Nachmittags-Angebote

Spielend lernen: Nach dem Unterricht in den Forscherkurs

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Daniela Noack

Damit ihre Kinder in der Schule auch in den Nachmittagsstunden gut betreut und gefördert werden, engagieren Eltern zunehmend externe Dienstleister

ASeidenmalerei, Kochen, Trommelkurs - immer mehr Schulen bieten solche oder andere Kurse neben dem Pflichtunterricht an. Die Zusatzangebote machen nicht nur Spaß, sie fangen oft auch das auf, was der normale Schulbetrieb nicht leisten kann. Statt pädagogisch wertvoll betreut oder gefördert zu werden, hängen viele Kinder am Nachmittag in der Luft, weil an ihren Schulen Lehrer und Betreuer für AGs oder Sportgruppen fehlen. Auch deshalb werden für die nachmittäglichen Kurse zunehmend externe Dienstleister engagiert.

Was solvente Eltern dankbar annehmen und zum Teil sogar selbst in die Wege leiten, kann für weniger Betuchte zum Problem werden. Denn die Höhe der Kosten, die Eltern für die Zusatzförderung ihrer Kinder aufbringen müssen oder können, variiert mitunter stark. So bieten Sportvereine Bewegungsspiele und ähnliches oft schon für wenige Euro im Monat an, wohingegen Gitarrenunterricht von der Musikschule meist kostspielig ist. An Schulen wie der Zehlendorfer Quentin-Blake-Grundschule sieht man aber keine andere Möglichkeit. Lehrer Steven Lange sagt: "Weil das Ganztagsschulprogramm den Kinder zu wenig sinnvolle oder kreative Betreuungsaktivitäten bietet, wie vollmundig von der Politik versprochen, sehen sich Lehrer und Eltern manchmal gezwungen, kostenpflichtige Aktivitäten von externen Anbietern im Rahmen des Ganztagsbetriebs zwischen acht und 16 Uhr stattfinden zu lassen." Laut Schulgesetz ist das eigentlich nicht erlaubt. "Veranstaltungen im Rahmen des Lehrplans und gebundenen Ganztagsbetriebs müssen unentgeltlich sein", sagt die Sprecherin der Senatsschulverwaltung, Beate Stoffers. Das schließe aber im Einzelfall nicht aus, dass freiwillige kostenpflichtige Veranstaltungen außerhalb des Pflichtunterrichts parallel zum Ganztagsbetrieb angeboten werden.

Und so gewinnt Bildung in Form von Zusatzangeboten immer mehr an Bedeutung. Auch für Kinder hat das Vorteile: "Externe Angebote ersparen den Kindern zusätzliche Fahrwege", findet Günther Wessel von der Gesamtelternvertretung der Schmargendorfer Judith-Kerr-Grundschule. Hinzu kommt, dass viele Eltern die Erziehungsarbeit lieber Experten überlassen.

Fördervereine finanzieren Sprachkurse

Es gibt aber auch kritische Stimmen. Petra Schrader (Die Linke), Schulstadträtin von Mitte, hält kostenpflichtige Zusatzangebote im Rahmen des Ganztagsschulprinzips oder gar während der Unterrichtszeit für höchst kritikwürdig. Hier würde die Chancengleichheit quasi durch die Hintertür unterlaufen. Diese dürfe nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängen. Das findet auch Lehrer Steven Lange: "Die Verantwortlichen, die sich mit der Ganztagsschule schmücken, sind auch gefordert, ein vernünftiges Freizeitprogramm zu ermöglichen." Der Konrektor der Kreuzberger Fichtelgebirge-Grundschule, Enno Ebbert, stimmt dem zu: "Die Angebote einer öffentlichen Schule sollten allen Kindern zugute kommen", sagt er. Er berät sich an seiner Schule im Team, welche kostenlosen externen Angebote ins Konzept passen und in den Unterricht integriert werden können, zum Beispiel aus EU-Mitteln geförderte Kunstprojekte. In diesem Rahmen haben die Kreuzberger Kinder gerade mit Künstlern die Fliesen der Schulflure mit Tier- und Weltraummotiven bemalt, die dann in der hauseigenen Tonwerkstatt gebrannt wurden.

In der Nachmittagszeit bieten Erzieher an der Fichtelgebirge-Grundschule nun etliche Kurse zu den Themen Sport, Bauen, Theater und kreatives Gestalten an. Dazu gibt es kostenlose AGs wie Fußball und Musik. Eine von Eltern angebotene Basketball-AG in der benachbarten Hunsrück-Grundschule ist ebenfalls kostenlos. Für Gitarren- und Englischkurs muss hingegen gezahlt werden: Fünf Euro zahlen die Kinder dafür im Monat. Die Summe sei in Ordnung, findet Konrektor Ebbert, zehn bis 20 Euro pro Monat aber halte er für grenzwertig. "Für 90 Minuten AG können Schulen wegen ihres knappen Budgets oft nur ein Honorar von etwa zwölf Euro bezahlen", sagt Astrid Aha, Leiterin des Jugendkultur-Netzwerks, in der professionelle Kreative als Kursleiter für Schulen und Freizeiteinrichtungen organisiert sind. Aha dagegen hält ein Mindesthonorar von 25 Euro pro Stunde für angemessen. Für Teilnehmer sollten die Kurse kostenlos sein, "damit alle Kinder teilnehmen können." Sie sucht deshalb nach Fördergeldern.

Die Eltern der Europa-Schulkinder sind da gepfeffertere Preise gewöhnt. Zwar kommen die Kinder in den Genuss einer zweisprachigen Schulausbildung - kostenlos. Doch über die von Eltern finanzierten Fördervereine werden an den meisten Europa-Schulen in Berlin für den Fremdsprachenunterricht zusätzlich muttersprachliche Erzieher beschäftigt. Dafür zahlen die Eltern im Schnitt 30 Euro im Monat. An der deutsch-französischen Judith-Kerr-Schule belaufen sich die monatlichen Ausgaben sogar auf 60 Euro. Dafür wird eine Reihe von Aktivitäten in der Nachmittagszeit angeboten: Es gibt eine Theater-AG, eine Trommelgruppe, Kochen, Kurse zum Thema Naturwissenschaften, Seidenmalerei und Sport. Dazu kommen externe Angebote wie Ballett und Basketball, für die die Teilnehmer rund 20 Euro pro Monat berappen müssen. Kosten in dieser Höhe, so empfinden es manche, seien im Grunde eine Sonderform des Schulgeldes, das Eltern, die ihre Kinder auf eine der begehrten Schulen gehen lassen wollen, zahlen müssen. Wer sich das nicht leisten kann, muss seine finanziellen Verhältnisse Behörde und Förderverein offen legen, um Beihilfe zu bekommen. Eltern, die da nicht mithalten können oder wollen, geraten schnell unter Druck.

Die meisten Kinder können die Aufregung der Eltern allerdings gar nicht verstehen. Wenn es nach ihnen ginge, blieben viele in der ohnehin knappen freien Zeit lieber im Pausenhof oder auf dem Sportplatz. Es sei denn, es wird etwas wirklich Spannendes geboten. Die Morgenpost stellt drei Projekte vor, die viele kleine Fans gefunden hat - und große noch dazu. Denn unsere Beispiele zeigen auch: Tolle Angebote müssen nicht teuer sein.