Austauschschüler über Pünktlichkeit und Bier

Ein Jahr Berlin: Das freie Leben in der Gastfamilie

Mehr als 2000 Schülerinnen und Schüler aus der ganzen Welt verbringen jährlich ein Austauschjahr in Deutschland - Tendenz steigend. Der Großteil kommt mit einer der gemeinnützigen Austauschorganisationen. Ein Jahr Berlin ist für die meisten eine Zeit voller Erkenntnisse.

Foto: Massimo Rodari

Nach anfänglichem Heimweh gewinnen viele das fremde Land und die fremde Stadt lieb wie eine zweite Heimat. Drei Jugendliche berichten, was sie vorher über die Deutschen dachten und welche Eindrücke sie mit nach Hause nehmen.

Ankhil Baasantseren (15) aus der Mongolei: "Ich hatte gar keinen Kulturschock, als ich in Deutschland angekommen bin. Wir sind ja alle Menschen, und das Leben ist doch überall fast gleich. Verrückt ist nur, dass ich hier in Deutschland ein Jahr jünger bin. In der Mongolei wird man mit Beginn jedes Kalenderjahres älter. Deshalb bin ich dort schon 16. Aber hier bleibe ich bis zu meinem Geburtstag im Oktober noch 15.

Die Deutschen gelten ja als sehr pünktlich, ordentlich und streng. Deshalb wollen viele Leute in der Mongolei, dass ihre Kinder hier lernen und studieren. Allerdings gehe ich hier mit meiner Gastschwester Lotti auf eine Montessori-Schule und fühle mich viel freier als auf meiner Schule zu Hause. Weil ich wissen wollte, wie es auf einer normalen deutschen Schule zugeht, habe ich die Projektwoche in der Evangelischen Schule verbracht. Dort war es tatsächlich fast wie auf einer mongolischen Schule.

Bevor ich nach Berlin kam, konnte ich nur wenige Worte Deutsch. In den drei ersten Monaten hier habe ich deshalb viel gelesen und Filme mit Untertitel angeschaut. Auch durch meine Gastfamilie und meine Freunde von der Schule lerne ich die Sprache sehr gut. Wir verbringen viel Zeit miteinander, machen Pyjamapartys oder gehen auf Konzerte. In dieser Woche stand ich sogar mit der Theatergruppe meiner Schule im Hebbel am Ufer auf der Bühne. Wir haben ein eigenes Stück aufgeführt. Das war sehr aufregend!

Eigentlich mag ich auch das deutsche Essen gern. Vor allem Döner finde ich lecker. Es hat mich aber überrascht, dass die Deutschen rohes Fleisch auf Brot essen - Hackepeter. Davon habe ich nur einmal ein wenig probiert, aber es hat mir überhaupt nicht geschmeckt.

Am allermeisten mag ich in Deutschland den Regen und den grauen Himmel. Ich liebe das wirklich. Außerdem möchte ich unbedingt noch das Meer sehen, bevor ich wieder wegfahre. Ich glaube, meine Gastmutter hat auch schon einen Ausflug geplant. Hoffentlich kann ich dann einen Sonnenuntergang sehen. Andererseits vermisse ich natürlich auch meine Familie und meine Freunde in der Heimat. Aber nicht nur sie, inzwischen fehlt mir die gesamte Mongolei. Ich möchte später den armen Menschen in der Mongolei helfen, ein besseres Leben zu führen. Dafür brauche ich eine gute Ausbildung. Die zwei oder drei Jahre, die ich deshalb im Ausland verbringen muss, halte ich aus. Aber ich freue mich schon auf die Rückkehr in meine geliebte Mongolei."

"Am allermeisten mag ich in Deutschland den Regen. Wirklich!"

Ankhil Baasantseren, Gastschülerin