Richtig Feiern

Die große Sause - Kindergeburtstag heute

Ständchen und Kuchen reichen nicht mehr - die lieben Kleinen wollen für ihre Party Abenteuer, Action und kreative Unterhaltung

Foto: Glanze

Dann eben ein Shooting. Dana musste gar nicht lange betteln, um ihre Mutter davon zu überzeugen, dass die Feier zum ihrem 13. Geburtstag etwas ganz Besonderes werden sollte. Keine Pyjama-Party und kein Geplansche im Pool sollte es sein. Nein, die bald 13-Jährige aus Spandau wollte an einem Ort feiern, der auf weibliche Teenager eine magische Anziehungskraft ausübt: im Foto-Studio.

Halb resigniert, halb erleichtert hat Alexandra Gowan "ja" gesagt. Die Optionen wurden mit zunehmendem Alter weniger. Zoo? War gestern. Kino und McDonald's? Abgehakt.

Im Grunde genommen, sagt Danas Mutter, lief alles auf die Wahl zwischen Husten und Schnupfen hinaus: Entweder schon wieder Bowling - oder sechs 13-jährige Mädchen in der Wohnung bei Laune halten.

Alexandra Gowan gab nach. 139 Euro für einen Teenie-Geburtstag waren zwar kein Pappenstiel. Aber dafür gab es ja auch Fotos vom Profi. Helmut Biess, 49, weiß, wie sich zehn- bis siebzehnjährige Mädchen gerne in Szene setzen. Beim Sprung in die Luft, mit wehendem Haar, vor Freude kreischend. Oder im gespielten Streit, der Mund weit aufgerissen, die Haare zerrauft. In seinem Dachatelier in Friedenau sollen sich schon Mäuse in Raubkatzen verwandelt haben. Die Regie überlässt der Fotograf den Mädchen, das sieht man seinen Bildern an. Es sind keine Möchtegern-Topmodel-Posen, wie man sie aus Heidi Klums Bootcamp auf ProSieben kennt, eher Schnappschüsse vom Profi.

Mit seinem Rundherum-Sorglos-Paket liegt Helmut Biess im Trend. Und der geht weg vom Konsumrausch, hin zu kreativen Angeboten. Ein generalstabsmäßig organisierter Geburtstag bei McDonald's hat seinen Reiz längst verloren. Wer Kinder heute begeistern will, muss sie einladen, sich neuen Herausforderungen zu stellen. Zum Beispiel beim Kochen, Klettern, Schmuck oder Schokolade herstellen.

Gefragt ist, was die Sinne anregt

"Gefragt ist im Moment alles, was die Sinne anregt", sagt Sandra Goldbach. Die Chefin der "Gummibärchen-Crew" muss es wissen. 1997 war sie eine der ersten in Berlin, die sich als Veranstalterin von Kindergeburtstagen selbstständig gemacht hat.

Inzwischen sprießen Angebote auch dort aus dem Boden, wo man sie gar nicht vermutet. Ob öffentliche Museen oder Sportvereine, Freiberufler jeglicher Art oder Jugendzentren: Sie alle haben die kleinen und größeren Geburtstagskinder als Zielgruppe entdeckt.

Einer von ihnen ist Alexander Sommerfeldt, 37. Als Vater weiß er, wie gerne Kinder in der Küche matschen - und wie ungern Eltern ihnen die Regie in der Küche überlassen. In seiner Kochschule "Kochabenteuer" sind die Kinder die Könige am Herd. Der ist so ein riesiger Apparat, wie man ihn sonst nur aus Show-Küchen im Fernsehen kennt. Er steht im hinteren Teil eines Cafés in der Schönhauser Allee, sieben Teenager haben sich drumherum gruppiert.

Lena Schottstädt hat sie eingeladen. Es ist ihr zwölfter Geburtstag, und die Sechstklässlerin steht so stolz im geblümten Kleid am Herd, als gehöre ihr der ganze Laden. Ihre Eltern haben sie mit der Aktion überrascht. Ein Drei-Gänge-Menü in der Kochschule, selbst gekocht, 220 Euro, alles Bio.

Die Knoblauch-Soße für das "Chicken Tandoori" ist schon fertig, allerdings sind Lia und Franziska noch nicht ganz sicher, ob sie Lena damit erschrecken oder überraschen sollen. Die Soße brennt wie Feuer, sie schmeckt so scharf, dass die Mädchen zum Apfelsaft greifen. "Dabei haben wir uns genau an die Zutaten gehalten", versichern die beiden unisono.

Lena tut so, als könne sie nichts schockieren. Ob asiatisch oder türkisch, sie esse und koche alles, sagt sie, während sie zaghaft eine Zwiebel pellt. Alexander Sommerfeldt registriert es schmunzelnd und gibt Tipps. "Guck mal, hier sind so Linien, hier schneidet man die Zwiebeln ein."

Zwei Geburtstage betreut der Mann mit der großen weißen Kochmütze pro Woche, entweder in der angemieteten Küche oder bei den Eltern des Geburtstagskindes zu Hause. Sechsjährigen bringt er bei, wie man Brötchen backt oder Buchstabennudeln selber macht. "Man muss loslassen können", sagt er, "dann sind die Kinder schnell eine große Hilfe."

Loslassen? Im Kletterwald am FEZ in der Wuhlheide ist dieses Wort ein Fremdwort. Gerade lernt Felix Lamprecht, dass er sich nur doppelt gesichert über den Parcours bewegen darf, an zwei Karabiner-Haken. Lässig schwebt der Neunjährige in einer Seilbahn zwischen zwei Bäumen dicht über dem Erdboden. "Cool", raunt er seiner Mutter zu, "ich fühle mich wie eine Ameise, die Flügel hat." "Wart's ab, bis wir oben in den Bäumen sind", sagt sein Freund Lukas, "da hörst Du nicht mehr auf zu schwitzen." Lukas war schon einige Male im Kletterwald. Er war es auch, der Felix auf die Idee gebracht hat, hier seinen Geburtstag zu feiern.

Es ist ein Tag wie aus dem Bilderbuch. Die Sonne blinzelt durchs Laub, im Schatten bereiten Felix' Mutter und seine Oma ein Picknick vor. Zwei Stunden später kommen die Jungs zurück - ausgepowert, aber glücklich. Neun Euro hat der Spaß pro Person gekostet. Nicht zu viel, findet Felix' Mutter, Nicole Lamprecht.

73 Euro für acht Gäste

Nur einen Steinwurf weiter schneidet Meike, sieben Jahre alt, gerade einen Elefanten aus Filz aus. "Kindergeburtstag - bitte nicht stören", steht auf einem Schild, das am Eingang des "Lern- und Erfinderlabors" im FEZ hängt. Europas größtes gemeinnütziges Kinder-, Jugend- und Familienzentrum ist eine sichere Adresse für kreative Kindergeburtstage. Man kann dort Trickfilme drehen oder einen Schatz im Märchenwald suchen.

Michelle, gerade neun Jahre alt geworden, hat sich für das Basteln im Lern- und Erfinderlabor entschieden. Sie absolviert eine Probefahrt im selbstgebauten Modellauto. Zwei Mitarbeiterinnen haben ihr und ihren Gästen geholfen, doch das ist nicht der einzige Grund, warum Michelles Eltern die Kinder ins FEZ eingeladen haben. "Dann haben wir den Dreck nicht in der Wohnung", sagt Diana Ribbecke. Und 73 Euro für acht Kinder, der Preis sei auch okay.

Etwas tiefer hat Petra Rothgänger aus Rudow ins Portemonnaie gegriffen, damit der sechste Geburtstag ihres Sohnes Jérome etwas ganz Besonderes wird. 120 Euro hat sie für einen Nachmittag im "Klingenden Museum" berappt. So nennt sich eine Einrichtung, die Kinder spielerisch an Musikinstrumente heranführt - bei Bedarf auch bei den Gastgebern zu Hause. An Jéromes Geburtstag ist ein Musikpädagoge mit einem ganzen Bus voller Instrumente in die Kita gekommen. Der Sechsjährige feierte zusammen mit seinem gleichaltrigen Freund Nikolas, zu zweit hatten sie die ganze Kitagruppe eingeladen. "Anfassen, reinblasen - und draufhauen", das Motto des Museum hat nach zweieinhalb Stunden nicht nur Kinder, sondern auch ihre Eltern überzeugt.

Auch Finanzberaterin Petra Rothgänger ist auf den Geschmack gekommen. In einem Workshop im Museum will sie jetzt selbst ein Instrument ausprobieren. Wie es aussieht, läuft es auf eine Trompete hinaus. Die haben die Kinder aus einem Trichter und einem Gartenschlauch mit Mundstück selber gebastelt. Sah aus wie eine Trompete. Klang auch so. Trörö.