Interview

"Jugendliche in Schulprojekten für Ehrenamt begeistern"

Was bringt Jugendliche dazu, sich zu engagieren? Und welchen Wert hat dies für sie persönlich und für die Gesellschaft? Darüber sprach Beatrix Fricke mit Professor Heinz Reinders.

Er lehrt und forscht an der Universität Würzburg im Bereich Empirische Bildungsforschung und beschäftigt sich mit dem Thema Soziales Engagement seit acht Jahren. Mit ihm sprach Morgenpost-Redakteurin Beatrix Fricke.

Berliner Morgenpost: Brauchen Kinder und Jugendliche Anreize, um sich im sozialen Bereich zu engagieren?

Prof. Dr. Heinz Reinders: Sie brauchen einen Zugang. Das heißt, dass man nicht darauf warten sollte, dass sich Jugendliche von allein ein Betätigungsfeld suchen. Vielmehr braucht es einen Anstoß. Der kommt in Deutschland meist von den Eltern, die in Organisationen oder der Kirche aktiv sind. Oder auch von Freunden oder engagierten Lehrern.

Berliner Morgenpost: Sind diese Personen zugleich Vorbilder?

Prof. Dr. Heinz Reinders: Ja. Und sie sind die, die Interesse wecken. Denn bei den Jugendlichen entsteht soziale Aktivität weniger durch Betroffenheit als durch Interesse an einem Thema. Es ist nie zu früh, dieses Interesse zu wecken. Die Art der Betätigung sollte dann aber natürlich dem Alter angemessen sein.

Berliner Morgenpost: Welche Altersgruppe engagiert sich am stärksten?

Prof. Dr. Heinz Reinders: Häufig geht es mit elf Jahren los. Im Schnitt bleiben die Kinder und Jugendlichen zwei bis zweieinhalb Jahre dabei. Sich zu langfristig an etwas zu binden, schreckt den Nachwuchs eher ab.

Berliner Morgenpost: Verlieren die Jugendlichen vielleicht irgendwann das Interesse am Ehrenamt, weil es dort kein Geld zu verdienen gibt?

Prof. Dr. Heinz Reinders: Nein. Unsere Studien haben gezeigt, dass sich Nebenjobs und soziales Engagement nicht ausschließen. Viele Jugendliche sind in beiden Bereichen aktiv.

Berliner Morgenpost: Wer ist denn aktiver - Jungen oder Mädchen?

Prof. Dr. Heinz Reinders: Mädchen und Jungen engagieren sich gleichermaßen, wobei Jungen eher bereit sind, Ämter in Verein, Organisation oder Gruppe zu übernehmen. Mädchen favorisieren den Kontakt zu den Menschen, für die sie sich einsetzen.

Berliner Morgenpost: In welchen Themengebieten sind die Jugendlichen besonders aktiv?

Prof. Dr. Heinz Reinders: Nach einer Studie von uns aus dem Jahr 2005 ist das zum einen die Integration von Ausländern, aber auch der Sport. Darauf folgt die Hilfe für Senioren, die Hilfe für Entwicklungsländer, die für Behinderte und die für sozial Schwache. Schließlich der Umwelt- und Tierschutz.

Berliner Morgenpost: Was bringt das Engagement?

Prof. Dr. Heinz Reinders: Zum einen profitiert natürlich die Gesellschaft unmittelbar, wenn Schwächere und Benachteiligte unterstützt werden. Zugleich stärkt es die Demokratie: Über die Aktivität beginnen die Jugendlichen, über ihre eigene Rolle und über ihre Handlungsmöglichkeiten in der Gesellschaft nachzudenken. Vor allem aber lernen die Kinder und Jugendlichen bei ihrem Einsatz viel über sich selbst.

Berliner Morgenpost: Was denn?

Prof. Dr. Heinz Reinders: Sie erkennen, dass sie mehr können, als sie denken. Das stärkt ihr Selbstwertgefühl. Oft bilden sie auch Kompetenzen aus, die für das Berufsleben nützlich sind, etwa Verantwortungsgefühl und Organisationstalent.

Berliner Morgenpost: Und wo bleibt der Spaß?

Prof. Dr. Heinz Reinders: Ohne Spaß geht natürlich gar nichts. Wenn es den nicht gibt, verlieren die Jugendlichen schnell die Lust. Umfragen zeigen, dass viele ihr Engagement auch als Möglichkeit sehen, neue Leute kennenzulernen. Wer Nachwuchs sucht, sollte also direkt auf die Jugendlichen zugehen, die ganze Clique ansprechen und neben der Arbeit auch für Spaß sorgen - zum Beispiel durch gemeinsame Fahrten.

Berliner Morgenpost: Nimmt das soziale Engagement eher zu oder ab?

Prof. Dr. Heinz Reinders: Es ist stabil: Rund ein Drittel der Jugendlichen in Deutschland ist sozial aktiv. Ich wünsche mir aber viel mehr. In den USA haben sich 50 Prozent der High Schools zu sozialen Diensten verpflichtet. Die jungen Menschen haben nach dieser Erfahrung eine deutlich höhere Sensibilität für soziale Themen und auch eine höhere Bereitschaft, aktiv zu werden. Das braucht auch Deutschland. Der Wegfall des Zivildienstes hinterlässt ein riesengroßes Loch im sozialen Bereich.

Berliner Morgenpost: Sollte soziales Engagement auch an deutschen Schulen verpflichtend werden?

Prof. Dr. Heinz Reinders: Warum nicht? Die Schule hat den Auftrag, die Schüler zu demokratischen, mündigen Bürgern zu erziehen. Dazu trägt soziales Engagement bei. Projekte kann man an viele Fächer koppeln: an Sozialkunde, Biologie oder auch Geschichte. Es gibt schon viele Konzepte und Schulen, die das so genannte Service Learning in den Unterrichtsalltag integriert haben.

Berliner Morgenpost: Gibt es Bereiche, die sich besonders gut für Service Learning eignen?

Prof. Dr. Heinz Reinders: Als besonders nachhaltig haben sich alle Arbeiten erwiesen, bei denen die Schüler in direkten Austausch mit hilfsbedürftigen Menschen treten. Und die Schüler sollten natürlich auch Erfolgserlebnisse haben! Mich selbst hat ein Schulprojekt übrigens auch richtungsweisend beeinflusst.

Berliner Morgenpost: Inwiefern?

Prof. Dr. Heinz Reinders: Während eines Forschungsaufenthalts in den USA im Jahr 2003 wollte ich eigentlich am Thema Jugendfreundschaften arbeiten. Doch dann habe ich erlebt, wie Schüler in Washington über ein Jahr lang in einer Suppenküche für Obdachlose mitgearbeitet haben. Das war wirklich hart, und es hat mich schwer beeindruckt, was das mit den Jugendlichen gemacht hat. So bin ich zu dem Tätigkeitsgebiet gekommen, das mich bis heute nicht loslässt.