Interview

"Das Tempo beim Kennenlernen sollte das Kind bestimmen"

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Ellen Hallmann von "Familien für Kinder" erklärt, wie Pflegekinder und Pflegeeltern zueinander finden.

Berliner Morgenpost: Welche Voraussetzungen müssen Pflegeeltern erfüllen?

Ellen Hallmann: Erst einmal müssen formale Kriterien erfüllt sein: Das polizeiliche Führungszeugnis muss in Ordnung sein, die Pflegeeltern müssen gesund sein und sie sollten ein Einkommen nachweisen können.

Ellen Hallmann: Grundsätzlich kann jeder Pflegeeltern werden: Paare, auch gleichgeschlechtliche, Alleinerziehende, Kinderlose. Für die Kurzzeitpflege gibt es keine Altersbeschränkung, in der Dauerpflege gilt: Wenn das Pflegekind 18 Jahre alt ist, sollten die Pflegeeltern nicht älter als 63 Jahre alt sein. In begründeten Fällen gibt es aber auch Ausnahmen wie bei Erika Posehn.

Berliner Morgenpost: Was ist der Unterschied zwischen Kurzzeit- und Dauerpflege?

Ellen Hallmann: Die Kurzzeitpflege ist für akute Krisenfälle vorgesehen, also wenn ein Kind für eine Übergangszeit untergebracht werden muss. Die Kurzzeitpflege sollte nicht länger als ein Vierteljahr, maximal ein halbes Jahr dauern. In der Dauerpflege leben die Kinder dauerhaft in einer Pflegefamilie. Davor findet eine langsame Anbahnung zwischen allen Beteiligten statt, ähnlich wie bei der Eingewöhnung in die Kita.

Berliner Morgenpost: Wie sieht diese Eingewöhnung aus?

Ellen Hallmann: Ganz wichtig ist, dass Eltern und Pflegeeltern nicht in Konkurrenz zueinander treten, sondern dass sie sich mit gegenseitiger Wertschätzung begegnen, darum organisieren wir es so, dass sich die beiden erst einmal kennenlernen, bevor das Kind dazukommt. Das Kind wird dann nach und nach mit Besuchen in die Pflegefamilie eingeführt, das Tempo sollte dabei das Kind bestimmen.

Berliner Morgenpost: Die Kinder haben meist viel Negatives erlebt. Können Pflegeeltern überhaupt abschätzen, was da auf sie zukommt?

Ellen Hallmann: Es bedarf natürlich einer sehr guten Vorbereitung. Dazu dient auch die zweitägige Grundausbildung. Außerdem führt die Vermittlungsstelle viele Überprüfungsgespräche mit den Pflegeeltern durch, in denen genau abgefragt wird, was sie sich zutrauen und was nicht. Ich kenne nur wenige Fälle, in denen Pflegeeltern aufgeben. Eher ist es so, dass die Pflegekinder in der Pubertät rebellieren und dann vielleicht eine neue Lösung gefunden wird. Oft reicht dabei eine räumliche Trennung, bei der Jugendliche vielleicht in eine betreute Wohnform wechseln, der Kontakt zu den Pflegeeltern aber weiter besteht.

Berliner Morgenpost: Wie werden die Eltern und Pflegeeltern nach der Vermittlung weiter begleitet?

Ellen Hallmann: Neben der regelmäßigen Beratung der Pflegeeltern findet mindestens einmal im Jahr eine Hilfeplankonferenz statt, bei der die leiblichen Eltern, das Jugendamt, ein möglicher Vormund, die Pflegeeltern und nach Bedarf Lehrer, Erzieher oder Therapeuten hinzugezogen werden und in denen zum Beispiel Umgangsregelungen oder mögliche Therapien besprochen werden.

( Interview: Annette Kuhn )