Rechenstörung

Wenn das Einmaleins zu schwierig ist

Ob jung oder alt - fünf Prozent der gesamten Bevölkerung leiden an einer Rechenstörung. Die sogenannte Dyskalkulie macht manche einfache Alltagssituation zur unüberwindbaren Hürde

Neulich stand Verena in der Bäckerei und hatte ein Glückserlebnis. Die 29-Jährige hatte zwei Brötchen bestellt, die Verkäuferin sagte: "Das macht 9,30 Euro." Verena dachte: Das kann nicht sein, wie teuer muss denn ein Brötchen sein? Sie tat etwas, was sie vorher noch nie gemacht hatte. Sie sagte: "Das kann nicht sein, 9,30 Euro. Ich habe doch nur zwei Brötchen." Natürlich hatte Verena Recht. "Früher hätte ich das einfach bezahlt, weil ich mir unter der Zahl nichts vorstellen konnte", sagt sie. Früher - das war vor ihrer Therapie. Seit anderthalb Jahren geht Verena mittlerweile wöchentlich zu ihrer Therapeutin und tut etwas gegen ihre Rechenstörung. In Fachkreisen spricht man von Dyskalkulie - Experten schätzen, dass hierzulande mindestens fünf Prozent der Bevölkerung davon betroffen sind.

"Bei Dyskalkulie handelt es sich um das grundsätzliche Missverstehen der Mathematik, das Kinder schon in die erste Klasse mitbringen", erklärt Inge Palme. Sie arbeitet beim Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie (BVL). "Wenn ein solches Kind in sein Mathematikbuch schaut, dann ist das so, als wenn wir ein Chinesischbuch aufschlagen. Lauter Zeichen, die dem Kind nichts sagen." So war es damals auch für Verena. Schon in der Vorschule merkte sie, dass sie anders war als ihre Mitschüler. "Da lagen drei Birnen und vier Äpfel, die Lehrerin fragte: Wie viel ergibt das? Und die anderen Kinder wussten sofort: Das ist sieben. Ich konnte nicht verstehen, warum das so ist." Damit ihre Schwäche nicht auffiel, lernte sie das Ergebnis auswendig. Und nicht nur das. Im Lauf ihrer Schulzeit lernte Verena Tausende Summen auswendig, baute sich Eselsbrücken oder nahm ihre Finger beim Abzählen zu Hilfe. Noch in der Oberstufe zählte sie heimlich unter der Bank, was 23 + 3 ergibt. "Bei einem Kind mit Dyskalkulie bringt Nachhilfe überhaupt nichts. Wenn Eltern und Lehrer eine Dyskalkulie nicht erkennen, ist die ganze Zukunft des Kindes verbaut", sagt Palme.

Besonders schwer sei es, Erwachsene mit einer Rechenstörung zu erreichen, "weil sie häufig im sozialen Abseits leben. Sie beherrschen eine wichtige Kulturtechnik unserer Gesellschaft nicht. Dadurch finden sie keine Arbeit, verdienen also kein Geld und haben somit auch nicht die Möglichkeit, eine Therapie zu bezahlen. Und das Fatale dabei ist: Je länger sie das Problem verschleppen, desto schwieriger ist es zu therapieren." Verena ist allerdings das beste Beispiel dafür, dass es nie zu spät ist. Weil ihr während der Schulzeit von allen Seiten immer wieder gesagt wurde, sie sei für Mathe zu doof, oder weil die Eltern sie entschuldigend in Schutz nahmen, packte sie der Ehrgeiz. "Ich wollte es allen zeigen." Sie ging an die Universität und studierte Betriebswirtschaft.

Was wie ein Scherz klingt, ist für manche Forscher gar nicht so verwunderlich. So schreibt der Neurowissenschaftler Brian Butterworth in einer aktuellen Studie im Magazin "Science", dass Erwachsene mit einer starken Rechenstörung sehr gut in Geometrie, Statistik und Computerprogrammierung sein können. In Verenas Alltag kann dieses Ungleichgewicht ihrer Fähigkeiten durchaus skurrile Situationen schaffen. Tagsüber arbeitet sie als Betriebswirtin und hat hauptsächlich mit Tabellen und Tortendiagrammen zu tun, aber wenn sie am Feierabend ins Schuhgeschäft geht und vor einem Regel steht, wo es 20 oder 30 Prozent Rabatt auf ein Paar Schuhe gibt, dann gerät sie ins Schleudern. Die scheinbar einfachsten Rechenoperationen wie Addieren und Subtrahieren sind dann die schwierigsten. Dass Verena unter Dyskalkulie leidet, weiß ihr Arbeitgeber nicht, deshalb möchte sie auch nicht ihren vollen Namen nennen. Selbst wenn ihr Chef Verständnis hätte, Verena ist überzeugt davon, dass ihr dann keine schwierigen Aufgaben mehr zugeteilt werden würden. "Wer vertraut schon einer Betriebswirtin mit Dyskalkulie."

Das Gute ist: Die Rechenstörung ist therapierbar. "Wichtig ist allerdings, dass Eltern sofort reagieren, wenn sie merken, dass das Kind große Probleme hat", sagt Palme. Und das kann sich schon im Kindergarten zeigen. Hat die Erzieherin in der einen Hand 30 Gummibärchen und in der anderen zehn, sollte das Kind spontan sagen können, in welcher Hand mehr liegen. Kinder mit Dyskalkulie können das nicht.

Auch Verena war oft überfordert und fragte sich seit der Vorschule, was mit ihr nicht stimme. Erst vor knapp zwei Jahren ließ sie sich auf Dyskalkulie testen. Nach anderthalb Jahren Therapie im Mathematisch-Lerntherapeutischen Institut in Düsseldorf kann sie nicht nur besser rechnen, "ich habe auch viel mehr Selbstvertrauen."

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