Pflegemutter

"Ich würde für die beiden kämpfen wie eine Löwin"

Ihre eigenen Töchter waren aus dem Haus, ihr Berufsleben beendet. Da nahm Erika Posehn noch einmal zwei Pflegekinder auf

An der Haustür gibt es keinen Klingelknopf. Aber den braucht Erika Posehn auch nicht. Wenn Gäste kommen, dann spürt sie das und öffnet. Vielleicht ist das typisch für ihr Leben: Sie hat die Tür zu ihrem Haus in Rudow schon oft weit geöffnet. Für Kinder. Kinder mit Behinderungen, Kinder, die vernachlässigt waren, Säuglinge, die mit wenigen Monaten schon das ganze Spektrum an Misshandlung und Gewalt erlebt hatten. All diese Kinder kamen als Pflegekinder zu Erika Posehn, alle kamen durch diese Tür. Und blieben. Für einige Wochen, für ein paar Monate, manche blieben Jahre. So gründete die ehemalige Kinderkrankenschwester mit 55 Jahren eine zweite Familie.

Die Schwestern Janine (8) und Sarah (6) sollten eigentlich nur für zwei Monate zur Kurzzeitpflege zu ihr. Aus den zwei Monaten wurden zwölf Jahre. Und aus den Mädchen sind mittlerweile junge Frauen geworden, die das Haus von Erika Posehn bald verlassen werden.

Dabei ist es nicht so, dass Erika Posehn nicht schon eine Familie gehabt hätte oder dass ihr Leben langweilig gewesen wäre. Sie hatte zwei eigene Töchter, Ivonne und Sonja, heute 42 und 38 Jahre alt. Dann ihren Job als Krankenschwester auf einer Station für behinderte, vernachlässigte und chronisch kranke Kinder im Krankenhaus am Mariendorfer Weg. Ihr Beruf war es, der sie zu den Pflegekindern führte. Aus dem Krankenhaus brachte sie eines Tages Christian mit nach Hause. Das war im Jahr 1978. Eigentlich sollte der Säugling nur den Sommer über bleiben, um sich zu erholen, aber am Ende war unklar, wohin er anschließend sollte. In seine Familie konnte der leicht behinderte Junge nicht zurück, seine Eltern waren nicht in der Lage, sich um ihn zu kümmern. Christian krallte sich an Erika Posehn fest, schrie, wenn sie ihn ablegte. Also blieb er bei ihr. Als er fünf Jahre alt war und ihre Töchter neun und 13 Jahre, starb Erika Posehns Mann. Nun war sie alleinerziehend, auch das eine neue Herausforderung.

500 Pflegekinder suchen Zuhause

Aber Erika Posehn stellte sich und machte weiter. Arbeitete Vollzeit als Stationsschwester, kümmerte sich um ihre nunmehr drei Kinder - und nahm sogar weitere Pflegekinder auf. "Gefühlt Tausende", sagt die heute 67-Jährige lachend, und ihre Tochter Sonja ergänzt: "Mindestens!" Eifersucht haben Ivonne und Sonja den Pflegekindern gegenüber nie empfunden, sagt Sonja: "Nein, ich sehe das eher als Bereicherung in meinem Leben." Sie seien ganz selbstverständlich mit den Pflegekindern aufgewachsen.

Irgendwann wurde Erika Posehn das alles wohl doch zuviel. Im Sommer 1999 bekam sie einen Schlaganfall. Es war klar: Sie musste ihr Leben ändern. Ihre gesamte rechte Körperhälfte war beeinträchtigt, aber sie kam schnell wieder auf die Beine. "Ich bin ein Stehaufmännchen", sagt sie. In ihren Beruf aber konnte sie nicht mehr zurück. Zu anstrengend, zu verantwortungsvoll, hieß es. Erika Posehn war mit 55 Jahren plötzlich berufsunfähig und Rentnerin. "Meine Arbeit war doch meine Familie gewesen, und plötzlich wurde ich nicht mehr gebraucht. Ich sackte in eine Depri-Phase", erinnert sie sich. Doch keine zwei Monate später rief das Jugendamt an: Zwei Mädchen bräuchten eine Kurzzeitpflege, ob sie könnte. Erika Posehn zögerte. Dann sagte sie doch zu. So kamen Janine und Sarah zu ihr. Zwei Menschen, die sie brauchten.

Es gibt viele Kinder wie Janine und Sarah - und zu wenige Pflegeeltern wie Erika Posehn. "Für 500 Kinder suchen wir jedes Jahr Pflegeeltern", sagt Ellen Hallmann von der gemeinnützigen Organisation "Familien für Kinder", die in Berlin für die Vermittlung zuständig ist. In Berlin leben etwa 2700 Kinder in Pflegefamilien. Als Pflegeeltern geeignet sei grundsätzlich jeder, so Hallmann, der genug Zeit und Raum für ein Pflegekind hat. An die erste Begegnung mit Erika Posehn erinnern sich die Schwestern noch genau. Janine und Sarah wollten nicht. Sie waren zuvor schon einmal ein paar Wochen lang in einer Familie gewesen, als ihre Mutter zum ersten Mal einen Alkoholentzug machte. Keine gute Erfahrung: "Die waren überhaupt nicht nett zu uns, wir mussten Sachen essen, die wir nicht mochten, wir mussten Dinge tun, die wir nicht wollten." Die Mädchen waren skeptisch, aber die Alternative hieß Heim, das fanden sie noch schlimmer. So saßen sie sich also gegenüber, im Wohnzimmer von Erika Posehn. Die Schwestern waren mit ihren Großeltern, ihrer Mutter und ihrem kleinen Halbbruder Jerome gekommen. Die Mutter war nicht recht bei der Sache, Klein-Jerome fiel erst einmal die Treppenstufen herunter, trotzdem bewahrte Erika Posehn Ruhe. Den Mädchen gefiel das, und Erika Posehn gefielen die Mädchen, nur nicht deren Haare, "die waren furchtbar ungepflegt". Erst als Janine und Sarah ein paar Tage später bei ihr eingezogen waren, sah sie: Die Köpfe der Mädchen waren voller Läuse.

Aber auch das bekam Erika Posehn schnell in den Griff. Die Mädchen und die Pflegemutter wuchsen schnell zu einer Familie zusammen. "Obwohl ich oft an meine Grenzen kam", erinnert sich Erika Posehn. Wenn Sarah einen ihrer Bockanfälle hatte, oder wenn Janine versuchte, in der Spüle Nudeln zu kochen. Kinder von Alkoholikern müssen sich selbst versorgen. Bei Erika Posehn mussten sie umdenken, hier war wieder jemand für sie da. Und hier wurden die Nudeln auf dem Herd gekocht. Erika Posehn sagt heute, sie sei streng gewesen. Als Alleinerziehende habe man andernfalls keine Chance. Und einiges sei ihr mit den Jahren auch auf die Nerven gegangen: "Zum Beispiel, als ich zum fünften Mal Elternabende besucht habe und es immer um die gleichen Dinge ging."

"Mein Leben sind die Kinder"

Manchmal habe sie sich auch einfach zu alt gefühlt, hatte Zweifel, ob sie alles richtig macht mit der Erziehung. Zwischen ihren Pflegekindern Janine und Sarah und ihren eigenen Kindern lagen immerhin 20 Jahre. "Manche haben mich auch für eine verrückte Alte gehalten - mit 55 Jahren noch einmal zwei kleine Kinder aufzunehmen..." Wobei: Einen Vogel hatte Erika Posehn im wahrsten Sinne des Wortes: Ein Graupapagei war ihr vor 13 Jahren zugeflogen. Aber sie wusste immer, dass es das Richtige war, die Mädchen aufzunehmen. Kinder sind der Mittelpunkt ihres Lebens.

Manchmal habe sie es aber auch schade gefunden, dass sie nur wenig Anschluss zu anderen Müttern hatte, "die waren ja manchmal kaum älter als meine Töchter!" Janine und Sarah sahen das aber immer anders. "Erika ist doch für ihr Alter total cool", finden sie. Die wiederum sieht den Grund dafür bei ihren Mädchen. Die zwei jungen Damen hätten sie auf Trab und damit fit gehalten. "Ich weiß über die ganzen neuen Sachen Bescheid und kenne mich bestens am Computer aus", sagt Erika Posehn. Sie ist sogar auf Facebook aktiv. Wie selbstverständlich hat sie auf ihrem Profil Sarah und Janine als ihre Töchter angegeben: "Für die beiden würde ich wie eine Löwin kämpfen, nicht anders als für meine leiblichen Töchter." Sarah und Janine empfinden Erika Posehn als ihre Mutter, auch wenn sie sie nicht 'Mama', sondern beim Vornamen nennen.

Zu ihrer leiblichen Mutter haben die beiden keinen Kontakt mehr. Einmal hat Janine sich mit ihr in der Praxis ihrer Psychologin verabredet: "Da konnte ich all meine Fragen stellen." Ein gutes Gefühl, aber dabei sei ihr auch klar geworden, wo ihr Zuhause ist - bei ihrer Pflegemutter. Diese Sicherheit nimmt sie jetzt auch mit in die USA, wo sie ein Jahr als Au-pair-Mädchen arbeiten will. Sarah macht im kommenden Jahr ihr Abitur, danach wird auch sie flügge werden. "Aber die beiden behalten erst mal noch ihr Zimmer", beruhigt Erika Posehn sie. Und ein bisschen auch sich selbst. Denn auch für Erika Posehn wird es nicht leicht werden, allein in dem Haus in Rudow. Hin- und hergerissen sei sie, wenn sie daran denkt. Einerseits freue sie sich darauf, endlich mal Ruhe zu haben. Mehr Zeit für ihre drei Enkelkinder und ihre Freunde. Zugleich bereite ihr das Alleinsein Angst. Auch ihre Töchter haben Zweifel, ob die Zäsur gut sein wird: "Sie braucht den Trubel um sich herum."

Aber da ist die Gewissheit: "Immer wenn ein Lebensabschnitt zu Ende ging, passierte etwas Neues in meinem Leben." Warum sollte das jetzt anders sein?