Frauenquote

Frauen, erlöst dieses Land!

Redakteurin Kathrin Spoerr hat zwischen Kindergarten, Büro und Gutenachtgeschichte über die Frauenquote nachgedacht

Vor ein paar Tagen sagte mein Freund zu mir: "Eigentlich blöd von der Merkel, dass sie die Quote nicht will." "Was für eine Quote?", fragte ich nicht sehr freundlich, weil ich damit beschäftigt war, die Kinder ins Bett zu treiben und bei diesem anstrengendsten Teil des Tages nicht abgelenkt werden mag - schon gar nicht von politischen Themen. "Bestimmt die Frauenquote", murmelte meine Große, die gerade "Logo", die Nachrichten auf dem Kinderkanal, gesehen hatte. "Genau, die Frauenquote", rief mir mein Freund hinterher. Es ratterte in meinem Kopf, dann sah ich Schemen am Horizont: Frau von der Leyen, Frau Merkel, die Europäische Union und - die Frauenquote. Es war ja auch schon eine Weile her. Die Doktorarbeit von Herrn Guttenberg, die Eskapaden von Herrn Berlusconi hatten das Thema schnell in die zweite Reihe verdrängt, wo es jetzt vor sich hin dümpelte. Ich nahm mir vor, nach dem Zubettbringen mit meinem Freund darüber zu reden.

Die Kinder trödelten. Meine Kinder gehen nicht gern ins Bett. Sie wollen nicht schlafen. Sie merken noch nicht einmal, dass sie müde sind. Und es kostet gutes Zureden, dutzendfaches Ermahnen und schließlich meine ganze Autorität, sie dorthin zu bringen, wo sie nach acht hingehören: ins Bett. Ich habe nie verstanden warum, aber es ist so, dass allabendlich der kindliche Mitteilungsdrang sprunghaft steigt. Dem will ich Geduld und Aufmerksamkeit entgegenbringen. Zugleich ist es erforderlich, sie bei jeder Socke daran zu erinnern, dass sie sie ausziehen müssen. So wurde es wieder später, als es gut ist für eine Fünf- und eine Neunjährige, die um 6.45 Uhr aufstehen müssen. Dennoch bestanden sie auf ihrer Abendgeschichte - zu Recht, wie ich finde. Es gab ein Kapitel von "Kinder aus Bullerbü" und danach einen Streit über ein zweites, den ich gewann. Um fünf vor neun ging das Licht aus.

Nach drei Stunden erwachte ich. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, denn mein Freund hatte mal wieder den Abend allein verbringen müssen. Bevor ich aufstand, um zu schauen, ob er noch wach war, schoss mir die Sache mit der Quote wieder durch den Kopf. Plötzlich kam die Erinnerung zurück. Stimmt, die EU hatte die Debatte angefangen, und Frau von der Leyen hatte das auch gut gefunden - so ähnlich war die Formulierung gewesen, die die Redakteure von "Logo" verwendet hatten. Mein Freund war schon im Bett. Und dahin zog es auch mich. Als ich dann so dalag, fing ich an, mich zu ärgern. Ich ärgerte mich, dass ich keine wirkliche Ahnung über diesen EU-Vorstoß hatte und darüber, dass mein Freund den ganzen Abend mit Zeitung und "Tagesschau" verbringen konnte. Ich versuchte mich zu erinnern, wann ich das letzte Mal eine Nachrichtensendung für Erwachsene gesehen hatte, erinnerte mich aber nicht. Ich ärgerte mich, dass ich den Abend verschlafen und mal wieder die Gelegenheit vertan hatte, nicht nur eine gute Mutter, sondern auch eine gute Partnerin zu sein. Ich fragte mich, warum ich mich inzwischen besser mit Kindersocken und Kindersorgen auskenne als mit Politik. Ich fand es kurz vor dem Einschlafen in Ordnung, dass Frauen wie ich nicht in Führungspositionen kommen. Und ganz zum Schluss ärgerte ich mich darüber, dass ich das gedacht hatte.

Am nächsten Morgen war die Erinnerung an den Groll der Nacht weggeblasen. Es musste schnell gehen. Ich quetschte Zahnpasta, bürstete Mädchenhaare, erfuhr, warum die Jeans schlecht, das Seidenkleid, das zu Omas 75. gekauft worden war, auch an einem turbulenten Schul-Donnerstag kleidsam sei, machte mich selbst bürofertig. Für die drei Striche Schminke, die ich mir erlaube, fehlte heute die Zeit. Ich würde die Mascara an der ersten roten Ampel zum Einsatz bringen, denn darin bin ich geübt. Um viertel acht waren alle Zöpfe geflochten. Pünktlich duftete es nach Kaffee und Brötchen, die mein Freund, wie immer, vorbereitet hatte. "Er ist mir nicht böse", dachte ich, versäumte aber, ihm zu danken, denn die Zeit war knapp.

Diskussionen um das Abholen

Um dreiviertel acht ging das Aufbruchchaos los. Hier musste ich das erste Mal an diesem Tag ausrasten, weil meine Töchter einfach nicht verstehen, dass sie nur dann pünktlich kommen, wenn wir rechtzeitig losgehen. Meine Große erreichte knapp rechtzeitig die Schule, die Kleine machte im Kindergarten nur ein relativ kleines Theater um die Frage, wann sie heute abgeholt wird. Ich versprach ihr, Victors Mutter anzurufen und zu fragen, ob sie um 14 Uhr mit ihm gehen könne, statt bis 18 Uhr auf mich warten zu müssen und die Letzte im Kindergarten zu sein. Um die Betreuung meiner Großen musste ich mich heute nicht kümmern, denn es war Donnerstag, und da geht sie mit ihrer Freundin Noa zum Ballett. Den Fahrservice übernimmt Noas Mutter, eine Lehrerin, die wegen ihrer drei kleinen Kinder aber nicht arbeitet. Um 8.30 Uhr saß ich, allein, im Auto. Ich atmete tief durch und stellte den Deutschlandfunk an, um Nachrichten zu hören, wenigstens leise nebenbei. Die Fahrt ins Büro dauert eine halbe Stunde. Ich würde sie dringend brauchen, denn es waren jede Menge Anrufe zu erledigen. Handwerker, Babysitter, Arztbesuche. Eigene und Verabredungen der Kinder, und ein Gespräch mit dem Kindsvater stand auch mal wieder an.

Im Radio fiel das Wort Frauenquote, und ich stellte lauter. "... weil die Frauenquote zuallererst den Frauen selbst schadet ...", sagte der Kommentator, und ich wollte mich gerade über die Dialektik dieses Halbsatzes wundern, als mein Blick auf den Ballettrucksack fiel. Ich wagte einen sportlichen U-Turn zurück zur Schule, der die S-Klasse hinter mir zum Bremsen nötigte und ihren Fahrer provozierte, mich durch die Frontscheibe zu beschimpfen. Ich hörte seine Worte nicht, verstand aber, was er sagte: "Du dumme Kuh, bei dir haben sie wohl das Gehirn vergessen, du kannst wohl nur shoppen und Kinder kriegen. Lass dir lieber die Haare blondieren und geh zurück an deine Waschmaschine." In meiner Halsschlagader dröhnte das Blut. Ich zerstach dem Menschen in Gedanken die Autoreifen. Da fiel mir ein, dass ich noch immer mit Winterreifen fuhr, obwohl schon Mai war. Ich griff zum Telefon, um den Reifenwechsel zu terminieren.

Der im Radio war unterdessen bei den verheerenden ökonomischen Folgen einer Frauenquote angekommen. Ich war gespannt, wie er diese These belegen würde. Sie deckte sich nicht wirklich mit meinen Erfahrungen im Beruf. Ich vermute zwar, dass die Frauen ohne Kinder, mit denen ich zusammen arbeite, um diese Zeit noch schliefen oder Zeitung lasen oder Kaffee tranken, denn das tat ich früher um diese Zeit auch. Doch sobald dies erledigt war, würden sie sich für den Ringkampf um Führungspositionen rüsten - und zwar auch ohne Frau Merkels Unterstützung. Ich selbst würde zum Zeitunglesen erst im Büro kommen. Doch zuvor musste ich, zum dritten Mal, bei Victors Mutter anrufen, die vor ihren vier Kindern 50 Leute eines internationalen Unternehmens unter sich hatte, jetzt aber nicht ans Telefon ging, wahrscheinlich weil sie ihrer Einjährigen gerade eine frische Windel verpasste.

Der Kommentar über die Frauenquote war vorbei. Leider hatte ich außer drei Halbsätzen nichts davon mitgekriegt und musste mich wegen des Ballettsachenumwegs nun auch noch richtig beeilen. In den verbleibenden 15 Fahrminuten erreichte ich den Heizungsmonteur, der das Brummen unserer Gastherme beseitigen muss, was er neulich schon mal tun wollte, dann allerdings vor verschlossenen Türen stand, weil ich den Termin vergessen hatte.

Als ich im Büro eintraf, saßen mein Chef und ein paar andere Kollegen, alles Väter, schon an ihren Schreibtischen, und ich fragte mich kurz, wie sie das schafften. Die Antwort fiel mir sofort ein: Sie haben Frauen. Dann begann etwas Schönes, nämlich ein normaler Arbeitstag. Kurz bevor ich die Zeitungen griff, um mir endlich einen Überblick zu verschaffen, ging mein Chef zur Frühkonferenz. Ich war froh, dass er, und nicht ich, es tat, vorbereitet und themensicher. Ich bekam einen Schweißausbruch bei der kurz aufflammenden Vorstellung, dass ich seinen Job übernehmen müsste, wenn Frau von der Leyen sich gegen Frau Merkel durchsetzen würde. Doch dann ärgerte ich mich schon wieder über mich: War es jetzt so weit, dass ich froh war, einen Chef zu haben, statt ein Chef zu sein? Hatte die Mutterschaft eine Gernuntergebene aus mir gemacht? War ich innerlich zum Mit-Arbeiter geworden? Plötzlich fühlte ich etwas Rebellisches in mir. Warum, fragte ich mich, muss die Frühkonferenz so früh stattfinden? Die Entwicklungen des Tages sind deutlich später deutlich besser absehbar. Deutlich später könnte auch eine Frau mit kleinen Kindern deutlich häufiger daran teilnehmen. Ich stellte mir vor, was eine Verschiebung der Konferenz verändern würde: Womöglich säßen dort nicht mehr nur drei oder vier Frauen zwischen 20 oder gar 30 Männern, sondern es wären 20 Frauen und 20 Männer. Der Gedanke gefiel mir. Ich wollte ihn mit einer Kollegin weiterspinnen, die auch Kinder hat. Aber sie war heute nicht da. Ihr Jüngster war krank.

Kinder vom Staat erziehen lassen?

Die Natur des Kindes ist es, manchmal krank zu sein, dachte ich. Warum gilt es aber als Natur der Sache, dass sich immer Frauen um die kranken Kinder kümmern? Ich erinnerte mich an ein Fahrstuhlgespräch mit einer Kollegin, die es bis zur Ressortleiterin gebracht hat. Sie stand vor der altersbedingt nicht aufschiebbaren Frage, ob sie es riskieren könne, Kinder zu kriegen. Wir brauchten eine Fahrt von genau acht Stockwerken, um zu klären, dass dieses Projekt ihr beruflich den Hals brechen würde. Ich sehe noch ihren Blick, als sie den Fahrstuhl verließ. Er fragte: Will ich Kinder haben und, wie du, als Teilzeit-Angestelltenwürstchen in Rente gehen? Oder will ich weitermachen wie jetzt - und kinderlos sterben? Dass Kinder und Karriere möglich sind, dachte wohl keine.

Um zehn vor zwei hatte ich eine Adrenalinausschüttung, als mir einfiel, dass ich noch immer nicht mit Victors Mutter gesprochen hatte und dass, wenn ich sie jetzt nicht erreichte, meine Kleine im Kindergarten verschmoren würde und sie noch nicht mal angeben kann, weil ihre Mutter ja kein "Scheff" ist, wie zum Beispiel Victors Vater. Victors Mutter sagte: "Na klar kann sie mitkommen", und dafür liebte ich sie einen Moment.

Um 17 Uhr endete mein Arbeitstag. Keine Minute später. Länger kann ich nicht bleiben, weil meine Kinder auf mich warten. Natürlich könnte ich sie einfach ausharren lassen. Das ist es wohl auch, was die Politik von mir erwartet, wenn sie anbietet, die Kindergärten bis 20 Uhr geöffnet zu lassen. Ich will aber nicht, dass meine Kinder vom Staat großgezogen werden. Ich betrachte den Job nach 17 Uhr nicht als Nebenjob. Er wird zwar nicht bezahlt und man kann keine Karriere darin machen. Und doch ist mir diese Arbeit wichtiger als die, die um 17 Uhr endet.

Darum muss bis 17 Uhr im Büro alles erledigt sein. Witzigerweise ist um 17 Uhr auch alles erledigt - wenn ich von der Abendkonferenz absehe. Wann genau sie stattfindet, weiß ich nicht. Ich weiß aber, dass, wenn sie um 16.30 Uhr stattfände, auch Frauen mit kleinen Kindern daran teilnehmen könnten.

Wie lange der Tag meiner Kollegen noch gehen wird, weiß ich nicht. Ich vermute, dass sie noch eine ganze Weile mit Anwesenheit glänzen. Wie produktiv sie sind, wenn sie bis in den Abend hinein im Büro ausharren, kann ich nicht beurteilen. Ich vermute, dass sie auch gern früher zu ihren Familien aufbrechen würden. Vielleicht muten sie ihren Kindern so lange Bürotage nur deshalb zu, weil sich ihre Frauen um die Kinder kümmern.

Ich jedenfalls will spätestens um 18 Uhr zu Hause sein. An der Freude meiner Kinder merke ich, wie lang meine Arbeitstage für sie sind. Wenn meine Kinder und ich dann zu Hause sind, wenn das Abendessen, die Hausaufgaben, die kleinen entzückenden Plaudereien, die Ermahnung, sich keinesfalls um die täglichen 15 Minuten am Klavier zu drücken, und die Diskussion um die Frage, ob die halbe Fernsehstunde auf eine Stunde verlängert werden kann, erst vor und dann hinter mir liegen, wenn die Kinder im Bett auf ihr Bullerbü-Kapitel pochen, wenn dann, um fünf vor neun, das Licht ausgeht und ich drei Stunden später hochschrecke, dann werde ich heute zum letzten Mal an die Frauenquote denken. Ich werde an den heutigen Tag denken und mich wundern, wie viel man in 24 Stunden bewältigen kann. Ich werde mich stark finden.

Frauen sind die Fitteren

Ich werde finden, dass Frauen eigentlich keine Quote brauchen sollten, weil Quote nach Förderung Schwacher klingt. Schwach finde ich weder mich noch die Frauen, mit denen ich zusammen arbeite. Schwach werde ich finden, dass Frauen dennoch nicht an den Stellschrauben dieses Landes mitdrehen. Schwach werde ich finden, dass Frauen trotz besserer Schulnoten, trotz höherem Anteil bei Abitur, Studium und Promotion, dass sie, wenn sie gerade voll auf dem beruflichen Gaspedal stehen, ausgebremst werden, weil sie etwas Unternehmensschädigendes wie eine Schwangerschaft wagen. Schwach werde ich finden, dass die paar Frauen, die jetzt schon an den Tischen der Macht sitzen dürfen, dafür oft einen unanständig hohen Preis zahlen: den Verzicht auf Mutterschaft.

Ich werde finden, dass die Frauenquote die Erlösung dieses Landes sein könnte - so lange jedenfalls, bis Frauen genauso oft zu den alles entscheidenden Konferenzen gehen wie Männer, so lange bis Frauen keine Angst mehr haben müssen, Kinder zu kriegen, weil sie für diese Entscheidung von männlichen Vorgesetzten bestraft werden: mit dem Verlust all dessen, wofür sie gearbeitet haben, bevor sie Kinder hatten. Ich werde finden, dass die Frauenquote die Erlösung ist für dieses schrumpfende Land, weil Frauen mit Kindern und Beruf unterm Strich die Fittesten sind.

Ich werde, anders als gestern, finden, dass die Tatsache, dass ich mich mit Kindersorgen und Kindersocken auskenne, mich nicht für den Kampf um Führungspositionen disqualifiziert. Bevor ich in dieser Nacht wieder einschlafe, werde ich mir vornehmen, morgen einen Artikel zu schreiben, in dem ich fordere: Wir brauchen die Frauenquote!

Wenn ich ins Büro komme, sind die Väter längst am Schreibtisch