Belästigung

"Am Anfang sucht man den Fehler bei sich selbst"

Wie aus einem Flirt sexuelle Belästigung wird: Eine Betroffene berichtet

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"Wie gewünscht, die Hotelzimmer so weit wie möglich auseinander", sagt die Rezeptionistin bei ihrer Ankunft. Sophie fixiert verlegen den Boden, als sich die Blicke ihres Chefs fragend in sie bohren. Sie selbst hatte die Zimmer für die Dienstreise nach Hamburg gebucht - das wusste sie, das wusste er. Sieben Monate zuvor war diese Distanz zum Chef noch nicht notwendig gewesen. Sophie (Name von der Redaktion geändert) erinnert sich noch gut an ein gelungenes Wochenende im Herbst, als der gesamte Vorstand des Unternehmens zu einem Ausflug aufbrach. Team-Building war das Ziel, spätestens am Abschlussabend durch gemeinsames Trinken realisiert. Am Tisch sitzen die Abteilungsleiter und ihre Assistentinnen zusammen. Die 25-jährige Sophie ist eine davon, direkt nach dem BWL-Studium hatte sie einen Job als persönliche Referentin des Finanzvorstands bekommen. Zu dieser Zeit ist sie seit drei Monaten in der Firma und froh über den Job und die sympathischen Kollegen. Der Betriebsausflug ist nett und gesellig, wird sie sich später erinnern. Und der Anfang vom Ende, wie sie heute weiß. Am Morgen nach dem fröhlichen Gelage deutet sich zum ersten Mal an, was für die zierliche, dunkelblonde Sophie nach kurzer Zeit zum Albtraum wird und sieben Monate später mit dem Ausräumen ihres Schreibtisches endet. Auf der Rückfahrt nämlich beginnt ihr Chef (45) die Grenzen zwischen Arbeits- und Privatleben zu verschieben.

Der Prozess ist schleichend: Am Morgen nach dem Abschlussabend bittet er Sophie, ob sie nicht sein Auto zurückfahren könne - er sei noch ein wenig verkatert und traue sich deshalb die zweistündige Rückfahrt nach Berlin nicht zu. Sophie ist irritiert, aber willigt ein. Im Auto löchert der Chef sie mit Fragen zu ihrem Privatleben. Er selbst erzählt viel von seinen Kindern und wenig von seiner Frau. Außerdem besteht er darauf, sie direkt vor ihrem Haus abzusetzen. "Er wollte mal sehen, wo ich so wohne."

Abends gab es immer Arbeitsessen

Am Montag im Büro bietet der Chef Sophie schließlich das Du an. "Mir war schon klar, dass das ein ungewöhnlicher Vorgang ist, weil er bis dahin alle im Unternehmen gesiezt hatte", sagt Sophie. Weil die gesamte Abteilung aber nur aus ihr und ihrem Chef besteht, nimmt sie an. Von da an ist der Chef plötzlich Kurt (Name ebenfalls von der Redaktion geändert), und Sophie soll "seine Vertrauensperson im Unternehmen" werden, wie er sagt.

Das erscheint sinnvoll, denn in der Firma werden viele interne Grabenkämpfe ausgefochten. Anfangs erfüllt Sophie das in sie gesetzte Vertrauen mit Stolz. "Kurt nahm mich von da an auf wichtige Termine mit und übertrug mir viel Verantwortung." Allmählich beschleicht sie aber bei all diesen Terminen das Gefühl, dass es ihrem Chef vor allem um die privaten Anschlussveranstaltungen mit ihr geht. "Er setzte immer Arbeitsessen für den Abend an, bei denen ich mit ihm trinken sollte", sagt sie. Als sie sich immer öfter weigert, reagiert Kurt beleidigt.

Sophie beginnt ihren Eltern von den Annäherungsversuchen zu erzählen. "Zu Beginn dachten sie noch, ich übertreibe", erinnert sie sich. Aber jedes Mal, wenn Sophie mit ihnen telefoniert, regt sie sich über einen neuen Vorfall auf. Sophies Vater drängt schließlich darauf, sie solle einen Schlussstrich ziehen und das Unternehmen verlassen. Aber Sophie will bleiben, denn trotz dieser kleinen Zwischenfälle verstehen Kurt und sie sich im Arbeitsalltag gut: Sophie erhält viel Spielraum, um berufliche Erfahrung zu sammeln, und der Chef erklärt ihr, dass man "auch privat auf einer Wellenlänge sein muss, wenn man vertrauensvoll zusammenarbeiten will". Ihr mulmiges Gefühl, wenn Kurt in der Konferenz auf den Austausch privater Neuigkeiten besteht, verlässt sie zwar nicht. Aber Sophie arrangiert sich auf ihre Weise und ignoriert seine SMS, in denen er ihr sagt, wie clever und lustig sie ist. Sie beißt die Zähne zusammen: Immerhin hatte sie direkt nach Studienabschluss einen gut bezahlten Job ergattert, und das auch noch in Berlin!

Ab Februar verlegt Kurt sich darauf, Arbeitsanweisungen an Sophie bis zehn Uhr abends und dann wieder ab drei Uhr morgens per SMS durchzugeben. Manchmal lästert er auch einfach nur über Kollegen oder kommentiert Sophies Privatleben und ihren Freund, den sie von nun an häufig erwähnt. Wenn sie nicht gleich auf Kurts Nachrichten antwortet, ist er sauer. "Er erklärte mir, dass man als Mitarbeiter eines erfolgreichen Unternehmens immer zu erreichen sein muss."

Sophies Freund ist überhaupt nicht begeistert von den Annäherungsversuchen. Mehrmals taucht er deshalb im Unternehmen auf, um Sophie nach der Arbeit abzuholen. Helfen tut das aber letztlich wenig, Kurt unterlässt seine Avancen nicht.

Sophie ist Berufsanfängerin, auch wenn sie während ihres Wirtschaftsstudiums bereits einige Praktika bei großen Unternehmen absolviert hat. Sie weiß, dass die Arbeitszeiten in der Branche hart sein können, und sie will ja auch Einsatz bringen. "Ich war hin- und hergerissen, ab wann man denn Nein sagen kann oder vielleicht sogar muss", sagt sie später.

Zum ersten Mal verweigert sie sich offen im Februar, sodass es auch für Kurt ein Signal sein muss. Für eine Dienstreise nach Hamburg bucht sie selbst telefonisch die Hotelzimmer und bittet darum, dass dazwischen möglichst viele Stockwerke liegen. Kurt ist sauer und redet tagsüber kaum mit ihr. Abends besteht er dennoch auf einem gemeinsamen Bier; sie willigt schließlich ein. Die Einladung zum gemeinsamen Fernsehen in seinem Hotelzimmer schlägt sie allerdings entschieden aus. "Zwei Stunden später riss er mich dann mit einem Anruf aus dem Schlaf - er wollte mir süße Träume wünschen."

Nach all den SMS, E-Mails, anzüglichen Witzen und Komplimenten kommt Sophie nach der Hamburg-Reise zum ersten Mal der Gedanke, dass sie gerade "sexuell belästigt" wird. Eigentlich passiert so etwas doch nur den schwachen Opferfrauen, denkt sie, zu denen sie sich definitiv nicht zählt. Am Montag im Büro erzählt sie dann heulend der Sekretärin von ihrem Frust, eine Personalabteilung oder einen Betriebsrat gibt es nicht. "Sie riet mir, seine SMS und E-Mails zu speichern und Begebenheiten aufzuschreiben, damit ich für den Fall der Fälle Beweise in der Hand habe." Sophie befolgt den Rat und beginnt parallel, sich nach einem neuen Job umzusehen. "Hätte ich einfach nur selbst gekündigt, dann wäre ich ohne Arbeitslosengeld dagestanden." Und weil sie nach dem Studium keine Reserven, sondern nur Schulden hat, will sie sich darauf nicht einlassen. Ein bisschen durchhalten noch, bis der Anschlussjob gefunden ist - das sagt sie sich jeden Tag. Bis sie es Anfang August doch nicht mehr aushält und in Kurts Büro nach einer weiteren E-Mail, in der er über die Farbe ihrer Unterwäsche spekuliert, explodiert. "Ich habe ihm gesagt, dass er mir viel zu nah auf die Pelle rückt und dass ich Berufliches klar von Privatem trennen möchte - darauf schaute er nur geknickt und sagte gar nichts." Sophie ist überfordert mit dieser Reaktion und verschwindet verwirrt nach Hause.

Am nächsten Tag ruft Kurt sie zu sich ins Büro und spricht zum ersten Mal selbst von sexueller Belästigung. Ob sie etwa glaube, dass er ihr an die Wäsche wolle und was sie sich eigentlich einbilde? "Irgendwie sucht man dann im ersten Moment den Fehler bei sich selbst, überlegt, ob man sich vielleicht zu knapp angezogen und so die falschen Signale gesendet hat." Aber Sophie hat genug davon, sich einschüchtern zu lassen oder mit neuen Aufgaben geködert zu werden.

Es gibt nur eine Lösung: gehen

Sie geht zu einem anderen Vorstand, der auf derselben Hierarchieebene wie Kurt steht. Der sagt ihr gleich, dass sich die Kollegen schon über das unsittliche Verhalten des Finanzvorstands gegenüber seiner Assistentin gewundert hatten - "aber er ging davon aus, dass ich mich schon melden würde, wenn mir das zu viel ist", sagt Sophie. Kurts Kollege verspricht, dass man solches Fehlverhalten nicht dulden werde und er den Vorstandsvorsitzenden einschalten würde. "Drei Tage später kam er dann selbst wieder auf mich zu und sagte mir, es gebe keine Lösung für das Problem, ich solle meine Sachen packen und gehen." Zuvor versprach er ihr aber noch einen Aufhebungsvertrag und eine Weiterbezahlung für drei Monate.

Sophie räumt also Mitte August ihren Schreibtisch und verabschiedet sich nur von der Sekretärin und ein paar wenigen Kollegen - Kurt geht sie aus dem Weg und er ihr. Noch am selben Tag schaltet sie eine Anwältin für Arbeitsrecht ein. Das erweist sich als richtig, denn wenig später versucht das Unternehmen Sophie mit einem Vertrag zu schlechten Konditionen abzuspeisen. Die Anwältin droht darauf mit einer Klage wegen sexueller Belästigung und siehe da, Sophie wird drei Monate weiterbezahlt.

"Was bleibt, ist das Gefühl, mies behandelt worden zu sein", sagt sie heute. Und trotzdem ist sie froh über die außergerichtliche Einigung. Ihre Anwältin habe ihr damals dazu geraten - sexuelle Belästigung vor Gericht zu beweisen sei eine Tortur, die man sich ersparen solle.

Ein Jahr danach hat Sophie längst wieder einen Job. "Das Ganze ist also am Ende glimpflich ausgegangen, ich hatte Glück", sagt sie, denn schließlich sei sie nie angefasst worden. Könnte sie die Zeit zurückdrehen, dann würde sie dennoch einiges anders machen. "Ich hätte mich nicht so naiv auf das Du und die anderen Vertrauensseligkeiten einlassen dürfen. Und auch die Drohungen hätten mich nicht so einschüchtern sollen. Aber es war einfach alles so schleichend, und ich wollte bei meinem ersten Job nicht versagen." Und obwohl Kurt noch immer Vorstand ist und Sophie am kürzeren Hebel saß, ist sie nicht verbittert. "Ich hatte eine Scheißzeit, aber dafür auch viel gelernt." In ihrem neuen Unternehmen jedenfalls hat niemand ihre private Handynummer, und die Freundschaftsanfragen ihrer Kollegen auf Facebook wird sie weiter ignorieren.

"Mein Vater drängte darauf, dass ich einen Schlussstrich ziehe und die Firma verlasse"

Sophie, Opfer von sexueller Belästigung