Frauen-Fußball

Die kleinen Ballköniginnen

Teamgeist, Disziplin, Spaß - immer mehr Mädchen zieht es auf den Fußballplatz

Foto: David Heerde

Rot geschwitzte, zufriedene Gesichter in der Umkleide, Stollenschuhe klacken über die Fliesen. Die "U13-Mädchen" von Hertha 03 Zehlendorf haben gerade ihre Gegnerinnen aus Marzahn mit einer 9:2 Niederlage nach Hause geschickt. Die Stimmung ist ausgelassen: "Na Lars, waren wir gut?" Trainer Lars Kandetzki ruft zur Ordnung und verteilt sein Lob gleichmäßig. Mannschaftsgeist und Disziplin beim Fußball stehen für den 40 Jahre alten Polizisten weit oben auf dem Trainingsplan. Genau wie bei den Jungen. In der Kabine überlegen die Elf- und Zwölfjährigen, wie sie überhaupt zum Fußball gekommen sind. Einige begeisterten die älteren Brüder oder der Vater für das Ballspiel. Keines der Mädchen hat eine Mutter, die Fußball spielte. Diese Welle wird wohl erst die nächste Generation erfassen, denn inzwischen zählt die Ersatzbank der deutschen Kickerinnen nach einer FIFA-Zählung von 2006 schon 1 870 633 Frauen und Mädchen. Nur in den USA treten mehr gegen den Ball - rund sieben Millionen Frauen. Die meisten Mädchen zieht es im Grundschul-, manchmal sogar schon im Kita-Alter aus eigenem Antrieb auf den Platz. Nicht immer zur Freude der Eltern. "Mein Mann ist mit unserer Tochter in den Verein gefahren und er hat ihr Hockey und Tennis gezeigt, aber die sagte nur: Ist alles prima Papa, aber jetzt gehen wir zum Fußball", erzählt eine Mutter am Platzrand. Auch wenn sie selbst den Ball nicht anrührt, schaut sie jetzt regelmäßig zu, wie ihre jüngste Tochter um den Ball kämpft. "Aber musisch ist meine Tochter auch", betont sie.

Obwohl viele Menschen meinen, Fußball sei Männersache, ist die Bilanz der Frauen makellos: Weltmeisterinnen in den Jahren 2003 und 2007, Europameisterinnen in den Jahren 1989, 1991, 1995, 1997, 2001, 2005, 2009, Olympia-Dritter 2000, 2004 und 2008. Den Fußballmädchen beim Verein Hertha 03 sind solche Bilanzen und auch die Frauenfußball-WM im eigenen Land eher gleichgültig. Sie sind einzig vom Ballfieber gepackt. "Gut mit dem Ball zu spielen, ist einfach cool", fasst Samira ihre Lust am Spiel zusammen. "Gut zu spielen, auf sich stolz sein zu können, ist das Wichtigste. Auch wenn die anderen mal gewinnen", sagt die Zwölfjährige. Die Mitspielerinnen in der Kabine widersprechen lautstark, für sie ist die Gemeinschaft das Entscheidende. "Ich finde den Zusammenhalt in der Mannschaft beim Spiel am besten", sagt Torfrau Isabell. Vom Siegen ist in der Kabine wenig die Rede.

Es gibt zu wenig Trainer

Während bei den Jungen schon früh darum konkurriert wird, wer in den Verein aufgenommen wird oder wer in die Mannschaftsaufstellung zum Spiel und schließlich zum Einsatz kommt, wird bei den Mädchen weniger gerangelt. "Die Mädchen sind nicht so fehlerfixiert wie die Jungs", sagt Trainer Kandetzki. Der Ehrgeiz sei, guten Fußball zu spielen und nicht "besser oder "Sieger zu sein". Damit können die Leistungsunterschiede, die innerhalb einer Mädchenmannschaft toleriert werden, größer sein als bei den Jungen. Eine echte Chance für Mädchen, die erst ein paar andere Sportarten ausprobieren und später auf Torejagd gehen.

"Wichtig ist auf dem Platz", sagte schon der ehemalige Fußballbundestrainer Sepp Herberger. Das gilt auch an diesem sonnigen Nachmittag im Spiel Hertha 03 gegen Marzahn. Das Spiel beider Teams ist konzentriert, körperbetont, technisch sauber und fair. Auch nach dem 6:2 und 7:2 wird nicht gefoult oder geschimpft. Der Torjubel bleibt verhalten. Die Trainerkommentare sind aufmunternd, die wenigen Zuschauer bleiben ruhig. "Das ist nicht immer so", sagt Heidi Macholdt. "Das Schlimmste sind überehrgeizige Eltern, die vom Spielfeldrand ins Spiel reinschreien und sich wie ein Trainer aufführen. Manche Mädchen wollen gar nicht mehr, dass die Väter zuschauen." Heidi Macholdt leitet die Mädchen und Frauenabteilung beim Hertha 03 Fußball. Die 56 Jahre alte Sekretärin kennt die Liga seit Jahren. Und das Verhalten von manchen Trainern, Eltern, Verbandsfunktionären. "Eltern sollten ihre Töchter schon zu den Spielen begleiten und hinschauen, was Trainer und andere Eltern sagen", rät sie. "Mädchenfußball ist noch nicht voll akzeptiert." Sie wünscht sich vor allem mehr ehrenamtliche Trainer und Betreuer. Schon heute müssen Mädchen in den 320 Vereinen abgewiesen werden, weil es zu wenig Trainer gibt. Ist die Tochter im Verein aufgenommen worden und in der Mannschaft angekommen, fehlt oft die Unterstützung am Spielfeldrand oder Eltern, die die Mädchen zu Auswärtsspielen fahren.

Ein Begleiter, kein Besessener

Viele Mädchen wünschen sich mehr Anerkennung für ihren Sport. Sie schauen häufig auf spärlich besetzte Ränge oder warten bei Ligaspielen auf Schiedsrichter, die vom Verband gar nicht erst geschickt wurden. "Mädchenfußball im Verein heißt zwei Mal wöchentlich trainieren und rund 50 bis 60 Termine zusätzlich im Jahr", rechnet Trainer Kandetzki vor. Der Sport der Tochter wird da schnell zum Hobby der Eltern. Aber er bietet auch besondere Chancen: Vier der U-13-Mädchen wechseln auf sportbezogene Oberschulen.

Rajani Rajkumar schaut ihrer Tochter bei jedem Spiel zu. Nevetha mit der Rückennummer 12 räumt gerade erfolgreich das Mittelfeld um. Zwei Körperdrehungen, eine Gegnerin ist ausgespielt und schon steht die Mitspielerin für den Pass nach vorne frei. Nach dem Abpfiff der ersten Halbzeit holt sie sich bei Muttern eine lange Umarmung ab. Nach dem Anpfiff zur zweiten Hälfte wird aber wieder konzentriert Fußball gespielt.

Nevetha begeisterte der Sportlehrer der Süd-Grundschule, die mit dem Verein Hertha 03 eine Kooperation unterhält, für den Ballsport. Sie hat sich schnell in die Mannschaft gespielt. "Spaß? Gewinnen ist Spaß", sagt die ehrgeizige Zwölfjährige. Ihre Mutter findet Fußball gut, obwohl die aus Sri Lanka stammende Familie eher Cricket spielte. "Der Mannschaftsgedanke hier ist toll", sagt Rajani Rajkumar. Neben ihr steht Michael Müller, der seiner Tochter Leonie zuschaut, die eines Tages vom Bolzen mit den Schulfreunden nach Hause kam und sagte: "Papa, ich will Fußball im Verein spielen." Er habe gar keine Ahnung von Frauenfußball gehabt, sagt Müller, meldete seine Tochter aber dann beim Verein an. Jetzt schaut er zu, wie die Mannschaft kämpft. "Die müssen sich auch durchbeißen, um aufgestellt zu werden und spielen zu dürfen", sagt Müller. Sein Wunsch für die Elfjährige: "Ich will, dass sie Spaß hat, eine Superfußballerin muss sie nicht werden." Michael Müller wirkt wie der Vater, den sich alle Trainer von Mädchen und Jungen wünschen. Ein Begleiter, kein Besessener.

Und was sagen Jungen zu Fußball spielenden Mädchen? Sie nähern sich an. Nach dem Abpfiff wird Trainer Lars vom Jungentrainer von SFC Stern 1900 belagert: "Meine Jungen wollen unbedingt wieder gegen deine D-Mädchen spielen. Wir müssen einen Termin finden." Die nehmen die Herausforderung gern an, auch wenn sie meist verlieren. Was Samira gar nicht mag, sind Jungs, die glauben, Mädchen könnten nicht Fußball spielen. Torfrau Isabell hat das passende Rezept: "Denen muss man nur ordentlich was reinschrubben, dann haben die Respekt." Schon in der E-Jugend fragen Achtjährige ihre Trainer, warum die Jungen härter trainieren dürfen.

Respekt für den eigenen Sport ist der größte Wunsch der Mädchen, auch wenn sie sich am Männerfußball orientieren. Lionel Messi, die Bayern und Hertha BSC stehen höher im Kurs als Nadine Angerer, Lira Bajramaj oder Turbine Potsdam. "Ich sehe lieber Männerfußball. Die sind attraktiver", sagt die zwölfjährige Antonia. Vielleicht ändert sich das am 26. Juni. Heidi Macholdt hat für alle Mädchen Karten für das Eröffnungsspiel der Frauenfußball-WM im Olympiastadion geordert.