Schwimmkurse

Sprung ins kalte Wasser

Jeder vierte Berliner kann nicht schwimmen. Die Bäder und der DLRG bieten Anfängerkurse

Foto: Glanze

Die hellblaue Badekappe sitzt fest auf dem Kopf von Nina, der Schwimmgürtel ist eng um die Hüfte der Vierjährigen geschnallt. Mit beiden Händen umklammert das Mädchen die dicke Poolnudel - es kann noch nicht schwimmen. Trotzdem quietscht Nina im Hallenbad der Wasserfreunde Spandau 04 vor Vergnügen. Im Gegensatz zu Lars Spielberg (31), Frauke Vries (37), Frank Rövenich (44), Sonia Schmidt (37) und Nicole Burkhardt (34). Sie quälen sich nur ein paar Meter weiter, im Freibad des Forumbads im Olympiapark in Charlottenburg, durchs Wasser. Nach zehn, fünfzehn Metern ist bei ihnen wortwörtlich die Luft raus - und das andere Ufer unerreichbar weit weg. Ob sie eine leblose Person im Notfall aus dem Wasser an einen 50 Meter entfernten Strand bringen könnten? Diese Frage müssen die vier vereinen - und sind damit nicht alleine.

Berlin ist die Hauptstadt der Nichtschwimmer. 26 Prozent der Berliner konnten 2008 nicht schwimmen; bundesweit waren es durchschnittlich zehn Prozent. Besonders hoch ist die Nichtschwimmerquote in den Bezirken Mitte, Neukölln, Friedrichshain und Kreuzberg. Das Deutsche Rote Kreuz hatte die Studie damals in Auftrag gegeben, auch 2011 sind diese Zahlen nach Einschätzung des DLRG-Landesbezirks Steglitz-Zehlendorf noch gültig: "Genau lässt sich das gar nicht erfassen, denn die Dunkelziffer ist zu hoch. Aber wir glauben, dass noch immer rund neun Prozent aller Erwachsenen nicht schwimmen können", sagt Brigitte Saß, die seit 50 Jahren gemeinsam mit ihrem Mann Peter die Schwimm- und Rettungsausbildung beim DLRG-Landesbezirk Steglitz-Zehlendorf verantwortet. Die Gründe dafür sind vielfältig: Viele Hallenbäder werden geschlossen und dafür reine Spaßbäder errichtet. "Doch dort können Sie keine Schwimmausbildung absolvieren. Die Wassertiefe gibt das nicht her", sagt Saß. Denn Sprungturm und Sprunggrube fehlen oftmals. Zwar übersteige besonders bei den Erwachsenen die Nachfrage das Angebot nach Anfängerschwimmkursen, doch "wir können keine Erwachsenen mehr ausbilden." Zwei 25 Meter lange Schwimmbahnen stehen der DLRG im Hallenbad im Hüttenweg zur Verfügung; an den zwei wöchentlichen Trainingstagen drängen sich dort bis zu 25 Aktive auf einer Bahn. Deshalb weichen sie nun zwei Mal in der Woche auf das Bad eines Rehazentrums am Teltower Damm aus, um wenigstens Anfängerschwimmkurse für Kinder anbieten zu können. 2500 Euro koste die Miete für drei Monate, 100 Euro der Schwimmkurs. Erwachsenen Nichtschwimmern hilft das nicht. "Die Leute ertrinken, weil sie das Schwimmen nicht gelernt haben - und die DLRG bekommt von der Verwaltung weder ausreichend Bäder noch Bahnen zugewiesen", sagt Peter Saß.

Scham spielt eine Rolle

Und dann sei da noch die Angst vor der Blamage: "Scham spielt eine große Rolle. Wer gibt schon gern zu, etwas nicht zu können", sagt Saß. Doch: "Wenn sie erst mal dabei sind, dann geht es."

Diese Hürde haben Lars, Frauke, Frank, Sonia und Nicole schon genommen und sich für einen Schwimmkurs bei den Wasserfreunden Spandau 04 angemeldet.

Jetzt ist Kyrylo Luhovskyy gefragt. Der 40-jährige gebürtige Ukrainer gewann mit 16 Jahren die nationale Meisterschaft über 100 Meter Rückenschwimmen. Nun steht er mittwochvormittags bei den Wasserfreunden Spandau am Beckenrand, um Erwachsenen das Schwimmen beizubringen. Wobei: Schwimmen können seine Schützlinge eigentlich schon, können sich ein paar Minuten über Wasser halten - retten können sie niemanden. Es fehlen Technik, Kraft und Ausdauer. Lars Spielberg macht seit zwei Jahren Triathlon. Radfahren und Laufen sind seine Paradedisziplinen - nur beim Schwimmen ziehen die anderen Athleten regelmäßig an ihm vorbei. "Daran arbeite ich jetzt", sagt er. Vorsichtig navigiert Trainer Luhovskyy seine Schützlinge durch das Wasser, verbessert Arm-, Bein- und Kopfhaltung.

Auch Nicole Burkhardt aus Westend lernt bei den Wasserfreunden richtig kraulen. Seit Oktober letzten Jahres schon: "Ich möchte mithalten können, wenn ich mit meinem Sohn am Wochenende schwimmen gehe", sagt sie. Ihr Sohn Justin (9) leidet am Tourette-Syndrom und hat gerade das silberne Schwimmabzeichen erworben. Ein Mal pro Woche powert er sich ebenso wie die vierjährige Nina bei den Wasserfreunden in Spandau aus, lernt hier schwimmen. Im stickigen Hallenbad halten Kinder ab vier Jahren blubbernd ihr Gesicht unter Wasser, strecken in der Dusche ihre Zungen unter den Strahl und springen mit Poolnudeln vom Beckenrand - sie sollen die Angst vor dem Wasser verlieren.

Für Erwachsene ist das schwieriger. "Sie genieren sich", sagt Kathrin Baehr, die bei den Wasserfreunden Spandau 04 das Kita- und Schulschwimmen koordiniert. Die meisten Erwachsenen nehmen Einzelunterricht - damit sie keiner sieht.

Die Angst vor dem kühlen Nass ist das eine, die wenige Körpererfahrung das andere. "Sportliche Menschen können ja meistens schon schwimmen", sagt Kathrin Baehr. Bei denjenigen, die kommen, habe meist der Arzt Bewegung verordnet, oft seien es auch Eltern, deren Kinder am Kita-Schwimmkurs teilnehmen.

Die ehrenamtlichen Helfer der Wasserfreunde Spandau 04 sind "Überzeugungstäter". So wie Tim. Der 19-jährige Schüler lernte das Schwimmen im Forumbad. Jetzt steht er vormittags am Beckenrand, um dem Nachwuchs das Schwimmen beizubringen. Allerdings nur noch bis August, dann beginnt seine Lehre als Mechatroniker. Dann fehlt wieder ein freiwilliger Helfer, der bei den Wasserfreunden Spandau 04 Kindern das Schwimmen beibringt.

Dass Erwachsene Angst vor dem Wasser haben können, versteht er zwar, aber es erstaunt ihn immer wieder. Erst neulich lernte sein Nachbar im Forumbad Schwimmen. Mit 45 Jahren. Nicht bei Tim, sondern bei einem Kollegen. Tim hat für diesen Schritt Respekt. Denn selbstverständlich ist er nicht. Vor allem Kinder aus bildungsfernen Schichten können nicht schwimmen - weil es ihre Eltern auch nicht können. "Die meisten Kinder kamen mit Wasser vorher nie in Kontakt", sagt Kathrin Baehr. Die Dusche vor der Schwimmstunde, den Kopf unter Wasser halten, nicht mal das sind die Kids gewohnt und müssen es wie die Erwachsenen erst mühsam lernen. Der Schwimmunterricht in der Schule könne aufgrund seines begrenzten Umfangs nur bedingt Abhilfe schaffen; vertiefende Kurse seien nötig: "Es ist ein Unterschied, ob man sich über Wasser halten oder richtig schwimmen kann." Doch viele Eltern könnten oder wollten diese Vertiefungskurse nicht bezahlen. Zwischen 42 und 47 Euro kostet ein zehnmonatiger Schwimmkurs: "Das ist deutlich günstiger als die Musikschule", sagt Kathrin Baehr.