Kinderkunstgalerie

Ein Schulleben in Bildern

Am Anfang macht sich Anna Clara ganz klein. Zusammengekauert hockt sie auf dem untersten von sechs Sprungbrettern. Mit jeder weiteren Stufe des Sprungturms allerdings richtet sie sich auf, nähert sich auch der Absprungkante.

Unübersehbar gewinnt sie nicht nur an Größe, sondern auch an Selbstbewusstsein. Bis sie ausholt und vom letzten und höchsten Sprungbrett abfedert. Ins Ungewisse, aber auch in einen Raum neuer, unbekannter Möglichkeiten.

Das Bild von Anna Clara mit ihrem die vergangenen Lebensjahre symbolisierenden Sprungturm hängt direkt am Fenster. Durch die großen Scheiben im Erdgeschoss des Hauses Schönhauser Allee 58A fällt viel Licht in die Klax Kinderkunstgalerie und beleuchtet die Werke, mit denen 38 Schülerinnen und Schüler der Klax Grundschule einen Abschnitt ihrer Schulkarriere Revue passieren lassen. "Sechs Jahre Grundschulzeit - mehr als quatschen, melden, lernen?" lautete das Thema, mit dem sich die Jungen und Mädchen kurz vor dem Wechsel in die Oberschule befassen sollten. "Sechs Jahre so zusammenzufassen, ist ganz schön schwierig", weiß Karsten Jahn. "Bei den meisten brauchte das viele Anstöße." Jahn ist Kunstlehrer an der Pankower Reformschule, die zu einem Bildungsunternehmen mit inzwischen 25 Einrichtungen in Berlin von der Kita bis zur Sekundarschule gehört. Kreativität spielt in deren Philosophie eine große Rolle. Schließlich war die Klax-Gruppe vor 20 Jahren aus einer Malschule entstanden.

"Nie Langeweile"

In der Wohnung von Jana Hünsch und Detlef Pegelow ist Kunst allgegenwärtig. Bilderrahmen und Wände reichen gar nicht für die Werke, die Frieda (12) und ihre kleine Schwester am laufenden Band produzieren. Morgens steht die fünfjährige Margarita schon vor der Kita oft eine Stunde an ihrer Staffelei und malt. "Und Frieda sitzt auch nie zu Hause und hat Langeweile", sagt ihre Mutter. So wie Margarita jetzt, hat auch ihre große Schwester schon eine Klax-Kita besucht. Zum einen, weil diese für die Pankower um die Ecke lag. Vor allem aber, "weil Frieda schon immer ein Kind war, das mit viel Freude aus praktisch nichts etwas Schönes gemacht hat", so Jana Hünsch. Dafür sei schon in der Kita ein gutes Fundament gelegt worden.

Das Geheimnis hinter der Schöpferkraft, wie sie Kinder der kunstbetonten Einrichtungen entwickeln, ist eigentlich ganz schlicht. "Natürlich", sagt Lehrer Karsten Jahn, "sind die Möglichkeiten ideal, wenn einfach alle Materialien zur Verfügung stehen." Vor allem aber setzt die Schule auf die Fähigkeiten der Kinder, selbst Fragen zu stellen, Ideen zu entwickeln und mit Hilfestellung auch zu Lösungen zu kommen. In allen Fächern lernen die Kinder in Kleinstgruppen, in einem selbst organisierten Rhythmus und Tempo. Eigeninitiative und Einfallsreichtum sind dabei unerlässlich. Für Jahn heißt das, Techniken zu vermitteln, durch Ausstellungsbesuche auch Anregungen zu geben, bei seinen eigenen Aufgabenstellungen aber möglichst große Gestaltungsfreiheit zu lassen. "Ich gebe nur entweder eine Technik oder ein Thema vor, den Rest entscheiden die Schüler selbst."

Frieda kannte diese Herausforderung schon, aus ihrer Familie. Von klein auf hat sie von ihrem Vater, gelernter Bühnenbildner und heute hauptberuflich Musiker, Geschichten gehört. Vielmehr: Sie hat diese mit ihm entwickelt. Pegelow: "Ich gehe immer nur einen kleinen Schritt und warte dann wieder auf einen Impuls. Das kann einfach eine Frage sein, durch die sich die Erzählung weiter entwickelt." Einmal wurde daraus ein richtiges Bilderbuch, in dem Frieda die Fabel rund um ein Rentier in Zeichnungen fasste. Andere Themen, die sie beschäftigen, tauchen in Zeitabständen immer wieder auf. So seien, erzählt Pegelow, ganze Bilderreihen entstanden, die aus verschiedenen Altersphasen heraus die Auseinandersetzung mit demselben Gegenstand oder Gedanken reflektierten. "Das ist wie beim Keksebacken", sagt der 45-Jährige. "Die Kinder bekommen ein Basiswissen, das Grundrezept, daraus können sie selbst Variationen entwickeln. Wenn man ihnen den Freiraum lässt, können die das richtig gut."

So sind auch die Arbeiten, die in der Kinderkunstgalerie noch bis zum 2. Juli ausgestellt sind, ganz verschieden. Gleich gegenüber vom Eingang hängt die Wanduhr von Sarah. Die rechte Hälfte des Ziffernblattes zwischen 12 und sechs Uhr ist - entsprechend der schon vergangenen Schul-Halbzeit - mit Bildern und Zeichnungen aus dieser Zeit beklebt. Die zweite Hälfte von sechs bis 12 Uhr blieb frei. Der elfjährige Tim hat die sechs Seiten eines großen Würfels mit Aufgaben aus seiner Grundschulzeit verziert. Schriftübungen an einzelnen Buchstaben, Rechenaufgaben, kleine Erzählungen. Friedas Favorit unter den Arbeiten ihrer Schulkameraden sind, neben dem Sprungturm von Anna Clara, drei Fotostreifen, die Nadja und Mia mit einem Passbildautomaten gemacht haben. Auf jedem Bild halten sie ein Wort eines Satzes wie ein übergroßes Namensschild vor der Brust: "Es gab Höhen und Tiefen, aber zusammen haben wir es prima gemeistert", lautet ihr Fazit.

Soziale Kontakte waren auch für Frieda der wichtigste Aspekt beim Rückblick auf die letzten sechs Jahre. Ihre Klassenkameradin Pina taucht gleich mehrfach auf in der kleinen Fotogalerie, die sie angefertigt hat. Den Hintergrund der gerahmten Bilder hat die 12-Jährige mit kräftigen Farben übermalt, die einzelne Stationen vom Kennenlernen über die dickste Freundschaft bis zum Bruch symbolisieren. Den Abschluss bildet ein Foto des Vierergespanns, in dem sich Frieda aktuell am aufgehobensten fühlt. Nur eine der Freundinnen wird allerdings dieselbe Oberschule besuchen wie sie. Eine staatliche Schule diesmal: "Es war eine schöne Zeit hier, aber jetzt ist es gut, wenn mal etwas Neues kommt", sagt Frieda. Mathematik zum Beispiel findet sie zunehmend spannend.

Kunst wird sie trotzdem weiter begleiten, auch wenn ihre eigenen Werke vielleicht nicht mehr an der Schönhauser Allee öffentlich zu sehen sein werden. Ganz sicher ist nicht einmal das, denn die Kinderkunstgalerie präsentiert auch Arbeiten aus anderen Berliner Schulen. Vereinzelt kann man Werke kaufen, außerdem werden Kinderbilder an Unternehmen oder Arztpraxen verliehen. Hauptziel ist das allerdings nicht: "Wir schaffen hier vor allem einen Raum, wo das öffentlich zu sehen ist, was sonst zu Hause verschwindet", sagt Klax-Sprecherin Daniela Götz.

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