"Tag der Musik"

Keine Angst vor falschen Tönen

Beim "Tag der Musik" verlieren Kinder - aber auch ihre Eltern - die Scheu vor den Noten

Foto: Massimo Rodari

Es zirpt, klopft, rasselt und trötet. Immer neue Instrumente schleppen Franz (3) und Ida (5) aus ihrem Kinderzimmer an. Sogar ein kleines Badezimmerradio zählt zum Krachmacher-Arsenal der Geschwister. Am meisten aber liebt Franz ein besonderes Holzxylophon, dessen Klangstäbe hochkant im Kreis angeordnet sind. Lilly, die Älteste, streicht derweil behutsam über ihre Geige. Seit zwei Jahren spielt die Neunjährige das Instrument.

In der Wohnung von Norbert Ochmann und seiner Familie im Kreuzberger Bergmann-Kiez ist 365 Mal im Jahr "Tag der Musik". Das hat schon damit zu tun, dass der Vater Chorleiter, Dirigent und Pianist ist. "Musik gehört einfach zu unserem Leben dazu", sagt er. Zurzeit übt Familie Ochmann allerdings besonders viel. Vom 17. bis 19. Juni findet schließlich bundesweit der "Tag der Musik" statt, mit etlichen Veranstaltungen auch in Berlin. Ob Konzert oder Improvisationssession: Jeder kann zuhören oder mit seinem eigenen Instrument mitmachen. Außerdem können Musikbegeisterte eigene Veranstaltungen anbieten und auf der Homepage des Tags der Musik eintragen. Ziel der Aktion des Deutschen Musikrats ist es, eine größere Aufmerksamkeit für das Musikmachen herzustellen. "Ohne Musik keine Bildung" lautet das diesjährige, fast schon provokative Motto der Veranstaltung, die 2009 ins Leben gerufen wurde.

Neugier auf Musik wecken

Auch Norbert Ochmann ist natürlich mit seiner Familie beim "Tag der Musik" dabei. Der 44-Jährige bietet in der Kreuzberger Emmaus-Kirche kindgerechte Aufführungen von "Peter und der Wolf" und "Karneval der Tiere" an - mit Bläserquintett und Erzähler. Zudem gibt es rund um den Lausitzer Platz weitere Workshops, Mitmachkonzerte, Instrumentenvorstellungen und ein Kinderchorkonzert. Vom Erfolg ist der gebürtige Allgäuer überzeugt: "Wenn ich mich hier auf den Lausitzer Platz stelle und mit voller Überzeugung etwas singe, muss ich nicht lange warten, bis Kinder vorbeikommen und neugierig stehen bleiben, Fragen stellen und mitmachen", sagt er. Sogar später, im so genannten schwierigen Alter, könne man sie für Musik begeistern, betont der studierte Tonmeister, der bei den Regensburger Domspatzen seine Grundausbildung in Sachen Musik erhielt.

Ochmann spricht aus Erfahrung. Mit einem Trio aus Geige, Gesang und Klavier gibt er in Schulen Konzerte - frei nach dem Motto "Musiker zum Anfassen". Außerdem leitet er seit fünf Jahren das Kinderopernprojekt "Opera bambini". Dieses soll die Oper am Beispiel von Mozarts "Zauberflöte" für Kinder in die Kieze bringen. Viele Kinder und Jugendliche kommen über die Bearbeitung der Oper das erste Mal mit klassischer Musik in Kontakt. "Gerade Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund sind komplett unvoreingenommen und wollen hinterher ganz viel von den Musikern wissen", so Ochmann. Weil er immer wieder von Eltern angesprochen worden sei, die gern gemeinsam mit ihren Kindern einen seiner Schülerworkshops besuchen würden, biete er diese nun, zum Tag der Musik, erstmals für Familien an.

Bei den Workshops geht es darum, Musik spielerisch zu erkunden. Während die einen Workshop-Teilnehmer zum Stück "Fossilien" aus Camille Saint-Saëns' "Karneval der Tiere" wie Versteinerungen am Boden liegen und nur leicht hin und her schaukeln, lassen sich andere von den Lauten der Xylophone zu skeletthaftem Trippeln inspirieren. Im Workshop "Peter und der Wolf" machen sich die Teilnehmer Sorgen um die tollpatschige Ente, die Komponist Sergej Prokofjew vom grauen Wolf schlucken lässt. Wird das Raubtier sie irgendwann freiwillig ausspucken? Oder wird die Ente gar aus dem Bauch des Wolfes geholt und gekocht? Jede noch so absurde Frage darf gestellt werden.

Auch seine eigenen Kinder hat Norbert Ochmann spielerisch, ganz ohne Drill, an die Musik herangeführt. "Ich hab' mich einfach ans Klavier gesetzt und gemeinsam mit den Kindern gesungen", erzählt er. "Das ist die beste Grundlage für alles. Schon bei meinen Großeltern war das so: Gesungen wurde immer."

Musikalische Experimente

Die fünfjährige Ida wünscht sich nun selbst Klavierstunden. Der dreijährige Franz imitiert auf die Frage nach seinem Instrumentenwunsch ein Cello und brummt ein paar tiefe Töne. Aber Trompete gefällt ihm genauso gut. Lilly, die ältere Schwester, klopft Rhythmen auf die Tischplatte und erzählt von ihrem Geigenunterricht. Mit der Lehrerin Duette zu spielen, das mache schon Spaß. Aber auf die Idee, mit ihrer besten Freundin Naïma ein Querflöte-Geige-Duo zu gründen, ist sie noch nicht gekommen. "Mit der spiel' ich andere Sachen."

Lilly weiß nicht, ob die Freundin eine Kinderquerflöte hat oder schon ein großes Instrument wie Uta Benner, die Lebensgefährtin von Vater Norbert Ochmann. Die 42-Jährige ist Hobbymusikerin, hat eben ihr Instrument zusammengebaut und ordnet nun das Klangchaos im Wohnzimmer. "Kommt, wir singen jetzt mal was", fordert sie die Kinder auf. Lilly ziert sich erst ein wenig, bringt sich dann aber doch mit ihrer Geige in Position. Auch der Vater greift zum Streichinstrument. Schon ertönt der Kanon "Frère Jacques" - untermalt von Ida an der Rassel und Franz an den Klanghölzern.

"Musik wird störend oft empfunden, dieweil sie mit Geräusch verbunden" - dieser Satz von Wilhelm Busch gilt für die Ochmanns jedenfalls nicht. Gespannt fiebert die ganze Familie dem "Tag der Musik" entgegen - und den Ideen, die die anderen Musiker und Zuhörer zu den musikalischen Experimenten mitbringen werden. "Das", so Norbert Ochmann, "sind nämlich jedes Mal andere".

Mehr Infos zum Programm: www.tag-der-musik.de