Kreative Freizeit

Nach dem Unterricht ins Labor des Lebens

Statt Fernsehen und Nintendo: Wie Schulen und Eltern Nachmittagsangebote für die Kinder organisieren

Foto: Marion Hunger

Das Schuljahr ist fast beendet, die Ferien stehen vor der Tür. Und die Schülerinnen und Schüler können nicht nur auf Lernerfolge aus dem Unterricht zurückblicken, sondern auch auf jede Menge weitere Erfahrungen, die sie gesammelt haben. Ob Seidenmalerei, Kochen oder Trommelkurs: Immer mehr Schulen bieten solche oder andere Kurse neben dem Pflichtunterricht an. Die Zusatzangebote machen nicht nur Spaß. Sie fangen oft auch das auf, was der normale Schulbetrieb nicht leisten kann. Denn statt pädagogisch wertvoll betreut oder gefördert zu werden, hängen viele Kinder nachmittags in der Luft, weil an den Schulen Lehrer und Betreuer für AGs oder Sportgruppen fehlen. Auch deshalb werden für die Kurse zunehmend externe Dienstleister engagiert.

Was solvente Eltern dankbar annehmen und zum Teil sogar selbst in die Wege leiten, kann für weniger Betuchte zum Problem werden. Denn die Höhe der Kosten, die Eltern für die Zusatzförderung ihrer Kinder aufbringen müssen oder können, variiert stark. So bieten Sportvereine Bewegungsspiele oft schon für wenige Euro im Monat an, wohingegen Unterricht von der Musikschule meist kostspielig ist.

An Schulen wie der Zehlendorfer Quentin-Blake-Grundschule sieht man aber keine andere Möglichkeit. "Weil das Ganztagsschulprogramm den Kindern zu wenig sinnvolle oder kreative Betreuungsaktivitäten bietet, sehen sich Lehrer und Eltern manchmal gezwungen, kostenpflichtige Aktivitäten von externen Anbietern im Rahmen des Ganztagsbetriebs zwischen acht und 16 Uhr stattfinden zu lassen", sagt Lehrer Steven Lange. Laut Schulgesetz ist das eigentlich nicht erlaubt. "Veranstaltungen im Rahmen des Lehrplans und des gebundenen Ganztagsbetriebs müssen unentgeltlich sein", sagt die Sprecherin der Senatsschulverwaltung, Beate Stoffers. Das schließe aber im Einzelfall nicht aus, dass freiwillige kostenpflichtige Veranstaltungen außerhalb des Pflichtunterrichts parallel zum Ganztagsbetrieb angeboten werden. Auch für Kinder hat das Vorteile: "Externe Angebote ersparen den Kindern zusätzliche Fahrwege", sagt Günther Wessel von der Gesamtelternvertretung der Schmargendorfer Judith-Kerr-Grundschule.

Petra Schrader (Die Linke), Schulstadträtin von Mitte, hält kostenpflichtige Zusatzangebote im Rahmen des Ganztagsschulprinzips für höchst kritikwürdig. Hier würde die Chancengleichheit durch die Hintertür unterlaufen. Diese dürfe nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängen. Das findet auch Lehrer Lange: "Die Verantwortlichen, die sich mit der Ganztagsschule schmücken, sind gefordert, ein vernünftiges Freizeitprogramm zu ermöglichen." Das gehöre doch dazu.

Dass es kostengünstig geht, zeigt die Kreuzberger Fichtelgebirge-Grundschule. In Rahmen eines Kunstprojekts, das aus EU-Mitteln gefördert wird, haben die Kinder gerade mit Künstlern die Fliesen der Schulflure mit Tier- und Weltraummotiven bemalt. In der Nachmittagszeit bieten Erzieher Sport, Bauen, Theater und kreatives Gestalten an. Dazu gibt es kostenlose AGs wie Fußball und Musik. Für Gitarren- und Englischkurse müssen fünf Euro im Monat gezahlt werden. Die Summe sei in Ordnung, findet Konrektor Enno Ebbert, zehn bis 20 Euro pro Monat aber halte er für grenzwertig.

Grenzwertig ist das Preisgefüge jedoch auch für die Dozenten: "Für 90 Minuten AG können die Schulen oft nur ein Honorar von etwa zwölf Euro bezahlen", sagt Astrid Aha, Leiterin des Jugendkultur-Netzwerks, in der Kreative als Kursleiter für Schulen und Freizeiteinrichtungen organisiert sind. Aha hält ein Mindesthonorar von 25 Euro pro Stunde für angemessen. Für die Teilnehmer sollten die Kurse kostenlos sein, "damit alle teilnehmen können."

Eltern von Europa-Schulkindern sind da andere Preise gewöhnt. Zwar kommen die Kinder in den Genuss einer zweisprachigen Schulausbildung, doch die häufig zusätzlich beschäftigten muttersprachlichen Erzieher kosten extra. Im Schnitt pro Kind 30 Euro im Monat, an der deutsch-französischen Judith-Kerr-Schule sogar 60 Euro. Dafür werden viele Aktivitäten in der Nachmittagszeit angeboten: Theater, Trommeln, Kochen, Naturwissenschaften, Seidenmalerei, Sport. Dazu kommen externe Angebote wie Ballett und Basketball, für die die Teilnehmer rund 20 Euro pro Monat berappen müssen. Eltern, die da nicht mithalten können, geraten schnell unter Druck.

Den Kindern ist das eher egal. Wenn es nach ihnen ginge, blieben viele in der ohnehin knappen freien Zeit lieber im Pausenhof oder auf dem Sportplatz. Es sei denn, es wird etwas wirklich Spannendes geboten. Die Morgenpost stellt drei Projekte vor, die viele Fans gefunden haben - und die zeigen: Tolle Angebote müssen nicht teuer sein.

"Ein vernünftiges Freizeitprogramm gehört doch einfach dazu"

Steven Lange, Lehrer