise das Beste daraus machen. Sechs Wochen lang Seen umrunden, Kaninchenlöcher entdecken, Heimatmuseen besuchen, Steine sammeln, wilde Minze pflücken und verbotenerweise Fische angeln - ich wäre dabei. Aber von ihren Mitschülern kennen sie solche Familienferien ersetzende Veranstaltungen, die Eltern am Rande des Nervenzusammenbruchs für ihre schulbefreiten Kinder buchen, wenn sie den Luxus genießen, den erschöpfend komplizierten Verhandlungen zum gegenseitigen Ferien-Betreuungs-Sharing aller anderen Eltern entrinnen zu können. Und damit bin ich in den Schwierigkeiten schon mitten drin. Soll ausgerechnet ich als bekennende Pädagogophobin mich, bloß weil ich vierzehn Wochen lang im Jahr in jeder Ecke der Wohnung ein Kind sitzen habe, das auf Abenteuer angespitzt ist, für die Verkürzung der Ferien stark machen? Das bringe ich nicht übers Herz, wenn ich mich an die blassen Nasen, schluffigen Schritte und hängenden Schultern in den letzten Schultagen vor den vielen Ferien der vergangenen Jahre erinnere, als ich noch guten Mutes war und beste Vorsätze hegte, sie alle vier wenigstens im Sommer sechs Wochen lang mit Liebe, Freiheit, Abenteuern zu mästen und ihnen die goldene Erinnerung endlos gedehnter Zeit schenken wollte, die meine Erinnerung an die Sommerferien meiner Kindheit magisch umweht. Sechs Wochen keine Schule, war jemals ein Satz verheißungsvoller als dieser? Sechs Wochen Zeit satt, um endlich das alles ausgiebig tun zu können, was in Schulzeiten zu kurz kommt: Sport, Spiel, Spaß. Dumm nur, dass Fußballvereine, Musikschulen oder sogar Bibliotheken in den fraglichen Wochen gerne schließen. Verständlich wiederum, denn diese Institutionen werden von Erwachsenen betrieben, die gar nicht so selten Kinder haben und alles daran setzen, ihre knappen Urlaubstage mit den üppigen Ferientagen ihrer Kinder zu koordinieren. Erfreulich auch, dass wenigstens die Freibäder in den Sommerwochen nicht schließen.

Sommerferien - wenn ich jetzt nur die Zeit dafür hätte. Oder wenigstens schlau genug gewesen wäre, beizeiten am Netzwerk der gegenseitigen Hilfe überforderter Mütter mitzustricken, wo immer nur eine Hand die andere wäscht und man niemals nie wagen darf, einen gewährten Gefallen ein wenig später, aber nicht jetzt gleich, wenn man's plötzlich schnell braucht, mit Zinsen wieder gut zu machen.

Erziehen einfach mal sein lassen

Oder wenigstens das Geld nicht bräuchte, das ich in der Zeit verdienen müsste, anstatt zu klettern, zu angeln, zu schwimmen und Rad zu fahren, Feuer zu machen und dabei nach Leibeskräften zu lieben, frei zu sein, Abenteuer zu erleben und auch das Erziehen einfach mal sein lassen zu können. Gemeinsame Zeit zweckfrei zu genießen! Am Stück, nicht in dünnen Scheiben à zwei Stunden alle zwei Tage. Wow. Nichts lieber als das. Aber wie?

Von einem dummen System kann man keine intelligenten Lösungen erwarten. Liegt nicht eigentlich da der Fehler bei so vielen guten Absichten? Vielleicht müsste man, anstatt die Ferien der Kinder zu verkürzen, die der Eltern verlängern. Sechs Wochen bezahlte Elternzeit im Sommer, vierzehn im Jahr. Das ist natürlich nur so eine Idee, aber sie könnte sooo viel Stress rausnehmen. Gekommen ist sie mir auf einer der vielen Fahrradtouren, wo es mir hoffentlich wenigstens gelungen ist, Liebe und Aufmerksamkeit zu arrangieren und so zu tun, als ob wir jetzt in diesem Moment alles tun könnten, auch solange wir wollen und wie wir gerade wollen und schon bald nach Freiheit stinken würden (während ich insgeheim Abgabetermine, Rechercheideen und Kontostände jongliere).

Wir fuhren auf kleinen gepflasterten Straßen, die für Kutschen gebaut sind und jetzt von Raketen befahren werden. Das sagt noch nichts Schlechtes über die Kutschen aus und auch nicht über die 200-PS-Geschosse, außer, dass das eben nicht zusammen passt, genau wie die Ferien von Eltern und Kindern oder Männern und Frauen. Wie die Erfordernisse von Familien nicht zu modernen Arbeitsverhältnissen passen! Denn was sagt uns die Zumutung, als arbeitnehmende Eltern mit freien 30 Tagen, als selbstständige mit null Tagen im Jahr, gegen 73 Tage unterrichtsbefreiter Kinder anstinken zu müssen, was praktisch in die kaum lösbare Aufgabe mündet, freilaufende Kinder so organisieren zu müssen, dass sie schöne Ferien haben und man selbst keine Schuldgefühle haben muss? Was sagt uns das über das falsche Leben drumherum, in dem wir unser kleines richtiges einrichten müssen?

Ich denke natürlich auch schon am Sommeranfang über die Herbstferien nach. Da fällt mir ein, dass diese Ferienwochen da, wo ich herkomme, einst Kartoffelferien hießen und dazu da waren, dass die Kinder auf dem Hof bei der Kartoffelernte anpacken mussten. Das muss man sich mal vorstellen: Ferien, in denen die Kinder aus der Schulpflicht entlassen waren. Nicht etwa, um rundherum bespaßt zu werden, sondern um ihren Anteil an der Familienarbeit zu leisten.

Hm, so verkehrt nicht. Ich hätte da so eine Idee...