All Nations Festival

Kinderleben zwischen Berlin und einer fernen Heimat

Heute, den ganzen Sonnabend über, öffnen viele Botschaften und Kulturinstitute, die in der Hauptstadt ihren Sitz haben, ihre Türen. Zum elften Mal laden 28 Vertretungen aus aller Welt die Berliner zum "All Nations Festival" ein.

Von elf bis 18 Uhr bekommt jeder Eintritt, der seinen extra dafür ausgestellten Festivalpass sowie ein echtes Personaldokument vorzeigt. Ist diese Sicherheitskontrolle erst einmal überwunden, bekommen Besucher Einblick in fremde Lebenswelten. Und in die kulturelle Vielfalt Berlins.

Gut möglich, dass der Plausch mit den Diplomaten um das diesjährige Motto "Schule international" kreisen wird. Die Themen Bildung und Multi-Kulti werden oft genug nur im Hinblick auf mögliche Konflikte diskutiert. Zahlen des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg zufolge haben hier immerhin 40 Prozent aller Kinder und Jugendlichen einen Migrationshintergrund, Tendenz steigend. Der Integrationsbeauftragte Günter Piening sieht die Stadt deshalb vor großen Herausforderungen, "um diesen Kindern faire Perspektiven im Bildungssystem bieten zu können." Die Berlin International School in Zehlendorf hat das längst geschafft, sie bietet ideale Bedingungen für Multi-Kulti-Bildung. Was andere als Problem begreifen, ist hier Programm: Knapp 900 Schüler aus 65 Nationen lernen gemeinsam. Basissprache ist Englisch. Die gemeinsamen Ideale heißen Bildung, interkulturelle Aufgeschlossenheit und gegenseitiger Respekt. Die Berliner Morgenpost hat nachgefragt, wie die Schüler und Schülerinnen des Grundschulzweigs diesen Anspruch tatsächlich leben.

Ambreen ist zehn Jahre alt und stammt aus Pakistan. Vor drei Jahren kam sie nach Berlin, "weil Papa bei der Botschaft arbeitet", sagt sie. Das traditionelle Kleid, das Ambreen trägt, hat ihr die Tante aus Pakistan geschickt. "Das ziehe ich gerne bei besonderen Anlässen an. Sonst trage ich, was alle Kinder tragen." Ein guter Anlass ist zum Beispiel das religiöse Eid-Fest, bei dem Freunde und Familie zusammenkommen. Es ist das große Fest des Fasten-Brechens am Ende des Ramadan. "Dann schenkt man sich Geld und geht nachts shoppen. Das ist Klasse!", findet Ambreen. Nicht nur beim Feiern und Schenken wandelt das Mädchen sicher durch zwei Kulturen. "Wir haben vieles aus Pakistan mitgebracht", erzählt sie. Der Koran ist ihr besonders wichtig. Darin lernt sie zu Hause. Die Religion in Berlin findet sie "ganz anders". Wie das Essen. Das pakistanische sei einfach würziger. Chicken Biryani ist ihr Favorit. Ambreen findet es aber gut, dass ihre Mutter die Zutaten in Berlin genauso gut kaufen kann wie in ihrer zweiten Heimatstadt Karatschi. Überhaupt hat Berlin angenehme Seiten: "Die Schule finde ich besser als in Pakistan. Wir haben nette Lehrer und gute Kurse: Tanzen und Schwimmen." Und die Lieblingsfreundin? "Das ist die Frieda aus Deutschland."

Floria hat einen deutschen Pass. "Aber mein Papa ist Amerikaner", erzählt sie. "Und meine Mutter kommt aus Ungarn." Die Zehnjährige kennt sich aus in der Welt. Sie hat eine Bluse in der ungarischen Landestracht an, wie es die Mädchen in der Puszta haben könnten. "Das trage ich öfter", sagt Floria. Warum ihr diese Kleidung so gefällt, darüber macht sie sich keine Gedanken. Vielleicht, weil sie das Kirschmotiv einfach mag. Vielleicht aber auch, weil ihre Wurzeln in Ostungarn liegen. Vor sechs Jahren zog sie nach Berlin. Ihre erste Heimat Debrecen liebt sie wegen der eindrucksvollen Kirche in der Stadtmitte. Ungarn lebt Floria nicht nur mit ihrer Bluse und einer Kirche in der Erinnerung. Zu Hause wird Ungarisch gesprochen. "Und Gulasch ist mein Lieblingsgericht", sagt sie. Essen ist Kultur. Ansonsten lebt Floria das pralle Multi-Kulti-Leben. In der Stadt isst sie gern Currywurst-Pommes. Ihre besten Freundinnen stammen aus Nigeria, China und Argentinien: "Mir ist egal, wo jemand herkommt. Wichtig ist, dass man gut zusammen spielen und reden kann", so das Credo der Zehnjährigen. Sie spricht, wie die meisten an ihrer Schule, der Berlin International School, drei Sprachen. "Manchmal fehlen mir aber ein paar Wörter in der einen oder anderen. Dann muss ich erst mal übersetzen." So global wie ihr ganzes Leben ist auch ihr Musikgeschmack: alles zwischen Boney M. und Big Time Rush. Wo sie leben möchte, wenn sie einmal selbst erwachsen ist - in Berlin oder Ungarn? "Frankreich und Griechenland!", sagt Floria.

Ben ist ein Zugvogel. Geboren wurde er vor zehn Jahren im 12 000-Seelen-Ort Frimley in England. Eingeschult wurde er ein paar Jahre später in Paris in einer British School. Jetzt besucht er im dritten Jahr den englischsprachigen Unterricht in Berlin. Noch in diesem Monat wird er nach England zurückkehren. Ben zieht, wie viele Kinder, Vaters Jobs nach.

Bis jetzt schickte ihm seine Oma aus England regelmäßig ein Stück Heimat hinterher, gerade erst zum Beispiel den Comic "The Beano". Schräge Figuren in lustigen Geschichten. Wenn er an den Umzug denkt, dann freut Ben sich auf ein Land, in dem alle seine Sprache sprechen. "Mein Französisch ist nicht mehr so gut, seit ich Deutsch lerne. Und das ist nicht leicht", sagt er auf Englisch. An England kann er sich nicht so gut erinnern, besser an Paris. Von da stammt auch sein Lieblingsessen: Schnecken. "Sushi ist auch gut." Der Speiseplan ist international. "In Germany everything is gleich lecker", fügt er diplomatisch hinzu. Was er aus Berlin mitnimmt? "Das Legoland am Potsdamer Platz mit der großen Giraffe vor dem Laden. Lego gibt es überall, auch in England." Was für ein Glück. Mit dem Schulwechsel wird das nicht so leicht. "Ich werde meine Freunde vermissen. Die kommen aus Schweden, Sambia und Singapur", sagt Ben. "Und die Schule. Das britische System ist härter. Mehr Fächer. Und Uniformen. Warum Uniformen? Die sind kratzig."

Ratapol kam vor drei Jahren aus Thailand nach Deutschland. Im Oktober geht es zurück. "Das ist ein wirklich langer Flug", sagt er und schaut bei dem Gedanken müde drein. An Berlin wird Ratapol sich gern erinnern, wenn er zurück nach Bangkok zieht. "Die Menschen hier gehen viel respektvoller mit ihrer Stadt um. In Bangkok ist alles vermüllt", sagt er. Der Neunjährige kann Berlin mit der Sieben-Millionen-Metropole, in die er bald fliegen wird, aus persönlicher Erfahrung vergleichen. "Und ich hätte gerne noch mal den Schnee erlebt. Thailand ist immer sehr heiß", schließt er den Städtevergleich ab, bei dem Berlin und auch der Unterricht hier gut abschneiden: "Die Schule hier ist viel besser. In Thailand hat man jeden Tag viele Hausaufgaben. Und hier sind die Lehrer und Schüler sehr nett." Trotzdem lebt die Familie von Ratapol auch in Deutschland ein Stück Heimat. Gekocht wird zu Hause Thai: "Reis mit Schweinefleisch esse ich am liebsten, aber Currywurst und Pommes sind auch gut." Das Neujahrsfest Waterday, bei dem sich alle gegenseitig nass spritzen, klingt aus seinem Mund deutlich lustiger als die weihevolle Stimmung am Heiligen Abend, die hierzulande im Durchschnitts-Wohnzimmer herrscht oder herrschen soll. Ein paar Dinge kann Ratapol über die Kontinente retten. "Gregs Tagebuch" wird er unter dem Titel "Diary of a Wimpy Kid" weiter lesen und R.E.M. hört man ja ohnehin weltweit. Von seinem Lieblings-Fußballklub Liverpool wird ihn die Hymne begleiten: "Youll never walk alone." Die mag er.

Erics Wurzeln reichen bis nach Bali. Sein Vater stammt aus Berlin, seine Mutter von der fernen Insel, die zu Indonesien gehört. Jeden Sommer fliegt der Neunjährige um die Welt zu seinen Freunden im tropischen Teil des Globus'. Fremdeln muss er da nicht, denn zu Hause sprechen alle Englisch, Deutsch und Indonesisch: "Manchmal spricht Mama Indonesisch, wenn sie schimpft." In der Wohnung beschützen Holzfiguren die Familie gegen böse Geister. Auch sonst ist es Eric wichtig, an einem sicheren Ort zu sein und in die Schule zu gehen. Hier gefällt ihm, "dass es so international ist. Viele meiner Freunde kommen aus Afrika. Auf Bali ist das ganz anders. Alle kommen aus Bali." Die Insel hat dafür andere Vorzüge. Immer schön warm, und die asiatische Küche schmeckt wie das, was auch die Mutter zu Hause in Berlin kocht. Was es auf Bali nicht gibt, was in Berlin richtig gut ist? "Currywurst mit Pommes!"

Jenny ist kein typisch chinesischer Name. Die Zehnjährige ist in Berlin geboren, ihr Name schon Teil der Globalisierung - überall aussprechbar. Dennoch ist sie tief mit dem Reich der Mitte verbunden. Ihre Eltern betreiben asiatische Restaurants und Supermärkte in der Stadt. Zu Hause wird Chinesisch gesprochen und gekocht. "Mama kocht auch manchmal deutsch, wenn Freunde kommen. Aber chinesisch kann sie besser", meint Jenny, die geschmacklich eher auf Sushi setzt, obwohl das natürlich japanisch ist und nicht chinesisch. Gegessen wird jedenfalls mit Stäbchen. Der Fernseher empfängt sowohl deutsche als auch chinesische Programme. Mit den Freunden spricht Jenny Deutsch, in der Schule Englisch. Auch wenn diese beiden Sprachen manchmal etwas durcheinander gehen, im Schlaf sortiert sich alles. Jenny träumt auf Deutsch.

Zwischen den Welten zu leben empfindet sie als Bereicherung. "Wir haben zwei große Feste: Weihnachten und chinesisches Neujahr. Es gibt immer viel Leckeres zu essen, Freunde kommen, ich kann lange aufbleiben - und es gibt zweimal Geschenke." Auch Jenny hat vergleichen gelernt. "Wir fliegen im Sommer immer nach China zu Oma und Opa. Das Leben da ist ganz anders. In China sind viel mehr Menschen. In Berlin viel mehr Bäume, alles ist sauberer und schöner."

Wie es sich als Kind mit deutschen Wurzeln unter so vielen "Kindern nichtdeutscher Herkunft", wie es im Beamtenjargon heißt, lebt? Jennys Freundin Isabella ist neun, sie findet: "Es ist nicht immer einfach, die Sprachen auseinander zu halten." Von den anderen lernt sie auf dem Pausenhof das eine oder andere exotisch klingende Wort. Sie sagt: "Jenny hat mir auch ein bisschen Chinesisch beigebracht, aber das habe ich schnell wieder vergessen." Multikultileben in Berlin - bei den Kindern funktioniert es.