Eltern-Kind-Kur

"Man ist behütet wie in einer Burg"

Eltern-Kind-Kuren helfen überlasteten Müttern und Vätern, Kraft für Familie und Beruf zu tanken - für Christina P. ein Segen

Es ist Sonntag. Oma-Tag für Paul. Oma ist auf die Toilette gegangen. Als sie lange nicht wieder kommt, läuft Paul in den Flur und ruft nach ihr. Vergebens. Das war vor drei Jahren im Juni. Da ist Paul sieben Jahre alt. Er ist allein bei seiner Oma, als sie stirbt. Christina P., Pauls Mutter, hat sich das halbe Jahr vor dem plötzlichen Tod ihrer Mutter intensiv um ihre herzkranke Mutter gekümmert. "Der Tod reißt einen aus der Mitte", sagt sie. Die folgenden Monate sind geprägt von der Trauer um den Tod der Mutter und Oma. Paul leidet sehr unter dem Verlust seiner Oma. Christina P. geht mit ihm zur Trauerhilfe "Tabea", so lange bis Paul sagt, dass es jetzt gut ist. Aber auch die Beerdigung muss organisiert, die Wohnung aufgelöst werden. Das kostet Zeit und Kraft. Im Dezember zieht dann Pauls Vater aus. Die Trennung war für Christina P. "richtig, aber eine Umstellung". Plötzlich musste sie alles alleine stemmen. Für Paul ist es der nächste Verlust. Seine Mutter arbeitet als Juristin in Teilzeit, powert ihre Energie zudem in einen Nebenjob, der ihr Spaß und Anerkennung bringt und sie mental ausgleicht.

Zwei Verluste belasten das Kind

Die beiden Schicksalsschläge sind für Paul zuviel, er bekommt Probleme in der Schule. Christina P. will nicht, dass Paul noch mehr von seinem sozialen Umfeld verliert, er auch noch die Klasse wechseln muss. Sie kämpft in der Schule für ihren Sohn, übt mit ihm und motiviert ihn. Hinzu kommen finanzielle Sorgen, Christina muss den Unterhalt und die ergänzende schulische Förderung größtenteils allein bestreiten. Sie ist am Ende ihrer Kraft und gesteht sich ein: "Wir brauchen Hilfe."

Glücklicherweise hat Christina P. eine gute Hausärztin. Die "habe sie nur angepiekt und schon schossen die Tränen." Ungewollt, aber Christina P. war einfach "körperlich ausgelutscht und völlig erschöpft". Eine Freundin habe von ihrer Kur erzählt und sie darin bestärkt, sich zu erholen. "Das war für mich wie ein Licht am Ende des Tunnels", sagt Christina P. . Wichtig war für sie, dass "Paul 'raus kommt und wir einfach beide einen Tapetenwechsel haben". Die Aussicht darauf "sich um nichts kümmern zu müssen, aufgefangen werden, nichts selbst zu managen und bei einem geregelten Tagesablauf auch Paul in guter Betreuung zu wissen", das habe sie angetrieben.

Christina P. rief im Januar bei ihrer Krankenkasse an, bekam die Antragsunterlagen für eine stationäre Mutter-Kind-Maßnahme zugesandt. Ihre Ärztin attestierte ihr die Kurbedürftigkeit als Vorsorgemaßnahme. "Viele Frauen sind zu erschöpft, um sich mit diesem Formularkram auseinanderzusetzen", sagt Christina P. Im Vorfeld habe sie sich mit der Thematik vertraut gemacht, recherchiert, dass seit der Gesundheitsreform 2007 stationäre Mutter-/Vater-Kind-Maßnahmen eine gesetzlich festgeschriebene Pflichtleistung der Krankenkasse sind und sie Rechtsanspruch auf diese Leistung bei medizinischer Indikation hat. "Natürlich kostet es Überwindung, die eigenen Probleme detailliert im Selbstauskunftsbogen niederzuschreiben", sagt Christina P. "Frauen gestehen sich selbst schwer ihre Kurbedürftigkeit ein." Paul freut sich auf die Kur. Er will unbedingt ans Meer. Der Antrag auf eine stationäre Mutter-Kind-Kur ist vier Wochen später von der Krankenkasse genehmigt, doch die von der Kasse angebotene Kurklinik ist nicht für Christina P.s individuelle Indikationen geeignet.

Es ist Februar, Christina P. surft selbst im Internet, informiert sich bei verschiedenen Kureinrichtungen, lässt sich umfassend beraten. Die meisten Kurkliniken sind in den Sommermonaten schon ausgebucht und Christina P. will in der Ferienzeit zur Kur, damit Paul nicht noch mehr Schule verpasst. Sie findet eine Kurklinik an der Ostsee, deren Qualitätsanspruch ihr zusagt, die klein ist, einen Lehrer und gute Kinderbetreuung verspricht. Auch die Behandlungsschwerpunkte passen. Sie weiß, nur so kann sie gegenüber ihrer Krankenkasse, die sich ihrem Wunsch nach einer anderen Kurklinik querstellt, argumentieren. "Man hat ein Wunsch- und Wahlrecht als Versicherter", sagt Christina P., Krankenkassen müssen berechtigte Wünsche der Versicherten berücksichtigen. Nach zwei Briefwechseln mit der Krankenkasse ist alles klar. "Aber einfach war es nicht, die Sachbearbeiterin der Krankenkasse von ihrer Wunschklinik zu überzeugen. Man muss für sich einstehen, klar sein und die Kur wollen, dann schafft man die Antragshürden", so Christina P. Nur wenn man die Rechte kenne, ist die Bewilligung unproblematisch, berichtet die Juristin. Sie empfiehlt, sich bei der Beantragung einer Kurmaßnahme beraten und helfen zu lassen.

Heilsame Zuwendung und Fürsorge

Die Kur hielt, was sich Christina P. davon versprochen hatte. "Es war wie im Hotel", schwärmt sie und sie habe ein richtiges "Familiengefühl" gehabt. Sie und Paul wurden rundum von den Angestellten verwöhnt. "Frauen brauchen in dieser Situation Hilfe. Auf einer Kur bekommen sie diese in Form von Zuwendung und Fürsorge.", sagt Christina P., die sich in der Mutter-/Vater-Kind-Kurklinik behütet gefühlt hat, wie "in einer Burg." "Wenn man so erschöpft ist, ist man schutzlos", erinnert sich Christina P., "und zu wissen, dass zu jeder Zeit, auch nachts jemand da ist, gab mir ein sicheres Gefühl." Dennoch ist eine Kur kein Wellness-Aufenthalt, es gehört auch Disziplin dazu und ein voller Zeitplan. Das individuell auf sie zugeschnittene Sport- und Entspannungsprogramm habe ihr ein neues Körpergefühl gegeben. Sie konnte Spannungen lösen und auch die Massagen haben ihr geholfen, den Stress über den Körper abzubauen. Sich ohne schlechtes Gewissen ausruhen können, weil Paul gut betreut war, empfand Christina P. als echte Wohltat. Erst nach einer Woche habe sie im Büro angerufen. Sie hatte keine Angst um ihren Arbeitsplatz, hatte Rückendeckung von ihrem Chef und Urlaub brauche man nicht für eine Kur zu nehmen. Wenn der Akku leer sei, sei diese Auftankphase zwingend erforderlich. Nur so könne man Beruf und Familie wieder voll gerecht werden.

Paul ist durch die Kur sehr selbstständig geworden. Er durfte sich in der Klinik frei bewegen, hatte seinen eigenen Zimmerschlüssel, fand schnell Kontakt zu Gleichaltrigen. Durch die Kur haben er und seine Mutter Abstand von ihrem Alltag gewonnen. Paul war nach der Kur ausgeglichen. Seine Schulklasse feierte seine Rückkehr. "Eine Kur tut der Seele der Kinder gut, die Schweres erfahren haben", sagt Christina P. "Paul und ich, wir mussten uns als Familie neu sortieren." Sie haben die einzelnen Teile zusammengefügt: "zu einem ganz neuen Bild".